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Film

10. Februar 2016

Neu im Kino: „Nichts passiert“: Im Sog der Lügen

 Von Frank Junghänel
Sie hackt wenigstens Holz. Devid Striesow als hilfloser Zuschauer in „Nichts passiert“.  Foto: Movienet

Ein Mann unserer Zeit: In Micha Lewinskys Psychodrama „Nichts passiert“ brilliert der Schauspieler Devid Striesow als überforderter und konfliktscheuer Familienvater.

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Er sei ein normaler, netter Mann, sagt Thomas. Die Frau, die ihm im Sessel gegenübersitzt, hatte ihn gefragt, wie er sich jetzt sehe – nach der Therapie. Eine Bemerkung lässt darauf schließen, dass er vor einiger Zeit „explodiert“ ist. Explodiert? Der freundliche Thomas? Der so leise spricht und so sanft lächelt?

Kaum zu glauben. Genau das ist sein Problem, diese pathologische Nettigkeit. Niemand weiß genau, was Thomas in seinem Innersten bewegt, seine Frau Martina nicht, die an seiner Indifferenz verzweifelt („Jetzt sag’ doch mal, was du meinst“), seine 15-jährige Tochter Jenny nicht, die ihn spielend um den Finger wickelt. Offenbar hat ja nicht einmal die Psychologin Zugang zu ihm gefunden. Thomas will es allen recht machen und macht am Ende alles falsch.

Gespielt wird dieser Allerwelts-Thomas von Devid Striesow, der in dem Psychodrama „Nichts passiert“ endlich mal wieder seine außergewöhnliche Leinwandpräsenz unter Beweis stellen kann. Man sagt über ihn ja gern, er könne alles spielen. Das stimmt, er kann sogar furchtbar schlecht spielen, wie im „Tatort“ aus Saarbrücken gerade erst zu sehen war. Der Schweizer Regisseur und Drehbuchautor Micha Lewinsky hat ihm in seinem Film so etwas wie die Rolle seines Lebens gegeben: Devid Striesow spielt einen Mann unserer Zeit, der dem wachsenden Druck von außen wie auch innen mit einer Anpassungsstrategie begegnet, die ihn nicht nur in einen Sog aus Lüge und Verstellung zieht, sondern seine Persönlichkeit als solche in Frage stellt. Dieser im Grunde sympathische Mensch wird an sich selbst irre und es ist ein bitteres Vergnügen, ihm dabei zuzusehen.

Was in der Katastrophe enden wird, beginnt auf der Anreise zum Skiurlaub. Thomas hat sich von seinem Chef überreden lassen, dessen Teenagertochter Sarah mitzunehmen – er konnte nicht Nein sagen. Wollte es auch nicht, da er sich von der Gefälligkeit eine Verbesserung seiner beruflichen Lage verspricht. Als Zeitungsjournalist wird Thomas immer mehr mit Dienstleistungsjobs belegt, würde aber gern eine Literaturbeilage betreuen. Und deshalb sitzt jetzt das fremde, leicht verunsicherte Mädchen mit im Auto.

Szene aus „Nichts passiert“.  Foto: Movienet

Sofort wird klar, dass sich die Kinder auf der Rückbank nicht nur nichts zu sagen haben, sondern sich gleich eine Spontanfeindschaft zwischen ihnen etabliert. Schöne Aussichten für die Woche in einem alpinen Ferienhaus. Sarah wirkt in der Kleinfamilie wie ein Katalysator, der deren Zerfallsprozess beschleunigt. Aber es kommt noch schlimmer. Als das Mädchen erklärt, bei einer Party im Dorf von einem Jungen vergewaltigt worden zu sein, dem Sohn des Chalet-Vermieters, sieht sich Thomas gezwungen zu handeln. Oder besser doch nicht?

Seiner zwanghaften Zögerlichkeit kommt Sarahs traumatisierter Zustand entgegen. Erst will sie zur Polizei, dann nicht. In ihrer Schilderung des Abends widerspricht sie sich. Thomas möchte das Mädchen schützen, er empfindet väterliche Zuneigung zu Sarah, die ihm in ihrer Sensibilität näher ist als seine eigene Tochter. Wenn er zu Sarah sagt: „Wir kriegen das schon hin. Mach dir keinen Kopf“, wird seine ganze Hilflosigkeit deutlich. Indem er die Tat vertuscht, überschreitet er nicht nur eine moralische Schwelle. Er stellt sich gegen das Gesetz.

Eine falsche Entscheidung zieht jetzt die nächste nach sich. Und da der Regisseur Lewinsky die Geisterfahrt seines Antihelden gnadenlos aus dessen Perspektive erzählt, ist man bei jeder dieser falschen Entscheidungen sozusagen live dabei, was dem Film ein unheimliches Identifikationspotenzial beschert. Thomas meint es ja gut, irgendwie.

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Seine Frau Martina, eine freiberufliche Schriftstellerin, bekommt von den Verwicklungen zunächst gar nichts mit; sie hatte sowieso keine Lust auf diesen Urlaub, was sie Thomas bei jeder Gelegenheit zu verstehen gibt. Maren Eggert als entliebte Frau spielt ihren Part mit großer Zurückhaltung. Da gibt es wenig Gezeter, viel Resignation. „Das ist nicht das Leben, das wir führen wollten“, sagt sie einmal. Ausgerechnet in einem Moment, da Thomas sich ihr so verbunden fühlt wie lange nicht mehr. Und so ist dieser Film, der zum Finale leider etwas überdreht, auch eine Studie über den Horror, der letztlich jeder Familienbeziehung innewohnen kann.

Nichts passiert. Schweiz 2015. Regie: Micha Lewinsky.

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