Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

03. März 2016

Neu im Kino: „El Clan“: Ein Stockwerk darüber der Tod

 Von Frank Olbert
"El Clan": Ein gottesfürchtiger Haushalt, dessen Patriarch erpresst und tötet.  Foto: Prokino

Keine Parabel, sondern ein wuchtiges Drama: Pablo Traperos Film „El Clan“ dreht sich um eine mörderische Familientradition im Argentinien der Diktatur.

Drucken per Mail

Blaue Augen können das Versprechen reiner Unschuld sein, oder sie können so kalt und spiegelglatt wirken wie ein Bergsee im Winter. Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) beherrscht beide Varianten, denn sie sind perfekter Ausdruck seiner Doppelexistenz: Nach außen hin ist er der biedere Patriarch einer Großfamilie, der des morgens den Bürgersteig fegt und regelmäßig die Kirche besucht. Hinter dieser Fassade aber entführt, foltert und ermordet er Menschen.

Pablo Traperos Film „El Clan“ spielt im Argentinien der frühen 80er Jahre. Es herrscht eine Militärdiktatur, die sich vor allem auf eines versteht: Unliebsame Bürger verschwinden zu lassen. Als ehemaliger Geheimdienstler kennt sich Traperos düsterer Protagonist in diesem Geschäft bestens aus, das er nun dazu benutzt, Bewohner der Reichenviertel von Buenos Aires zu erpressen. Assistiert wird er dabei von seinem ältesten Sohn Alejandro (Peter Lanzani), dem er ein Doppelleben aufzwingt, wie er selbst eines führt.

Alejandro ist Star der argentinischen Rugby-Mannschaft, ein Sonnyboy, der im Parterre des elterlichen Hauses ein Sportgeschäft eröffnet und eine romantische Liebesgeschichte mit Monica erlebt. Doch Alejandro führt die mörderische Familientradition in die nächste Generation fort.

Die Oberfläche und die Unterwelt Argentiniens

Vor vier Jahren hat Trapero den Film „Die verborgene Stadt“ gedreht. Der Titel könnte auch auf den Nachfolger passen, mit dem er in Venedig den Silbernen Löwen gewann: Das Haus der Puccios repräsentiert gewissermaßen die Oberfläche und die Unterwelt Argentiniens, den bürgerlichen Phänotyp und all die Leichen im Keller, und dies überdauert die Militärdiktatur. Mit viel Gespür für menschliche wie für politische Abgründe führt Trapero vor, wie die alten Seilschaften auch nach 1983 und der Hinwendung zur Demokratie weiter wirksam sind. Sein Arquímedes wendet sich kurzerhand an die alten Bekannten vom Geheimdienst, die sicherstellen, dass er auch unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen Menschen verschwinden lassen kann.

Das Überzeugende an Traperos „El Clan“ aber ist, dass er den Zusammenhang zwischen der individuellen, nach einem realen Fall modellierten Familiengeschichte der Puccios und der allgemeinen Geschichte des Landes nicht künstlich herstellen muss. Der Film ist keine Parabel, kein Gleichnis, das die große Historie am kleinen Einzelbeispiel illustriert.

Vielmehr findet hier ein Drama statt, dessen wuchtige Konflikte zeigen, was unter einem repressiven, gewalttätigen Regime möglich war und wahrscheinlich immer noch ist: Während die Puccios beim Abendessen sitzen, die blauen Augen des Patriarchen seelenruhig und gleichzeitig unheimlich auf die Kinder gerichtet sind, sieht im Stockwerk darüber ihr an die Badezimmerrohre gekettetes Opfer dem Tod entgegen. Die Gewalt ist alltäglich, beinahe banal geworden.

Mehr dazu

Der echte Arquímedes Puccio stritt noch 2013 auf seinem Sterbebett ab, jemals etwas Unrechtes getan zu haben. Hinter seiner Selbstgerechtigkeit steckt auch ein verqueres Bild von der Familie: Um Wohlstand und Sicherheit zu wahren, macht er sich selbst und seinen Sohn zum Mörder – Guillermo Francella spielt diesen monströsen Charakter mit einer Bedrohlichkeit und gespenstischen Kompromisslosigkeit, die einen frösteln lässt. Peter Lanzani als Sohn Alejandro hingegen ist ein schwankendes Gemüt – hin- und hergerissen zwischen moralischen Skrupeln und einem unbedingten Gehorsam, den er dem Vater schuldig zu sein glaubt.

Trapero gelingt es außerordentlich packend, die autoritären, aggressiven Beziehungen nachzuvollziehen, die diese Familie prägen. Darüber hinaus aber weitet sich „El Clan“ zu einem Gesellschaftsporträt: Argentinien im Übergang von der Diktatur der Junta zur Demokratie, das ist ein vergessensseliges Land, in dem man kräftig Partys feiert, Champagner trinkt und Sportidolen wie Alejandro zujubelt.

„Sunny Afternoon“ singen die Kinks dazu, und es klingt wie ein böser Kommentar auf all die gute Laune, die man sich unter keinen Umständen durch Gedanken an die Vergangenheit verderben lassen möchte.

El Clan. Argentinien/Spanien 2015. Regie: Pablo Trapero. 109 Min.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Anzeige

Filmtipps
Medien