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Film

16. November 2010

Neuer Julian-Schnabel-Film: Kunst aus dem Hinterhalt

 Von Daniel Kothenschulte
Miral (Freida Pinto) beginnt eine Romanze mit dem palästinensischen Freiheitskämpfer Hani (Omar Metwally) und gerät zwischen die Fronten.  Foto: Prokino Verleih

Julian Schnabels Film „Miral“ ist didaktisch und poetisch. Allerdings dauert es, bis sich die Kunst hinter der Fülle des Faktischen bemerkbar wird. Zunächst fühlt man sich fast erschlagen von dem Anspruch, den Palästinenserkonflikt in breiten Pinselstrichen zu erzählen, aber dann...

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Kann ein Film didaktisch sein und trotzdem geheimnisvoll? Man kennt diese Dialektik aus den berühmten iranischen Kinderfilmen der Regisseure Abbas Kiarostami oder Jafar Panahi: Einerseits treffen diese Filme deutliche moralische Aussagen, doch sie platzierten sie in einer wunderbaren poetischen Sphäre, in der sie schweben wie weiße Luftballons.

Auch Julian Schnabels Film „Miral“ ist gleichzeitig didaktisch und poetisch. Allerdings kann es etwas dauern, bis sich die Kunst hinter der Fülle des Faktischen bemerkbar gemacht hat. Zunächst mag man sich fast erschlagen fühlen von Schnabels Anspruch, in breiten Pinselstrichen die israelische Geschichte zwischen 1948 und dem Osloer Friedensabkommen 1993 zu erzählen. Und dabei mit den Biographien von gleich vier Frauenfiguren zu verschmelzen.

In seiner Verfilmung des autobiographischen Romans seiner Lebensgefährtin Rula Jebreal führt Schnabel in die Jerusalemer Schule, die von der Philanthropin Hind Husseini 1948 für palästinensische Waisenkinder gegründet wurde. Erst nach einer ausführlichen Rekapitulation zweier Jahrzehnte israelisch-arabischer Geschichte findet der Film seine eigentliche Protagonistin in der Schülerin, die nach dem Sechs-Tage-Krieg in die Schule kommt und als Teenager beinahe im radikalen Flügel der PLO unter die Räder gerät. Betont ausgewogen vermittelt Schnabels Film stets beide Perspektiven, stellt israelischen Folterpolizisten die mafiösen Strukturen innerhalb der palästinensischen Befreiungsorganisation gegenüber.

Eindringlich und imponierend

Schnabels moralischer Appell an beide Seiten, endlich zum Friedenswillen von 1993 zurück zu finden ist eindringlich und imponierend – und vermittelte sich wohl auch ohne die Überdeutlichkeit seiner erklärenden Dialoge und Schrifttitel. „Für die amerikanische Öffentlichkeit leistet Schnabel hier wichtige Aufklärungsarbeit“, schrieb ich zur Festivalpremiere in Venedig, „doch was in „Miral“ vor allem unter die Räder kommt, ist die Kunst“. Da bin ich mir inzwischen nicht mehr sicher. Manche Kunstwerke wachsen mit der Beschäftigung. Beim erneuten Sehen wirkt die komplexe Struktur deutlich homogener. Und Schnabels Anspruch, den Palästinenserkonflikt in Form eines fast privaten Porträtfilms zu erzählen, weit weniger verwegen.

Was zunächst rein illustrativ erschienen mag, entfaltete ein Eigenlieben. Zum Beispiel die kurze Totale eines jüdischen Siedlungsbaus im Palästinensergebiet von der surrealen Herrschaftlichkeit eines De Chirico-Gemäldes. Oder die gespenstische Szene eines versuchten palästinensischen Bombenattentats in einem Jerusalemer Kino nach dem Sechs-Tage-Krieg: In Sekundenbruchteilen montiert Schnabel die Gesichter der Unschuldigen zwischen die Filmszenen auf der Leinwand – es läuft gerade Polanskis „Ekel“. Dem als Maler bekannt gewordene Schnabel geht es hier nicht um eine makabere Spannung, wie sie etwa Alfred Hitchcock schürte in seiner Bombenleger-Szene in „Sabotage“. Vielmehr sucht er nach Bildern, die in einem tieferen Sinne verstören.

Mit subtilen Mitteln

Emotionalität spielt in seiner Regiearbeit eine große Rolle, doch die Mittel dazu sind subtil: Immer wieder verzichtet er auf den direkten Ausdruck von Schmerz und Tod, blendet die eigentliche Bildinformation aus – wie in den Fernsehaufnahmen vom Attentat auf Yitzhak Rabin, mit denen sein Film schließt. Umso mehr Gewicht erhält die minimalistische Filmmusik von Laurie Anderson. Die Konzept- und Performancekünstlerin entwirft eine Harmonik, die zwischen westlichen und arabischen Stilen ohne jede Anbiederung vermittelt. Die unerhörte Wirkung dieser Musik erlaubt es Schnabel, sehr unterschiedliche Filmbilder miteinander zu verweben: Inszenierte und dokumentarische Szenen, Anflüge von Melodram und Momente äußerster Nüchternheit.

Die pulsierende Handkamera – ein Stilmittel auch der früheren Schnabelfilme „Basquiat“, „Bevor es Nacht wird“ und „Schmetterling und Taucherglocke“ – kontrastiert mit starren Schrifttiteln wie bei Godard. Angedeutetes trifft auf Überdeutliches: Gleich zweimal zum Beispiel wird gesagt, woher die jugendliche palästinensische Hauptfigur zu ihrem Namen kam: Miral, so heiße eine kleine rote Blume, die millionenfach an steinigen Wegesrändern blüht, ohne dass sie jemand bemerkt. So geht es auch den Qualitäten dieses Films: Es dauert eine Weile. Doch wer sie einmal bemerkt, kann sie nicht mehr übersehen.

Miral. Regie: Julian Schnabel. Frankreich/Israel/Italien/Indien 2010. Mit Freida Pinto, Hiam Abbass, Vanessa Redgrave, Willem Dafoe. 112 Min.

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