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09. März 2016

Neu im Kino: "Grüße aus Fukushima": Japan, mon amour

 Von 
Rosalie Thomass als Marie (l) und Kaori Momoi als Satomi in einer Szene aus dem Film «Grüße aus Fukushima».  Foto: dpa

In Doris Dörries Tragikomödie "Grüße aus Fukushima" schließt sich eine Frau im Hochzeitskleid zwei Clowns an, die in Fukushima Überlebende des Erdbebens von 2011 unterhalten wollen.

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Schon in Doris Dörries Ensemblefilm „Bin ich schön“ gab es eine Hochzeitsflüchtige. Anica Dobra rammte darin, noch im Hochzeitskleid, mit ihrem Auto einen Baum, und kam so wieder zu Sinnen. Dörries Patchworkfilm war ein Wechselbad großer Gefühle und kleinerer Befindlichkeiten, reich genug, uns heute als bleibendes Zeitbild vom Ende des 20. Jahrhunderts in Erinnerung zu bleiben.

Zu Beginn von „Grüße aus Fukushima“ begegnen wir abermals einer jungen Frau im Hochzeitskleid. Sie will sich am nächsten Baum erhängen, doch das ist bei ihr nur eine leere Drohung gegen sich selbst, eine von vielen theatralen Gesten. Stattdessen tut sie lieber Gutes, oder was sie dafür hält. Sie schließt sich zwei Clowns an, die im japanischen Fukushima Überlebende des Erdbebens von 2011 unterhalten wollen. Wie sich bald herausstellt, hat diese Marie das Wort vom „Land des Lächelns“ gründlich missverstanden. Mit ihrer weder lustigen noch artistischen Clownsnummer erntet die Gruppe allenfalls höflichen Beifall.

Eine Solo-Animation der jungen Frau mit Hula-Hoop-Reifen lässt ihre Gastgeber alle landestypische Höflichkeit vergessen. „Bullshit!“, murmelt eine ältere Dame und lässt zur Bekräftigung kurz ein halbes Dutzend Reifen auf einmal um ihre Hüften kreisen. Man muss nicht lange darauf warten, um den Fortgang der Geschichte vorherzusehen: Beide Frauen, die extravertierte Marie (Rosalie Thomass) und die einsilbige Satomi (Kaori Momoi) werden über alle kulturellen Unterschiede zueinanderfinden. Und schließlich wird diese Reise dann doch dazu führen, dass zwischen den Ruinen von Fukushima etwas Heilsames stattfindet.

Satomi, eine ehemalige Geisha, lässt sich von Marie zu ihrem verfallenen Haus fahren, um ihrer Notunterkunft den Rücken zu kehren. Bereits auf dem Heimweg, kehrt Marie noch einmal zu ihr zurück und weicht ihr nicht mehr von der Seite. Ein immer wieder ins Bild gerückter Baum deutet es an: Auch Satomi will mit dem Leben abschließen, doch Marie kommt in letzter Minute zur Rettung. Nun kann die alte Frau nicht mehr anders und vertraut sich der Deutschen immer mehr an.

Die japanische Filmkultur ist möglicherweise die reichste der Welt, auch wenn wir in Deutschland nur ab und an etwas davon mitbekommen. Dörrie betritt mit ihrem dritten japanischen Film den Boden, auf dem große Klassiker über das Verhältnis der Generationen entstanden, wie die Filme von Ozu und Naruse. Und sie streift mit ihrem minimalistischen Setting und der Schwarzweißfotografie auch das Terrain von Avantgarde-Meilensteinen wie „Die Frau in den Dünen“, den Hiroshi Teshigahara 1964 schuf. Als englischen Titel wählte sie – in Erinnerung an Alain Reisnais’ Hiroshima-Drama, „Fukushima, mon amour“. Das ist schon sehr hoch gegriffen. Die Stärke ihres Films ist Kaori Momois Darstellung der scheinbar gebrochenen und doch mit rettender Scharfsichtigkeit gesegneten Japanerin. Es ist herrlich, wie sie das Selbstmitleid der Deutschen enttarnt, und auch den besten Satz des Drehbuchs legt ihr Dörrie auf die Lippen: „Vermissen heißt mit Geistern leben“.

Die Schwäche ist die Figur der Deutschen, die in Rosalie Thomass’ expressiver Überinterpretation von einer Nervensäge zur Plage mutiert. Anders als in Dörries früheren Japan-Filmen gewinnen auch die dokumentarischen Momente nicht an Leben, was daran liegt, dass man dem Schauplatz schon viel näher gekommen ist: Vor allem in der japanischen Fotokunst sind Landschaft und Menschen in und um Fukushima immer wieder Gegenstand großartiger Arbeiten geworden, insbesondere im Werk von Lieko Shiga.

So hat man am Ende manchmal den Eindruck, dieser Film selbst sei ein bisschen wie die Reise des Clowns Marie, die mit all ihrer Mitteilsamkeit den Gastgebern doch recht wenig zu sagen hat.

Grüße aus Fukushima. D 2016. Regie: Doris Dörrie. 102 Min.

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