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Film

30. Dezember 2015

Neu im Kino: "Joy": Mit dem Wischmopp zum Erfolg

 Von Anke Westphal
Aschenputtel und Hiob: Jennifer Lawrence als Joy Mangano.  Foto: dpa

Jennifer Lawrence kämpft sich nach oben in David O. Russells „Joy“. Der Film erzählt keine Helden- oder Freudengeschichte, sondern vielmehr eine Art weibliches Hiob-Drama mit integrierter Aschenputtel-Story.

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In fast jedem Haushalt findet sich so ein Mopp: Man muss nach dem Wischen des Bodens das schmutzige Textil am unteren Ende nicht mehr berühren, um das Ganze auszuwringen – ein paar Mal drehen, und ein Gewinde im Stiel besorgt den unangenehmen Teil der Arbeit. Der US-Amerikanerin Joy Mangano kam die Idee zu diesem Haushaltshelfer, als sie einst wie in Trance auf ihre blutenden Hände schaute – sie hatte aufgewischt, nachdem ein Weinglas zu Bruch gegangen war und sich an den winzigen Splittern die Haut zerschnitten.

Wie in Trance – so wirkt es jedenfalls in David O. Russells neuem Film, der „Joy“ heißt, genauso wie seine Heldin mit Vornamen. Joy – das bedeutet im Deutschen auch „Freude“. Wobei David O. Russell allerdings keine Helden- oder Freudengeschichte erzählt, sondern vielmehr eine Art weibliches Hiob-Drama mit integrierter Aschenputtel-Story.

Und die beginnt fulminant: Joy war ein außergewöhnliches Kind, ungeheuer erfinderisch und fantasiebegabt. Aus simplen weißen Papierbögen schuf sie ganze Farmen und dachte sich auch gleich ein innovatives Hundehalsband aus. Die Großmutter prophezeite ihrer Enkelin eine große Zukunft, in der das Mädchen alles erreichen könne, was es nur wolle. In diesem vielversprechenden Moment gibt es einen harten Schnitt: Die Handlung des Films macht einen gewaltigen Zeitsprung, und es klingelt an der Haustür. Dort steht eine fremde Frau, die Joys Vater „zurückgeben“ will, weil sie enttäuscht ist von diesem Modell- Mann. Rudy (Robert De Niro) wird in den Keller verwiesen, wo seit zwei Jahren schon Joys Ex-Mann Tony (Édgar Ramírez) wohnt – so setzt uns der Regisseur, quasi Hals über Kopf, von den gescheiterten Lebensträumen seiner Protagonistin in Kenntnis, die zudem gerade ihren Service-Job auf dem Flughafen verloren und zwei quengelnde Kinder zu versorgen hat.

Ein Putzgerät als Instrument weiblicher Selbstverwirklichung

„Joy“ markiert die dritte filmische Zusammenarbeit zwischen David O. Russell, dessen Kennzeichen quasi atemlose und genial überbordende Inszenierungen und Genre-Variationen sind, und dem Hollywood-Star Jennifer Lawrence. Die gilt inzwischen als bestbezahlte US-Schauspielerin und lässt jeden Darsteller in ihrer Nähe besser aussehen, als er mitunter ist. Nach den Russell-Filmen „Silver Linings Playbook“ und „American Hustle“ läuft Lawrence hier erneut zu Höchstform auf – in einer quirligen Tragikomödie, die ausgerechnet einen Wischmopp als Instrument weiblicher Selbstverwirklichung etabliert.

Das Ganze beruht indes auf einer wahren, zutiefst amerikanischen Geschichte: Tatsächlich stieg die New Yorkerin Joy Mangano in den 90er Jahren mit ihrer Erfindung zur Queen des Tele-Shoppings auf, dies aber erst nachdem sie immer wieder in ihren Bemühungen sabotiert wurde. Der Vater und die neidische Halbschwester (Elisabeth Rohm) taten alles, um Joy zu entmutigen; unseriöse Geschäftspartnern betrogen Joy fast um ihr Patent; und ein windiger Anwalt brachte die Familie um deren Investitionen. Man kann es irgendwann kaum noch ertragen, wie übel dieser Frau mitgespielt wird – gerade auch von denen, die sie zu lieben vorgeben. Doch irgendwann lehnt sich Joy dann glücklicherweise erfolgreich auf gegen all diese Unredlichkeiten und Zumutungen.

Und auch hier gibt es wieder einen harten Schnitt, mit dem das Leidensdrama schlagartig in eine klassische Erfolgsgeschichte umgewidmet wird: Eine Frau aus einfachen Verhältnissen kämpft sich letztlich nach oben. Diese Erfüllung des Slogans vom „Pursuit of Happiness“ gestaltet David O. Russell kraftvoll und gewohnt chaotisch mit einem famosen Schauspielerensemble, darunter Bradley Cooper als TV-Chef und Isabella Rossellini als reicher Witwe. Narrativ wird auf mehreren Deutungsebenen operiert, zu denen auch eine Art Pop-buntes „Seminar“ gehört über das erfolgreiche Verkaufen nicht nur einer Erfindung oder eines Produkts, sondern auch der eigenen Person und Geschichte. Dass Joy in punkto Selbstvermarktung am Ende als Siegerin aus den Schlachten hervorgeht, erfüllt einen als Zuschauerin mit tiefster Befriedigung.

Joy – Alles außer gewöhnlich. USA 2015. Regie: David O. Russell. 123 Min.

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