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13. Januar 2016

Neu im Kino: „Creed – Rocky’s Legacy“: Rocky siegt nach 39 Jahren

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Der Jungspund und sein Mentor: Michael B. Jordan (l) als Adonis Johnson und Sylvester Stallone.  Foto: dpa

Sylvester Stallone stiehlt Michael B. Jordan als altersweiser Pensionär subtil die Show im nostalgischen Boxerdrama „Creed – Rocky’s Legacy“. Trotzdem blickt man mit Wehmut zurück auf die Qualitäten des ersten "Rocky" von 1976.

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Wenn Filmfans gerade diskutieren, ob der jüngste „Star Wars“-Film wirklich eine Fortsetzung ist oder doch eher ein Remake des ersten, kommt einem „Rocky“ in den Sinn. Erzählte nicht jeder dieser Filme genau genommen die gleiche Geschichte? Und bestand nicht der Reiz jedes weiteren Teils darin, auch die größten Triumphe des vorherigen als endlich zu entlarven? Nur um dann mit malerischer Geste jene Asche auf der Leinwand anzurühren, aus der sich dieser Phoenix mit letzter, wirklich allerletzter Kraft erheben würde?

Seit für Filmserien das hässliche Business-Wort Franchise in Mode gekommen ist, riecht auch ein freudig erwarteter, neuer „Rocky“ erstmal nach McDonald’s. Welch durchschaubares Kalkül, das Wiedersehen mit dem alten Recken an einen Generationswechsel zu knüpfen, um die Serie dann endlos fortzuschreiben. Wie oft hat man dieses Muster nicht schon im Sportler- oder Spielerfilm gesehen – ein Jungspund, der sich von einem alten Recken unter die Fittiche nehmen lässt und so auch diesem zu einem späten Triumph verhilft über das Alter und Vergessenwerden? Na, wenn schon.

Der Fast-Food-Geruch ist spätestens dann verflogen, wenn wir mit dem jungen Creed, dem unehelichen Sohn des einstigen Gegners und späteren Freunds von Rocky Balboa, dessen gute alte Trattoria betreten. Und Sylvester Stallones Filmfigur dann über das Reich rotweiß karierter Tischtücher wachen sehen, zwar schlurfend, aber unverkennbar noch der alte Rocky. In seinem gemütlichen Stadtteilrestaurant in Philadelphia würden auch Susi und Strolch jederzeit einen Gratis-Teller Pasta bekommen. Und erst Recht der Sohn seines verstorbenen Freundes ein paar gute Tipps.

Der 68-jährige Stallone hat seine ikonische Filmfigur nicht nur erfunden, sondern ihre Comebacks gleich viermal inszeniert. Nun aber, unter der Regie des Nachwuchstalents Ryan Coogler („Nächster Halt: Fruitvale Station“), gibt er zum ersten Mal den altersweisen Pensionär. Was für eine erholsame Abwechslung für einen noch immer aktiven Acionstar, einmal nicht nur leiser zu treten, sondern gleich auch die Hälfte der Gesichtsmuskeln locker herunterhängen zu lassen.

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Tatsächlich jedoch verbirgt sich hinter der Lässigkeit des alten Mannes eine mittelgroße Depression. Als ihm eine Krebsdiagnose gestellt wird, lehnt Rocky Balboa jegliche Therapie ab. „Wenn ich kaputtgehe, war’s das. Alles, was ich hatte, ist vergangen.“ Wie nur kann dem Mann geholfen werden? In einem anderen Filmgenre vielleicht durch eine späte Liebe. Hier durch einen frühen Triumph des frischgebackenen Ziehsohns.

Wenn sich Stallone, der am vergangenen Sonntag bereits einen Golden Globe als Bester Nebendarsteller in einem Filmdrama nach Hause trug, hier auch für einen Oscar beworben hat, dann mit einem billigen Trick. Eigentlich imitiert er diesmal nämlich einen anderen alternden Boxer-Darsteller: Robert De Niro. Wie oft haben wir diesen zuletzt als kauzigen alten Mann gesehen, dem Drehbuchautoren soviel grummelige One-Liner in den Mund gelegt haben, bis man es nicht mehr mit ansehen mag? Ähnlich herzzerreißend geistert nun Stallone hundeäugig durch sein eigenes filmisches Denkmal – und reißt sich als Nebenfigur klammheimlich die zweite Hauptrolle unter den Nagel.

Das A und O im Boxkampf und erst recht im Boxerfilm ist Timing. Liebevoll nimmt sich Regisseur Coogler in seiner ersten Großproduktion Zeit für die Charakterisierung der Figuren. Sowohl Michael B. Jordans Adonis Creed, als auch dessen ungewöhnlich stark entwickeltes „love interest“, die Nachtclubsängerin Bianca (Tessa Thompson), werden zu glaubhaften, lebendigen Handlungsträgern, lange bevor die Action überhaupt beginnt. Die Kampfszenen wiederum hätten noch um einiges stärker inszeniert werden können. Insbesondere der finale Fight, in dem der junge Creed auch gegen den väterlichen Ruhm ankämpfen muss, enttäuscht – weniger in der sportlichen Performance als in der Inszenierung. Überkommentiert von Sportreportern, wirken die Bilder nicht für sich, obwohl sie gewiss das Zeug dafür hätten. Aber auch das gehört eben zu einem solchen Franchise: Einem neuen „Rocky“-Film muss man auch dann noch folgen können, wenn man parallel mit seinem Smartphone beschäftigt ist.

Treffsicheres Revival: Jordan und Stallone.  Foto: dpa

Keine Frage, es wird schwer für alle Generationen sein, von der Treffsicherheit dieses nostalgischen Revivals nicht mitgerissen zu sein. Und doch blickt man mit Wehmut zurück auf die Qualitäten des ersten Films von 1976. In der damaligen Kinosaison konkurrierte er mit Scorseses „Taxi Driver“ – und wurde als weiteres großes Sozialdrama mächtig unterschätzt. „Creed“ fehlt diese soziale Verortung, und er macht sehr wenig aus der Aufstiegsgeschichte seines jungen Protagonisten.

Doch Stallone kennt seine Rolle gut genug, um alle Brüchigkeit dieses scheuen jungen Mannes, den er 1976 bei aller physischen Stärke immer durchscheinen ließ, nun erst recht wieder auszuspielen. Wer hätte es gedacht? Auch nach 39 Jahren steht er am Ende als der große Sieger da.

Creed – Rocky’s Legacy. Regie: Ryan Coogler. USA 2015. 134 Min.

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