Die Filmgeschichte ist auch Tanzgeschichte, von Thomas Edisons flackernden Serpentintänzerinnen der ersten Kinotage über Fred Astaire zu Michael Jackson. Als man bei Kodak 1926 den Farbfilm ausprobierte, filmte man eine Choreografie von Martha Graham, und Technicolor glänzte später nie traumhafter als im Ballettfilm-Klassiker „Die roten Schuhe“. Und doch ist großer Filmtanz immer etwas anderes als Bühnentanz: Schweiß und Anstrengung treten zurück, das Kunstvolle wird überhöht zu wunderbarer Künstlichkeit. Frederick Wisemans 158-minütiger Dokumentarfilm „La Danse – Das Ballett der Pariser Oper“ bringt nun beides auf einmal ins Kino: Den Tanz als Arbeit und den Tanz als Zauber.
Unbestechliche Klarheit in der Wahrnehmung
Ersteres durfte man erwarten von einem Werk des Achtzigjährigen, der berühmt wurde mit seinen erhellenden Innenansichten aus dem Funktionieren oder auch Nichtfunktionieren amerikanischer Institutionen vom Zoo bis zur Armee, von der High School bis zur gesetzgebenden Instanz eines Bundesstaates. Auch dem New Yorker American Ballet Theatre widmete er 1995 eine Arbeit. All diese Filme zeichnen sich aus durch eine unbestechliche Klarheit in der Wahrnehmung, und wenn es eine Poesie gab, so lag sie in der Diskretion, mit der er überraschende Einsichten wie von selbst zu Tage förderte. Doch der Zauber einer Ballettaufführung, in der sich Anstrengung in Schwerelosigkeit verwandelt? Wie verträgt sich das mit schonungsloser Kamera-Analyse? Wiseman hat in diesem Film – vielleicht das erste Mal in seinem Werk – zu einer schwärmerischen, aber dennoch nie beschönigenden Wärme gefunden. Sein wunderbarer Film rückt der berühmten Kompanie auf die Pelle, doch nur so weit wie es nötig ist, um ihr Funktionieren als Institution zu begreifen.
Die Feier einer Kunstform
Statt Intrigen aufzuspüren, dokumentiert er ein geradezu fürsorgliches Verhältnis der Direktorin Brigitte Lefèvre zur tanzenden Belegschaft. Dem eigentlichen Werden der Kunst aber lässt er sein Geheimnis. Probenausschnitte wechseln mit fertigen Choreografien ab, und obwohl dabei das gesamte Repertoire des Jahres 2008 erfasst ist, heißt der Film zu Recht „La Danse“ im Singular. Denn Wiseman porträtiert hier nicht nur eine Institution, er vermittelt ihrer spezifischen Arbeit eine Kunstform im Allgemeinen.
Um etwas ähnliches zu finden muss man schon in die Malerei abschweifen – zu Clouzots „Le msytère Picasso“ oder Rivettes Spielfilm „Die schöne Querulantin“. Wer Wisemans Film „State Legislature“ kennt, weiß, dass ihm die Kunst der Vermittlung auch dann in mitreißender Weise gelingt, wenn man sich zuvor kein bisschen für das Thema interessiert hat. Um wie viel mehr werden die Fans des Metiers diesmal ins Staunen geraten.
La Danse – Das Ballett der Pariser Oper, Regie: Frederick Wiseman, USA/F 2009, 158 Minuten.