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21. Januar 2016

Neu im Kino: „Die Wahlkämpferin“: Die Krise verkaufen

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Kein Kandidat kann so unmöglich sein, dass sie ihn nicht nach vorne bringen könnte: Sandra Bullock als „Die Wahlkämpferin“, hier mit Billy Bob Thornton.  Foto: dpa

Sandra Bullock trägt das Dokumentarfilm-Remake „Die Wahlkämpferin“, obwohl ihre Rolle glatt erfunden ist. Auch Marketingstrategisch ist der Film durchaus aufschlussreich: Wer weiß, wie es geht, kann noch den unbeliebtesten Kandidaten nach vorne schieben.

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Es ist keine Neuigkeit, dass in den letzten Jahren die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm durchlässiger geworden sind. Nicht nur die trivialen Mischformen des Reality TV stellten diese Kategorien in Frage, auch die Aufwertung des Dokumentarischen in der Filmkunst.

Die Berlinale gab bekannt, dass in diesem Jahr gleich zwei abendfüllende Dokumentarfilme gemeinsam mit zwanzig Spielfilmen um den Goldenen Bären konkurrieren: Mehr noch als Alex Gibneys Cyber-Spionage-Film „Zero Day“ weckt Gianfranco Rosis „Fuocoammare“ große Erwartungen. Der Italiener gewann schon das Venedig-Festival, als er nur auf einfühlsame Art einen Vorort Roms porträtierte, nun hat er einen Film über die Insel Lampedusa und die Krise der Migration gedreht.

„Die Wahlkämpferin“ ist nun der besondere Fall eines Hollywood-Spielfilms, der auf einem Dokumentarfilm basiert. Beide Filme erzählen unter demselben Originaltitel „Our Brand is Crisis“ vom bolivianischen Wahlkampf 2002 als Thriller. Gewiss wäre das überraschende – und in der Folge kurzlebige – Comeback des wenig charismatischen Ex-Präsidenten Fonzalo Sánchez de Lozada („Goni“) längst vergessen, hätte ihm nicht ein US-Wahlkampf-Management zum Sieg verholfen.

Das bolivianische Wahlsystem erledigt den Rest

Beide Filme erzählen sehr genau, wie es strategisch möglich ist, einem ausgesprochen unbeliebten Politiker zu immerhin 22 Prozent der Wählerstimmen zu verhelfen. Das bolivianische Wahlsystem, das nach dem Abba-Song „The Winner Takes It All“ modelliert scheint, tut dann den Rest.

Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den Filmen. In Wirklichkeit hießen die zweifelhaften Helfer James Carville, Tad Devine und Jeremy Rosner. Da offenbar keiner dieser Herren eine gute Rolle für Sandra Bullock abgab, erfanden sich Autor Peter Straughan und Regisseur David Gordon Green eine knochenharte Wahlkampf-Legionärin namens Jane.

Wer das unerhört findet, sollte darüber nachdenken, dass sich in Deutschland gerade gleich zwei Spielfilme über den Frankfurter Staatsanwalt der Auschwitzprozesse, Fritz Bauer, erfundener Protagonisten bedienten. Vielleicht wären diese beiden Filme noch erfolgreicher gewesen, wenn man ihre fiktiven Staatsanwälte etwa mit Jessica Schwarz oder Franka Potente besetzt hätte.

Viel Filmzeit wird darauf verwendet, ein Geheimnis um die einsame Strategin zu kreieren. Lange beobachtet sie nur schlechtgelaunt die Bemühungen der Kollegen. Dann läuft sie auf wie eine Berserkerin. Nachdem sie den nichtsnutzigen Kandidaten mit dem Schönwetter-Lächeln kräftig beleidigt hat, verkündet sie die Strategie, die zum originalen Filmtitel erhoben wurde: „Wir verkaufen die Krise!“

Ein „Yes, we can“ hat nicht immer Konjunktur

Marketingstrategisch ist die folgende Entwicklung aufschlussreich. Man erfährt viel darüber, warum Negativ-Kampagnen meistens scheitern. Tatsächlich hören wir gerade wieder, dass ein „Yes, we can“, von Angela Merkel recht wörtlich übersetzt mit „Wir schaffen das“, nicht immer Konjunktur hat. Doch die Strategen wissen genau, was sie tun. Sie wollen gar keine Mehrheit. Sie wollen nur etwas Aufmerksamkeit und dann dem stärksten Konkurrenten eine Korruptionsaffäre anhängen.

Das reichte für den Sieg eines Mannes, der das Land von 1993 bis 1997 regiert hatte, danach aber kaum vermisst worden war. Ein Jahr nach seinem Wahlerfolg 2002 wurde er nach Massenprotesten zum Rücktritt gezwungen. In kurzer Zeit hatte er nicht nur die wirtschaftliche Situation der armen Bevölkerung verschärft, er hatte auch Ressourcen zu Spottpreisen an US-Ölfirmen verkauft und die Proteste vom Militär blutig niederschlagen lassen. Heute genießt er in den USA Asyl, gilt aber immer noch als reichster Mann Boliviens.

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Dies wäre vielleicht eine interessante Geschichte, doch dieser Film gefällt sich besser mit seiner erfundenen Heldin.

Es gibt Filme, die man sich bereits sehr gut vorstellen kann, wenn man weiß, wer darin die Hauptrollen spielt. Ist Bullock einmal in Fahrt, peitscht sie die Rolle durch den Film – inklusive der dieser Figur ebenfalls eingeschriebenen Selbstzweifel, die am Ende zu einer unglaubwürdigen Läuterung führen. Keine Sekunde zweifeln wir daran, man habe ihr diesen Film auf den Leib geschrieben. Tatsächlich hat er noch eine Pointe außerhalb der Leinwand. Denn eigentlich sollte George Clooney ihren Part spielen. Sie sprang für ihren „Gravity“-Partner schließlich ein…

Die Wahlkämpferin. USA 2015. Regie: David Gordon Green. 107 Min.

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