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Film

26. Januar 2016

Neu im Kino: "The Hateful Eight": Gut geklaut ist nicht gesehen

 Von 
Samuel L. Jackson in einem sehr besonderen Beitrag zum Schnee-Western-Genre.  Foto: Andrew Cooper, SMPSP, The Weinstein Company/Universum

Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“ kursiert seit Wochen im Netz. Doch nur im Kino zeigt der Film seine Schönheit - auch wenn man auf positive Charaktere vergeblich wartet.

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Als erster Western der Filmgeschichte gilt Edwin S. Porters „The Great Train Robbery“ von 1903, die auch nach heutigen Maßstäben schonungslose Darstellung eines Raubüberfalls. Der neueste Hollywood-Western, Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“, gewiss nicht weniger zimperlich in seiner Beobachtung menschlicher Gewaltbereitschaft, wurde selbst Opfer einer üblen Räuberei. Auch wenn diese ohne Blutvergießen ablief, ist der Schaden beträchtlich.

Noch vor dem amerikanischen Kinostart tauchte im Internet eine DVD-Kopie des Films auf, die ursprünglich für die Vorbereitung der Oscar-Verleihung angefertigt worden war. Dass sich die Piraten später dafür entschuldigten – sie hatten die Scheibe angeblich Straßenverkäufern abgekauft und erst nach Kinostart veröffentlichen wollen –, rührte natürlich in der Branche niemanden.

Aber ganz unabhängig von den materiellen Verlusten für die Produzenten markiert der Fall Leak doch auch eine dramatische Zäsur. Wenn man als Kritiker gleich zweimal von unbescholtenen Bildungsbürgern jenseits der fünfzig angesprochen wird, die stolz vom „Neuen Tarantino“ erzählen wollen, den sie im Internet gesehen haben, ist die Ära des Kinos wohl wirklich vorbei. Glücklich waren die Zaungäste über das Erlebte nicht, klagten über den Inhalt oder die Dialoge. Über Bilder und Töne sprachen sie nicht. Gut geklaut ist eben leider nicht gesehen.

Tarantino gehört zu den letzten in Hollywood, die sich weigern auf Video zu drehen. „The Hateful Eight“ entstand im historischen 70mm-Großformat. In den USA tourten Tarantino und Crew-Mitglieder mit den mächtigen Filmrollen durch 44 Städte, in denen Kinos noch mit diesem Format ausgestattet sind. In Deutschland zeigen immerhin vier Theater diese „Roadshow-Version“, der Zoopalast in Berlin, das Savoy in Hamburg, die Lichtburg in Essen sowie die Schauburg in Karlsruhe. Durch anamorphotische Linsen bringt Tarantino das Bild auf die auch für das 70mm-Format ungewöhnliche Breite von 2.71: 1.

Extras für Zelluloidfilm-Schauer

Und Tarantino wäre nicht Tarantino, wenn er Anhänger des Zelluloidfilms nicht mit besonderen Extras belohnte. Neben Ennio Morricones Ouvertüre und Pausenmusik gehört auch eine zweiminütige Großaufnahme von Hauptdarstellerin Jennifer Jason Leigh zu diesen Boni. Aber auch wer die reguläre Digitalkopie sieht (dort dauert die gleiche Einstellung nur 45 Sekunden) taucht ein in eine Filmerfahrung, die gleichermaßen historisch wie modern und vor allem unvergleichlich ist.

Durch das verschneite Colorado fährt eine Kutsche mit ungemütlichen Passagieren. Die Kopfgeldjäger Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und John Ruth (Kurt Russell) gehen ihrer Arbeit gleichermaßen ernsthaft, aber mit unterschiedlichen Vorlieben nach. Während ersterer die Gesuchten lieber tot als lebendig transportiert (was er in der Eröffnungsszene in drei Fällen hinter sich gebracht hat), möchte letzterer auch den Berufsstand des Henkers unterstützen. Tatsächlich empfindet er eine sadistische Genugtuung offenbar nicht nur in diesen Augenblicken, sondern auch wenn er seine Gefangenen auf ihren letzten Wegen begleitet. Diesmal ist es Daisy Domergue, die er mittels Handschellen immer an seiner Seite weiß.

Wenig ist darüber zu erfahren, welcher Vergehen die Gefangene beschuldigt wird. Jennifer Jason Leigh lässt diese Frage in ihrem ambivalenten Spiel vergessen: Bleibt die Kamera nur lang genug auf ihrem Gesicht – und welch schöner Luxus, die 70mm-Technik genau hierfür aufzubieten –, lässt sich die Hölle darin erahnen: Wenn sie langsam die Ruinen vergangener Schönheit von einem Lächeln in ein todesverächtliches Grinsen bewegt, ist Schauspielerkino da, wo es sein kann. Tarantino ist ein Meister der Dialogführung, aber umso mehr versteht er von der Aura oder, nüchterner formuliert: der Leinwandpräsenz. Was immer ihr Outlaw Daisy Domergue auf dem Kerbholz hat, zumindest eines hat Jennifer Jason Leigh in jedem Fall bereits gestohlen: Einen Oscar als beste Nebendarstellerin.

In einem Western-typischen Gemischtwarenladen rasten die Reisenden (Tim Roth als Oswaldo Mobray, Kurt Russel als John Ruht und Jennifer Jason Leigh als Daisy Domergue, von links). Der Film findet hier sein unheimliches Zuhause.  Foto: dpa

Schnee-Western sind ein Genre für sich. Um nur zwei zu nennen, die hier Pate gestanden haben: William Wellmans gespenstisches Kammerspiel „Spur in den Bergen“ (1954) mit Robert Mitchum und „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968), Sergio Corbuccis Bergdrama mit Jean-Louis Trintignant als stummem Killer Silence und Klaus Kinski als Kopfgeldjäger Loco. Die Musik schrieb schon damals Ennio Morricone, der für Tarantino seine beste Arbeit seit den achtziger Jahren komponierte.

Es ist Tarantinos schwärzester Film

Wer einmal eines seiner Konzerte erlebt hat, weiß, wie gern er Musik im Raum inszeniert. Da stehen dann schon einmal zwei Harfen links und rechts auf der Bühne, um den Stereoeffekt von „Es war einmal in Amerika“ nachzuahmen. Es dauert bis zum letzten Akt, es ist das sechste Kapitel des in seiner langen Fassung über dreistündigen Werks, bis sich Morricones Kunst komplett entfaltet. In einem Western-typischen Gemischtwarenladen haben die Reisenden Rast gemacht und hat der Film sein unheimliches Zuhause gefunden. Eine Rückblende hat darüber aufgeklärt, was mit Minnie, der Besitzerin passiert ist, und es ist nichts Gutes. Im Keller lauert ein Schütze, welcher der Reisegesellschaft durch die Dielen zusetzt.

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Ein schaurig langsamer Shoot-Out kündigt sich an, doch das Quälendste daran sind die kühnen Dissonanzen in Morricones Filmmusik. Im Intervall von einer kleinen Sekunde reiben sich Einzelstimmen aneinander, kunstvoll verteilt an den Rändern noch außerhalb des überbreiten Kinobilds.

Wie immer bei Tarantino lösen sich epische Dialogpassagen mit stummen Sequenzen ab, jeweils überproportioniert und doch nie langweilig. Auf positive Charaktere wartet man dieses Mal vergeblich, es ist sein schwärzester Film und das heißt schon einiges bei Tarantino.
Es dauert lange, bis aus angedeuteter Gewalt visuelle Exzesse werden, grimmig überzeichnete aber doch nie grell-groteske Alpträume. Doch wie stets bei Tarantino ist das weit entfernt von jedem Naturalismus. Die Künstlichkeit freilich entwickelt sich weniger aus den Sprüngen in der Linearität der Erzählung oder im ausgestellten Filmzitat. Es ist die Anmutung von klassischem Studiokino, dass diese Wirkung erzeugt, und mehr noch, es ist der Geruch von Zelluloid. Es ist die Überlegenheit der Schönheit des klassischen Films, einer Kinotechnik die übereifrige Filmförderer in Deutschland schneller zur Strecke brachten als amerikanische Reisegesellschaften die Bisons im 19. Jahrhundert. Bald wird man Filmprojektoren nur noch in Museen finden, aber selbst in der Digitalkopie lässt sich die Schönheit dieser aussterbenden Kunst hier noch erahnen.

Quentin Tarantino ist zu nobel, um gegen Videopiraterie vorzugehen, gern verweist er selbst auf die vielen kopierten Videokassetten, die einst seine immense Filmbildung ermöglichten. Als 2014 bereits das Drehbuch dieses Films im Internet kursierte, veranstaltete er damit eine öffentliche Lesung. Und schrieb gleich darauf eine neue Fassung. Gegen die Filmpiraterie helfen keine Kopfgeldjäger. Man muss nur wissen, mit den Outlaws umzugehen.

The Hateful Eight. USA 2015. Regie: Quentin Tarantino. 168 Min (Digitalversion), 187 Min. (70-mm-Version).

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