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Film

24. Februar 2016

Neu im Kino: „Where to invade next“: Michael Moore schwärmt von Europa

 Von Anke Westphal
Im Verteidigungsministerium der USA.  Foto: Falcom Media

„Where to invade next“: Der US-Dokumentarfilmer Michael Moore zeigt den Europäern, wie gut sie es doch haben. Man könnte ihm auch Verklärung der Verhältnisse vorwerfen.

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Wer so gar nicht zufrieden ist mit den Zuständen in Deutschland oder mehr noch in Europa, sollte sich in den neuen Film von Michael Moore bequemen. Der US-amerikanische Dokumentarfilmregisseur wird den Nörglern schon klar machen, wie gut sie es doch haben. In seiner neuen Kinoarbeit „Where to Invade Next“ („Wo als nächstes einmarschieren?“) begibt sich Moore nämlich in Staaten der sogenannten Alten Welt sowie in ein Land des maghrebinischen Raums – nur um dann wiederholt ins Schwärmen zu geraten über all die herrlichen sozialen Errungenschaften, derer die Menschen dort teilhaftig werden.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Tatsächlich sind diese Errungenschaften nicht hoch genug zu schätzen – zumal in Zeiten ihres Rückbaus, der bei Moore nun aber nicht vorkommt. Kein Wunder, ist der Mann doch Propagandist – ein linker zwar, aber eben doch Propagandist. Und Propagandisten aller Couleur ist gemeinschaftlich zu eigen, dass sie ausgesprochen selektiv informieren. Moore informiert also über das Beispielhafte, Schöne, Löbliche. Nur, wen will er informieren?

Den Europäern sind die gepriesenen Sozialleistungen seit langem selbstverständlich, auch wenn sie es vermutlich nicht bleiben werden in näherer Zukunft. Was „Where to Invade Next“ dann doch als Appell sowohl an quasi klassenlose US-Amerikaner wie auch verwöhnte Europäer geeignet erscheinen lässt. Merke: Seid wachsam und kämpferisch!

Religiöse Andacht wirkt irritierend

Seinen Titel verdankt der Dokumentarfilm einem nun wirklich witzigen Einfall: In einer fiktiven Situation wird Moore um Rat gebeten von der US-Elite des militärisch-industriellen Komplexes und zwar, weil diese sich so erfolglos zeigte in den vielen Kriegen, die sie angezettelt und geführt hat. Wo könnte man denn noch einmarschieren, um die betreffenden Länder ihrer edelsten Güter und Institutionen zu berauben?

So lautet die Frage. Und schon saust Moore mit einem Schiffchen über den Atlantik, die US-Flagge keck im Bug aufgepflanzt. Seine erste Station ist Italien, das offenbar zu Recht Urheber der Dolce-Vita-Phrase ist: Die Arbeitnehmer genießen hier nicht nur acht Wochen bezahlten Jahresurlaub, sondern gehen auch Mittags für zwei Stunden zum Essen nach Hause. Während der Arbeit wird gescherzt und gelacht – es sei schließlich gut für die Firma, fröhliche und daher meist gesunde Angestellte zu beschäftigen, sagen etwa die Eigentümer eines legendären Haute-Couture-Hauses vor der Kamera. Was sie sagen, wenn keine Kamera dabei ist, weiß man nicht.

In Frankreich besucht Moore eine Problemschule in einer ziemlich armen, kleinen Stadt, nur um zu zeigen, dass die Kinder hier tafeln wie die sprichwörtlichen Götter. Tatsächlich glaubt man dem zuständigen Koch und den Erzieherinnen sofort, dass im Land der zweihundertfünfzig Käsesorten einiger Ernst und Aufwand auch auf das Schulessen verwendet wird. Dennoch wirkt Moores nahezu religiöse Andacht angesichts der gut und schön bestückten Teller stark irritierend. Dies ist immerhin ein erwachsener Mann von stattlichen Ausmaßen und beachtlicher Körpergröße; dass er sich aufführt, als wäre er in ein Wunderland hineingestolpert, beschädigt die Glaubwürdigkeit noch mehr als seine eindimensionale Betrachtungsweise. Kein Wort über die Schwierigkeiten der Migrantenkinder, als Franzosen akzeptiert zu werden.

Er bestaunt nur

Letzteres ist auch nicht Moores Thema, mag man einwenden. Dennoch ist das so seltsam ausgesuchte Herangehen enttäuschend, zumal Moore seinen speziellen Stil aus Videoschnipsel-Collagen, Off-Kommentar und Eigen-Inszenierung, Archiv-Footage und tatsächlicher dokumentarischer Arbeit im klassischen Sinn (also ein Filmdokument herzustellen) in der Vergangenheit überzeugender umgesetzt hat. Etwa in „Bowling für Columbine“ (2002) über den Waffenwahn der US-Amerikaner, wofür Moore einen Oscar erhielt. Oder auch in „Fahrenheit 9/11“ (2004) über die Politik der US-Regierung nach den Attentaten vom 11. September 2001 und die Geschäftsverbindungen der Familie von Präsident Bush zur Bin-Laden-Familie.

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In seinem neuen Film aber untersucht er nichts, sondern bestaunt nur: auch das finnische Bildungswesen und die liberale portugiesische Drogenpolitik. In Deutschland bewundert Moore die Betriebsräte sowie die gelungene Vergangenheitsbewältigung.

Kein Wort fällt über Pegida oder AfD, zu Drehzeiten des Films längst Phänomene. Moore zufolge sorgen sich überall in Europa Staat und Arbeitgeber mächtig um ihre Bürger. Moore wird immer wieder vorgeworfen, in seinen Büchern und Filmen Fakten einseitig zu beleuchten und quasi nur Polemik zu betreiben. Im Fall von „Where to Invade Next“ dürfte allerdings interessant sein, dass Staaten mit guten Sozialleistungen kaum mehr Steuern von den Bürgern erheben als solche, die wie die USA nur zehn Tage unbezahlten Urlaub und kein Mutterschaftsgeld gewähren. Dass die USA dermaßen viel Geld der Rüstung zuführen, ist indes kein Grund, europäische Verhältnisse zu verklären.

Where to Invade Next. Dokumentarfilm, USA 2015, Buch und Regie: Michael Moore. 110 Minuten.

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