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Film

19. November 2015

Neu im Kino: „Riverbanks“: Unschuld nützt auch nichts

 Von Susanne Lenz
Auch die Liebe ist stets bleischwer in Panos Karkanevatos' Film "Riverbanks".  Foto: Real Fiction

Eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Flüchtlingsdramas: Der griechische Film „Riverbanks“ müsste ein Film zur Stunde sein. Tatsächlich aber weiß man nicht recht, was Regisseur Panos Karkanevatos will.

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Der Soldat Yannis (Andreas Konstantinou) sucht mit seiner Einheit Minen am Ufer des griechisch-türkischen Grenzflusses Evros. Chryssa (Elena Mavridou) ist Schlepperin, sie bringt gegen Geld Flüchtlinge über diese Grenze. Denen setzt der Drogenboss Ivo (Levent Üzümcü) Rucksäcke, gefüllt mit Kokain, auf den Rücken, bevor sie das gefährliche Wasser überqueren. Im Istanbuler Flüchtlingsviertel wartet eine kurdische Familie aus dem Irak darauf, nach Europa hinüber zu können. Es sind die Geschichten dieser Menschen an dieser Flüchtlingsroute zwischen Asien und Europa, die der griechische Regisseur und Fernsehjournalist Panos Karkanevatos in „Riverbanks“ miteinander verstrickt.

Ein Film zur Zeit, könnte man meinen. Mit der Verbindung zur aktuellen Lage an Europas Außengrenzen wirbt auch der Verleih. Und was könnte einen brennender interessieren als ein Werk, das sich mit den Mitteln der Kunst der Flüchtlingskrise nähert. Tatsächlich aber steht eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt. Der Soldat und die Schlepperin begegnen sich eines Nachts, als sie Flüchtlinge auf der griechischen Seite des Flusses in Empfang nimmt. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Eine gefährliche Liebe, denn Chryssa hat ein Kind von dem türkischen Drogenboss – und sie hat auch mit dessen üblen Geschäften zu tun.

Die Flüchtlinge setzen ihr Leben aufs Spiel, zum einen wegen der reißenden Stromschnellen, zum anderen wegen der Minenfelder auf der griechischen Seite. Es gibt sie wirklich: Sie sind ein Erbe der Zypernkrise. „Das war vor deiner Geburt“, erklärt Yannis’ Vorgesetzter ihm. Doch auf die Gnade der späten Geburt kann hier keiner setzen. Unschuld bewahrt niemanden davor, durch Minen zu sterben, die aus einer Auseinandersetzung stammen, mit der er nichts zu tun hat. Das gilt für die Soldaten des griechischen Räumkommandos, und es gilt noch mehr für die Flüchtlinge aus anderen Ländern. Besonders für die Kinder. Immer wieder sterben hier Menschen.

War da Kokain drin? Man weiß es nicht

Der Soldat Yannis bewacht das Ufer. Ist es, um die Flüchtlinge vor den Minen zu bewahren oder sein Land vor den Flüchtlingen? Man weiß es nicht. In dieser Nacht lässt er Flüchtlinge passieren, darunter den Sohn der kurdischen Familie aus dem Irak, der man in Istanbul begegnet ist. Die Schwester ist offenbar ertrunken. Der Rucksack war schwer, womöglich vom Kokain, das wird nicht ganz klar.

Überhaupt hat das Drehbuch Schwächen. Vieles an den Geschichten ist verwirrend, die Episoden wirken oft wie aneinander gepappt. Es gelingen aber auch Momente großer Intensität, etwa wenn die Soldaten, die tagsüber Minen suchen, des Nachts schlaflos in den Betten ihrer Kaserne liegen und Detonationen hören. Sie wissen dann, dass es einen Flüchtling erwischt hat. Am nächsten Tag sehen sie einen Teddybären neben der detonierten Mine liegen.

Vielleicht fürchtet Karkanevatos, anders dem ernsten Thema nicht gerecht zu werden – jedenfalls wagt der Regisseur es nicht, auch heitere, leichte Momente in seinen Film einzuflechten. Stattdessen inszeniert er eine Art Dauerpathos. Das ist anstrengend. Alles ist unheilvoll aufgeladen, bis hin zum Mienenspiel der Darsteller. Und wenn einer lächelt, dann erleichtert einen das als Zuschauer nicht, denn das nächste Unglück kündigt sich bereits an. Selbst die einzige Liebesszene, in einem Badehaus, endet damit, dass Chryssa aus unerfindlichen Gründen im Becken untertaucht und fast ertrinkt.

Am Ende des Films erscheinen folgende Sätze auf der Leinwand: Jeder zweite Flüchtling ist jünger als 18 Jahre. Ihnen ist dieser Film gewidmet. Das überrascht einen, denn in Wahrheit dient das Flüchtlingsdrama eher als Hintergrund für die Seelenqualen des jungen Soldaten Yannis, von denen man nicht recht weiß, was sie verursacht.

Riverbanks. D/Griech./Türkei 2015. Regie: Panos Karkanevatos. 96 Min.

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