Film

15. September 2010

Neuer Film mit George Clooney: Der Fremde

 Von Michael Kohler
Goerge Clooney in "The American".  Foto: Tobis Film

Der Titelheld von „The American“ ist die am wenigsten liebenswerte Figur, die George Clooney je gespielt hat, und die am wenigsten greifbare. Und so zieht einen Anton Corbijns Film nicht richtig in seine Welt hinein.

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Am Anfang schleicht sich die Kamera so langsam und vorsichtig wie ein Attentäter an eine entlegene Baumhütte heran. Im Inneren lässt sich George Clooney vom knisternden Kaminfeuer wärmen, während er mit einer barbusigen Brünetten die Freizügigkeit des europäischen Films genießt. Als die beiden wenig später im Schnee spazieren gehen, eröffnet ein Heckenschütze das Feuer und gibt dem ersten Eindruck recht. Clooneys Figur kann sich und seine Begleiterin gerade noch hinter einen Felsen retten, wo er den Angreifer im Stil eines ans Töten gewöhnten Profis erlegt. Anschließend schickt er die schreckensstarre Frau zurück ins Haus und schießt ihr, als sie einige Meter gegangen ist, von hinten in den Kopf. Man sieht ihm an, dass es ihm leid tut, doch muss er offenbar alle Brücken hinter sich abreißen, wenn er weiterleben will.

Der Titelheld von „The American“ ist die am wenigsten liebenswerte Figur, die George Clooney je gespielt hat, und die am wenigsten greifbare. Er hat mehrere Namen – meistens wird er Jack genannt – und kein Zuhause, außer seiner Nationalität erfährt man kaum etwas über ihn, dafür aber umso mehr über sein Gewerbe. Es ist ein tödliches Geschäft, in dem Diskretion und perfektes Handwerk gleichermaßen überlebenswichtig scheinen. Jede Form von persönlicher Beziehung ist gefährlich und auch den Geschäftspartnern ist nicht unbedingt zu trauen. Als Jack nach erfolgreicher Flucht seinen Auftraggeber trifft, sitzen sich die beiden eine Weile lauernd gegenüber.

Dann bekommt Jack einen Autoschlüssel, ein Mobiltelefon und eine Adresse in einem italienischen Bergdorf überreicht. Unterwegs entledigt er sich als erstes des Telefons und sucht sich eine andere Bleibe. Über einen Münzfernsprecher hält er trotzdem Kontakt und nimmt einen neuen Auftrag an. Das nötige Werkzeug besorgt er sich beim Sohn eines katholischen Priesters und fertigt in seinem Zimmer ein Präzisionsgewehr. Es ist eine Maßanfertigung für eine bildschöne Auftragsmörderin; um keinen Verdacht zu erregen, hebt Jack den Hammer nur im Takt des Glockenschlags.

Als die ersten europäischen Kunstfilme an die kalifornische Küste schwappten, steckte die Karriere des Fotografen und „Control“-Regisseurs Anton Corbijn noch buchstäblich in den Kinderschuhen. Es war die Blütezeit der einsamen, der Welt entfremdeten Helden: Jean-Pierre Melvilles „Samurai“ irrte scheinbar ziellos durch die Metro, Michelangelo Antonionis „Passenger“ verschwand im gleißenden Licht der Wüste und Fred Zinnemanns „Schakal“ gabelte noch schnell Alain Resnais' Lieblingschiffre Delphine Seyrig auf, bevor er auf den französischen Präsidenten de Gaulle anlegte.

All' diese Filme haben die Verknüpfung von Kunst und Genre sowie die Vorbildfunktion für Corbijns „The American“ gemeinsam. Man könnte noch andere Titel nennen und läge niemals falsch, denn Corbijn geht es weniger um eine konkrete Geschichte als um den Erzählton einer vergangenen Zeit. Es hat durchaus seinen Reiz, einen lange ausrangierten Zug wieder aufs Gleis zu setzen. Bei Corbijn ist der gehetzte Mörder noch einmal das Inbild des Existentialismus, ein „tragischer“ Held, der sein Handwerk perfekt beherrscht und doch ein Gefangener seines sinnlosen Lebens ist.

Michael Mann hat dieser Haltung in „Heat“ einen nervösen, zeitgemäßen Ausdruck verliehen, Corbijn schwelgt dagegen in Erinnerungen und in der abermaligen Entdeckung der Langsamkeit. Es geschieht nicht viel in „The American“ und das Wenige streift bewusst die Sorte Kitsch, für die das europäische Kunstkino schon immer empfänglich war: Es braucht die reine Liebe einer Hure, um Jack zum Aufhören zu bewegen, und ein weiser Priester nimmt ihm immerhin symbolisch die Beichte ab. Allerdings wird Jacks Leben dadurch nicht gerade sicherer…
Trotz Corbijns beachtlichem Stilgefühl und trotz Clooneys Leinwandpräsenz zieht einen „The American“ nicht richtig in seine Welt hinein. Beide setzen auf Distanz, und weil diese durch die Schleier der Nostalgie noch verstärkt wird, wirkt der Film, wenn es nicht gerade um Leben und Tod geht, sehr weit entfernt. Am Ende bleibt uns der Fremde fremd.

The American, Regie: Anton Corbijn, USA 2010, 105 Minuten.

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