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Film

22. Januar 2016

Neu im Kino: „Der Bunker“: Kellerkultur

 Von 
Filmstill aus "Der Bunker": Der Junge soll der nächste Präsident der USA werden – so wollen es die Eltern.  Foto: Kataskop Filmproduktion & Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion KG

Was heißt originell im deutschen Kino? Der Debütfilmer Nikias Chryssos und seine etwas offensichtliche Kafkaeske „Der Bunker“. Es gibt aber eine herausragende Idee.

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Es war dann doch wieder ein trauriges Jahr für das deutsche Kino, auch wenn es die Branche anders sehen mag: „Fack Ju Göhte 2“, „Honig im Kopf“, „Traumfrauen“ oder „Der Nanny“ ließen die Kassen klingeln, und Produzent Nico Hofmann lobte erst vergangene Woche den deutschen Filmnachwuchs als „politisch, unangepasst und radikal“. Unangepasst immerhin begann das Filmjahr auf der letzten Berlinale mit zwei Genre-Experimenten, „Viktoria“ und – nun erst in den Kinos – „Der Bunker“.

Es gibt nur eine Außenaufnahme im Film, sie zeigt den verschneiten Eingang dessen, was der Titel wahrheitsgemäß als Schauplatz verspricht. Ein Student (Pit Bukowski) sucht in dem Betonverlies die Abgeschiedenheit einer denkbar unheimeligen Bleibe, auch die Befremdlichkeit seiner Zimmerwirte stört ihn nicht.

Ein Kloß zu viel

Ein von David Scheller in Ekel-Alfred-Manier verkörperter Patriarch und seine folgsame Gattin lassen sich ihre Gastfreundlichkeit teuer bezahlen: Weil er einen Kloß zu viel verspeist habe, so wird dem jungen Mann erklärt, habe er nun eine Schuld abzuarbeiten, was ihn und den Zuschauer die nächste Filmstunde lang beschäftigen wird.

Fortan hat der Student dem angeblich achtjährigen, äußerlich jedoch erwachsenen Sohn die nötige Bildung beizubringen, um das ihm zugedachte Lebensziel zu erreichen: Präsident der USA, darunter geben sich die Eltern nicht zufrieden. Dass dieses zu groß gewachsene Rumpelstilzchen mit Topfhaarschnitt nicht einmal die Hauptstadt zu benennen weiß, lässt ahnen, wie weit der Bildungsweg noch sein wird. Sein Lehrer wider Willen begreift erst allmählich die Regeln dieser Mini-Diktatur, macht sich dann aber gern zu ihrem willigen Vollstrecker.

Das greise Kind, konsequent einfarbig von Daniel Fripan verkörpert, weiß offenbar mehr, als es sagt – jedenfalls kommen ihm die Hauptstädte aller Herren Länder sehr leicht von den Lippen, wenn man ihm zuvor nur richtig auf die Finger haut. Schnell nimmt der Student die Rolle des sadistischen Erziehers an, was ihm wiederum die Gunst der Hausherrin einträgt: Huldvoll hält sie ihm dafür ihre Brust entgegen und lässt vorübergehend davon ab, ihren angeblichen Sprössling für diese ihr offenbar sehr angenehme Handlung zu missbrauchen (der Film ist ab zwölf Jahren freigegeben, was man nicht als Empfehlung missverstehen sollte).

Interessanter ist eine andere Vorliebe der von Oona von Maydell anfangs in sittenstrenger Tracht, später als entfesselter Vamp verkörperten Frau: Sie unterhält sich mit einer sprechenden Wunde an ihrem Bein, die sie dem jungen Mann als einen mächtigen Außerirdischen namens Heinrich vorstellt. Wenn in ersten Rezensionen Vergleiche zu David Lynch angestellt werden, mögen sie sich auf diesen herausragenden Einfall des Films beziehen; andere sind weniger verwegen.

Das entfesselte Kleinbürgertum

Wenn sich der Patriarch allabendlich ein Clownsgesicht malt, um angestaubte Witze im Tonfall einer Lyrik-Rezitation zu verlesen, ist der Film ganz da, wo er sein möchte: Es gilt, eine gespenstische Muffigkeit zu zelebrieren, ein entfesseltes Kleinbürgertum, halblustig und halbgruselig. Viel mehr aber auch nicht. Und beides leider nie ganz richtig.

Originell ist dieser Film lediglich im Kontext des deutschen Kinos. Die großen Festivals staunen spätestens seit 2009 über die finsteren Gegengesellschaften in den Filmen des Griechen Giorgos Lanthimos: In seinem Meisterwerk „Dogtooth“ hielt ein ähnlich autoritäres Paar seine Kinder in Gefangenschaft und vermittelte ihnen ein bizarres Weltbild. So wurden per Tonband die Bedeutungen von Wörtern falsch erklärt. In diesem Film, der wohl Modell gestanden hat für „Der Bunker“, kommt der Geliebten des Patriarchen die Rolle der Außenstehenden zu, an der sich das finstere Geschehen spiegelt.

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Es ist die Schattenseite der deutschen Filmförderung, dass man das internationale Kunstkino durch ein Überangebot hoch subventionierter heimischer Ware indirekt vom Markt fernhält. Lanthimos’ jüngstes Juwel „The Lobster“ hat trotz Stars wie Colin Farrell und Rachel Weisz keinen deutschen Kinostart. So kann man sich inzwischen selbst wie in einem Bunker fühlen, in dem die internationale Filmkunst nur noch dann eine Lobby hat, wenn deutsche Co-Produzenten und Förderer beteiligt sind.

Es ist eine beklemmende Situation, die man natürlich einem jungen Filmemacher wie Nikias Chryssos nicht zum Vorwurf machen kann. Und wer würde dem Deutschgriechen verdenken, sich am derzeit in fast aller Welt bewunderten griechischen Filmwunder ein Vorbild zu nehmen?

Der Bunker. D 2015. Regie: Nikias Chryssos. 88 Min.

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