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Film

09. März 2016

Neu im Kino: "Son of Saul": Klänge im Chaos des Grauens

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Wie in einem schrecklichen Traum: Geza Röhrig als Saul (l.) in „Son of Saul“.  Foto: Sony Pictures/dpa

Von der Berlinale abgelehnt, in Cannes und bei den Oscars preisgekrönt: Der visionäre Holocaustfilm "Son of Saul" appelliert über Leerstellen an die Imagination.

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Son of Saul“ gewann Ende Februar den Auslandsoscar, wie er dem Ungarn László Nemes Jeles schon im Mai 2015 in Cannes den Grand Prix der Jury einbrachte. Dort hatte sein Film das Publikum in Erstaunen versetzt, bevor er richtig angefangen hatte. „Film!“ rief jemand erstaunt nach ein paar Sekunden, und tatsächlich: Ausgerechnet einem Debütanten hatte das ansonsten komplett digitalisierte Festival den Wunsch erfüllt, seinen 35mm-Projektor wieder auszumotten. Staubflusen im Bildfenster zeugten von dessen langer Untätigkeit.

Aber gehört es sich überhaupt, bei einem Film, der 1944 im Inneren des Vernichtungslagers Auschwitz spielt, zu allererst vom Filmmaterial und seiner speziellen Ästhetik zu schreiben? Von der Feinheit des Lichts, dem empfindlichen kaum merklichen Zittern der Bilder, das doch dem menschlichen Sehen soviel näher ist als die klinische Präzision des Digitalen? Man muss es sogar. Denn seit das Tabu der Darstellbarkeit der Shoah auf allen Ebenen gefallen ist, und in Fernsehen und Kino banalste Holocaust-Kolportagen zum Alltag gehören, macht die Kunst den ganzen Unterschied. „Son of Saul“ ist einer der ganz wenigen künstlerisch relevanten Filme, die es über dieses Thema gibt.

Der 39-jährige Ungar László Nemes Jeles, der bislang nur mit Kurzfilmen in Erscheinung trat, hat einen Weg gefunden, der ebenso neuartig wie klassisch ist. Die meiste Filmzeit ist die Kamera auf das Gesicht des Protagonisten gerichtet, einen jüdischen Häftling, der dem „Sonderkommando“ angehört und so an der Tötungsmaschinerie beteiligt ist. Es ist das nahezu ausdruckslose Gesicht eines Mannes, der im konstanten Trauma bereits innerlich gestorben ist. Der Schärfenbereich der Kamera ist so kurz eingestellt – und hier kommen die Spezifika der Filmkamera und des Materials wirklich zum Tragen –, dass der ganze Bildraum nie vollständig zu sehen ist. Was nicht heißt, dass sich der Massenmord unserer Wahrnehmung entzöge. Doch indem der Befehl zum Hinsehen, der dem klassischen Kino eigen ist und sich in der immer gleichen Grammatik von Schuss und Gegenschuss ausdrückt, ausbleibt, sieht man umso intensiver. Man schaut wie in einem schrecklichen Traum auf eine Leinwand, auf der Braun- und Grüntöne mit Fleischtönen verschwimmen.

Klänge von gespenstischer Direktheit

Man mag die Handlungsidee für konstruiert halten, doch der Streit darüber lohnt: Als der Protagonist glaubt, in einem ermordeten Juden seinen Sohn zu erkennen, setzt er alles daran, ihn zu bestatten und unter den Häftlingen einen Rabbi zu finden, der das Kaddisch sprechen kann. Zugleich wird im „Sonderkommando“ ein Aufstand vorbereitet, den er mit seinem unbeirrbaren Tun gefährdet. Doch selbst wer diese Idee und den ins Metaphysische weisenden Schluss als ungebührliche Fiktion kritisieren mag, muss doch anerkennen, wie viel dieser Film dabei vermittelt – bar aller angeblich im Spielfilm notwendigen Konventionen der Emotionalisierung.

Vergessen ist jene einnehmende Filmmusik, die Spielbergs „Schindlers Liste“ erst zu jenem Kassenerfolg machte. Hier bestimmen Klänge von gespenstischer Direktheit das Geschehen. Sie sind unsere wenigen Anhaltspunkte im Chaos des Grauens, ein Trost sind sie nicht.

Wo man nichts sehen kann, da muss man hören – etwa die von den Nazis bei der Ankunft der Häftlinge perfide eingesetzte Musik. Sie macht die Eröffnungsszene der Vorbereitung und Ausführung einer Massenvergasung in ihrer Wirkung einzigartig in der Geschichte des Holocaustfilms. Kann man umschalten von einem solchen Eindruck, in den Alltag?

Dieser Film, der in Cannes lief, weil ihn der Berlinale-Wettbewerb zuvor abgelehnt hatte, ist einer der wenigen, die noch da sind, wenn man die Augen schließt. Nicht, weil man das Gefühl gehabt hätte, das Morden mit eigenen Augen zu sehen. Aber genau dazu sind realistische Rekonstruktionen oft auch gar nicht in der Lage. László Nemes Jeles verirrt sich nicht in den Fallen der Künstlichkeit, was ihn in der Tradition ungarischer Filmkunst verortet: Béla Tarr und Benedek Fliegauf arbeiten mit ähnlichen Mitteln.

Zugleich knüpft er an bei dem wohl bedeutendsten Spielfilm über den Holocaust, Andrzej Munks 1961 in Auschwitz gedrehtem Drama „Die Passagierin“, das erst nach dem Tod des Regisseurs 1963 fertiggestellt wurde. Auch das ein Film, der über Leerstellen an die Imagination appellierte.

Denn es ist ja nicht so, dass das Menschheitsverbrechen unsere Vorstellungskraft übersteigt. Der menschliche Geist kann sich viel vorstellen, nur lassen es die meisten Spielfilme über den Holocaust gar nicht erst dazu kommen. Einigen Dokumentarfilmen ist das bisher gelungen. Und Kunstwerken wie „Son of Saul“.

Son of Saul. Ungarn 2015. Regie: Lásló Nemes Jeles. 107 Min.

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