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Film

02. Februar 2016

Neu im Kino: „Suffragette“: „Suffragette“: Vom legalen Unrecht

 Von Anke Westphal
Großbritannien im Jahr 1912: Die Suffragetten, die für das Frauenwahlrecht kämpfen, gelten als Gefahr. Die Wäscherin Maude bekommt tagtäglich am eigenen Leib die Unterwerfung zu spüren, die Frauen damals überall abverlangt wird.  Foto: Concorde Filmverleih

Regisseurin Sarah Gavron und Drehbuchautorin Abi Morgan gelingt mit "Suffragette" ein großartiger Spielfilm zur Geschichte der Frauenbewegung. Meryl Streep verkörpert in der Rolle der Emmeline Pankhurst eine der Pionierininnen.

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Mit kuriosen Begründungen wurde Frauen einst das Wahlrecht verwehrt. Sie seien emotional unzuverlässig und würden nicht über jenen klaren Verstand verfügen, ohne den niemand politische Urteile fällen könne, hieß es. Daher sei es nur folgerichtig, wenn Frauen öffentlich nicht für sich selbst sprechen oder gar wähl schrieben wurde, kamen die Gesetzgeber nicht. Wie auch – waren sie doch selbst Männer.

So verhielt es sich jedenfalls in Großbritannien in jenem Jahr 1912, in das der Spielfilm „Suffragette“ führt. Das ungeschmeidig wirkende Thema gebietet, hier gleich eines festzustellen: Es ist ein spannender und so gar nicht melodramatischer Film, der weder einseitig agitiert noch den Zuschauer plump belehrt. Die Regisseurin Sarah Gavron und ihre Drehbuchautorin Abi Morgan (u.a. „Die eiserne Lady“) erzählen vielmehr die Geschichte einer tausendfachen Notwehr, die in der Radikalisierung mündete, weil dies nicht anders sein konnte, als die Opferrolle nicht mehr in Betracht kam. Gavron und Morgan erzählen aber auch die Geschichte von Männern, die so in ihrem festen Rollenverständnis gefangen sind, dass sie auf dessen Störung nur mit Gewalt zu antworten vermögen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die 24-jährige Wäscherin Maud Watts (Carey Mulligan), die sich ein besseres Leben wünscht und vor einem rein männlich besetzten Regierungsausschuss zum Wahlrecht von ihren Arbeitsbedingungen berichten soll. Maud wurde in jener Wäscherei geboren, in der ihre Mutter starb, nachdem ein Kessel kochenden Wassers auf sie herabgestürzt war. Im Alter von dreizehn Jahren beginnt das Mädchen, selbst als Wäscherin zu arbeiten, und ist Freiwild für den Chef; viele Kolleginnen sterben jung durch Arbeitsunfälle oder giftige Dämpfe, die ihnen die Lungen verätzen. Zudem werden die Frauen um ein Drittel schlechter bezahlt als die Männer, die an die frische Luft kommen, wenn sie ausliefern.

Armut, Gewalt, Demütigung: Dass Mauds Beispiel nur eines von unzähligen ist, wird beiläufig ausgeführt, als wieder mal ein Mädchen als Wäscherin anfängt. Das Schicksal des Kindes ist Maud nicht gleichgültig – überhaupt verbindet der Film geschickt persönliche mit politischen Motiven, wenn Maud verstrickt wird ins frauenrechtliche Engagement und ihr dann das Kind entzogen wird, weil sie ihrem Ehemann als Suffragette „Schande gemacht hat“.

Carey Mulligan als Maud.  Foto: Concorde Filmverleih

Wie Frauen in jeder Beziehung dem Wohlwollen der Männer ausgeliefert waren und wie politische Strukturen nicht allein durch Konformitätswahrung, sondern auch staatliche Überwachung und Repression immer wieder bestätigt werden – auch das verhandelt der Film meisterhaft. Brendan Gleeson spielt den hochrangigen Sicherheitsbeamten Steed, der einem Gesetz folgt, das unmenschlich ist. Brutal werden die Frauenrechtlerinnen behandelt, weit schlechter als politische Gefangene. Suffragetten – so nannte man nach 1900 die Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht; doch der Begriff, abgeleitet von „suffrage“, Wahlrecht, war keineswegs freundlich gemeint.

Mit Hilfe eines brillanten Ensembles entwirft Gavrons Film ein vitales Gesellschaftsbild in einer Umbruchphase der Frauenbewegung. Nach Jahren ebenso friedlicher wie fruchtloser Proteste gegen die politische Entmündigung ruft Emmeline Pankhurst um 1912 zum zivilen Ungehorsam auf. 1903 hatte diese Pionierin die Women’s Social and Political Union gegründet, die in den folgenden Jahren durch öffentliche Aktionen für Schlagzeilen sorgte, etwa das Einwerfen von Schaufensterscheiben. Davon blieb Harrods übrigens verschont, denn das Nobelkaufhaus hatte eine Abteilung eigens fürs den Bedarf von Frauenrechtlerinnen eingerichtet – schließlich entstammten viele von ihnen wohlsituierten Verhältnissen.

In der Gegenwart des Films ist die fiktive Figur der Maud mit anderen Frauen zum Guerilla-Krieg übergegangen, sprengt sie neuralgische Punkte der Kommunikation wie Briefkästen, aber auch Bauten. Die Frage der Legalität dieses Protestes wird in einem zentralen Auftritt von Emmeline Pankhurst selbst beantwortet: „Wir sollen Recht und Gesetz respektieren? Dann machen Sie das Gesetz respektabel!“, fordert sie und versteht ihre Anhängerinnen nicht als „Lawbreaker“, sondern als „Lawmaker“. Natürlich spielt Meryl Streep diese Rolle, anders wäre es nicht denkbar. Als Zusammenarbeit so vieler kluger und begabter Frauen rehabilitiert „Sufragette“ durchweg gelungen einen Begriff und ein Thema, das keineswegs erledigt ist.

Suffragette – Taten statt Worte. GB 2015. Regie: Sarah Gavron. 107 Min.

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