Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

03. Februar 2016

Neu im Kino: „Tschiller: Off Duty“: Braucht man einen Kino-„Tatort“?

 Von Anke Westphal
Tschiller über den Dächern von Istanbul.  Foto: dpa

Til Schweiger und der Regisseur Christian Alvart haben einen „Tatort“ fürs Kino gedreht. Tschiller muss wie im TV mächtig einstecken, teilt aber auch beherzt aus. Doch was macht er im türkischen Gefängnis?

Drucken per Mail

Die erheiterndste Szene in „Tschiller: Off Duty“ trägt sich in einem türkischen Gefängnis zu. Niemand wird ein Gefängnis mit einem Hotel verwechseln wollen, nirgendwo in der Welt, aber diese Haftanstalt wirkt besonders ungastlich. Hier sitzt also Nick Tschiller in einer Zelle, gemeinsam mit zwei dünnen, ängstlichen und einem sehr dicken, furchterregenden Häftling, der wiederum die Mitinsassen regelmäßig zu widerlichen Handlungen zwingt. Auch der Neuzugang Tschiller soll dieses Schicksal teilen, doch er wehrt sich. Eines Nachts ohrfeigt er die schlafende Bestie mehrfach, wobei er folgende Worte hervorstößt: „Na, du kleine Hummel!“

An der Stelle kriegte sich die Autorin dieser Zeilen nicht mehr ein vor Lachen, so unverhältnismäßig war das Verhältnis von Bezeichnung und Bezeichnetem. „Kleine Hummel“ – schon war der fette Straftäter entdämonisiert, was Tschiller indes mit etlichen Wunden zu bezahlen hatte. Doch das kennt man ja bereits aus den Hamburger Fernseh-“Tatorten“ mit dem LKA-Ermittler Tschiller (Til Schweiger): Er muss immer mächtig einstecken, teilt aber auch beherzt aus – und zwar nicht zu knapp, was das Publikum schon mal spaltet. Nun fragt sich: Wozu jetzt noch ein Kino-“Tatort“? Und was, bitteschön, macht Nick Tschiller „off Duty“ in einem türkischen Gefängnis?

Die Antwort hat damit zu tun, dass sich Nicks Tochter Lenny allein nach Istanbul aufgemacht hat, um Rache für den Tod ihrer Mutter zu üben. Die geriet unlängst als Zufallsopfer in die Schusslinie des organisierten Verbrechens; man konnte es im ARD-Zweiteiler „Der große Schmerz“ und „Fegefeuer“ miterleben. Da Lenny aber ein gutes Mädchen ist, versagt sie beim Töten und wird gleich gekidnappt. Menschenhandel und Schlimmeres drohen.

Nick Tschiller ist „off Duty“, nämlich beurlaubt, weil er seine Vorgesetzten im Fernseh-“Tatort“ durch zu viele Alleingänge brüskiert hat. Diese Vorgesetzten kommen im Kino-“Tatort“ nicht vor, was die Handlung angenehm vom Büromief befreit. Tschiller mag zwar immer noch „ein nerviger Vater“ sein, so die Selbsteinsicht, aber er ist eben auch ein liebender; natürlich reist er der 17-jährigen Lenny (Luna Schweiger) hinterher, um sie rauszuhauen aus dem Schlamassel, das immer blutiger gerät und sich geografisch ausweitet mit den Beziehungen zwischen sinistren türkischen Geheimdienstleuten und russischen Kriminellen. Agent Seker (Özgür Yildirim) nennt seinen Kontrahenten Tschiller jedenfalls den „Terrier aus Hamburg“.

„Tschiller: Off Duty“ ist selbstredend etwas für Fans, aber auch für Anhänger des Genre-Kinos, die hier die Muster des soliden Action- und Bodycount-Films wiedererkennen werden: Ein Ermittler, ob nun „on“ oder „off Duty“, kommt bei der Verfolgung des Bösen unfreiwillig in der Welt herum, wobei Leichen seinen Weg pflastern. Til Schweiger füllt diese Rolle keineswegs schlechter aus als Liam Neeson in den „Taken“-Filmen. Womöglich ist Schweiger sogar der einzige deutsche Action-Star von Bedeutung.

Insofern erübrigt sich auch die Frage, ob man diesen Kino-“Tatort“ braucht. Gewiss ist er einen Tick zu lang, aber große Action gehört auf die große Leinwand. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass Schweigers Tschiller nach Götz Georges Schimanski erst der zweite „Tatort“-Ermittler ist, der es ins Kino schafft. Wie schon „Der große Schmerz“ und „Fegefeuer“ wurde auch „Tschiller: Off Duty“ von Christian Alvart inszeniert. Sein neuer Film lässt der Freundschaft zwischen Tschiller und seinem Kollegen Gümer (Fahri Yardim) viel Raum. Von Vorteil ist auch der eingangs erwähnte Humor; so dient dem Hamburger LKA-Mann etwa ein russischer Mähdrescher als Fortbewegungsmittel.

Tschiller: Off Duty. D 2016. Regie: Christian Alvart. 130 Min.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Anzeige

Filmtipps
Medien