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Film

16. August 2014

Night Moves: Verbrechen aus guter Absicht

 Von 
Dena (Dakota Fanning) und Josh (Jesse Eisenberg) in "Night Moves".  Foto: Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.

Kelly Reichardts Thriller „Night Moves“ ist eine Reflexion über den vergifteten Urgrund des amerikanischen Patriotismus: Die Überhöhung der Natur und ihrer gleichzeitigen Zerstörung durch die Besiedelung.

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Kelly Reichardt, die mit ihren Autorenfilmen „Old Joy“ und „Meek’s Cutoff“ zu einer der bedeutendsten amerikanischen Regisseurinnen wurde, weiß nun auch, wie man Bomben baut.

In ihrem Ökologie-Thriller „Night Moves“ erzählt sie von einem Trio junger Aktivisten im ländlichen Oregon, das ein Zeichen gegen die Naturzerstörung setzen will. Und dabei die Grenze zur Gewaltbereitschaft überschreitet.

Josh, gespielt von Jesse Eisenberg, arbeitet auf einem Bio-Bauernhof, Dena (Dakota Flanning) in einer ganzheitlichen Wellness-Oase. Die bescheidenen Möglichkeiten, Naturverbundenheit und ein wirtschaftliches Überleben unter einen Hut zu bringen, lassen sie die größere Perspektive nicht vergessen: Die ausgebeutete Landschaft, die sie umgibt, ist durch radikale Rodungen, Baumaßnahmen und Fracking bedroht.

Ein politisches Bewusstsein ist bei den Anwohnern durchaus zu wecken. Doch die Wirkung von mobilen Filmvorführungen mit politischen Dokumentarfilmen bleibt begrenzt.

Gemeinsam mit dem ehemaligen Marniesoldaten Harmon (Peter Sarsgaard) planen sie den Anschlag auf einen Staudamm. Minutiös protokolliert Reichardt ihre aufwändige Vorbereitung und den subtilen Sog der Gruppe in die Radikalisierung.

Dokumentarische Genauigkeit

Der fundamentalistische Josh rudert in diesem Strom nur geringfügig forcierter, doch es reicht, um dem Vorhaben einen fatalen Kurs zugeben, bei dem fast unbemerkt der Respekt vor menschlichem Leben auf der Strecke bleibt.

Das Erstaunliche an Reichardts Film ist aber nicht nur die psychologische Genauigkeit. Er ist eine Reflexion über den vergifteten Urgrund des amerikanischen Patriotismus: Die Überhöhung der Natur und ihrer gleichzeitigen Zerstörung durch die Besiedelung.

Dennoch überlegt die Regisseurin im Gespräch lange, wenn man sie nach einer Beziehung zwischen Natur und Gewaltbereitschaft fragt: „Mussten sich die Pioniere einfach verteidigen? Klar, sie waren gezwungen, den Genozid an den Indianern begehen! Sie konnten ja gar nicht anders“, kontert sie ironisch.

Und erzählt gleich darauf von einer fast surrealen Begegnung bei den Vorbereitungen. „Für ,Night Moves' suchten wir nach einem Drehort. Ein Mann zeigte uns sein Haus, ihm fehlten die Daumen. Er fragte: Was für ein Film wird das? Und jemand im Team sagte, er handelt von Öko-Terrorismus, was nicht unbedingt meine Formulierung gewesen wäre. Und der Mann sagte: Ah, das kann ich gut verstehen, ich habe früher Bäume in die Luft gesprengt, alles Mögliche! Ich sagte dann: Nein, doch nicht so etwas. Hier geht es um Leute, die im Gegenteil die Umwelt schützen wollen. Am Ende zeigte er mir, wie man eine Bombe baut. Er hatte Bäume in die Luft gesprengt, um Platz für Baumaßnahmen zu schaffen. Und dieser Mann zeigt mir dann, wie man Bomben baut. Ja, es gibt sicherlich vielfältige Beziehungen zwischen Gewalt und Natur oder Landschaft.“

Mit dokumentarischer Genauigkeit, aber ohne sich aufzuhalten mit den üblichen Zugeständnissen an einen um Abbildungstreue bemühten Realismus, gelingt Reichardt ein Spagat, der schon ihre früheren Werke so außerordentlich machte: Einerseits verraten sie eine Herkunft aus dem experimentellen Kino. Anderseits ist ihr Film als Politthriller klar zu verorten in einer Genretradition.

Josh (Jesse Eisenberg), Dena (Dakota Fanning), Harmon (Peter Sarsgaard) in "Night Moves".  Foto: Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.

Die angekündigte Katastrophe, die Sprengung des Staudamms, zeigt Reichardt lediglich am Bildrand. Das wahre Drama liegt im Umgang mit diesem aus guter Absicht begangenen Verbrechen. Das kann auch zu radikalem Unverständnis führen wie seitens Quentin Tarantinos, der als Jurypräsident beim Filmfestival Venedig Reichardts meisterlichen Western „Meek’s Cutoff“ ignorierte.

„Night Moves“ ist im Vergleich der weniger radikale Film. Schneller erzählt als ihre anderen Filme, kann man ihn als Genrestück genießen, ohne sich von der Form irritiert zu fühlen. Seine eigentliche Bedeutung aber liegt in seinem subtil emotionalisierten Umgang mit den Landschaftsräumen, die alles Idyllische verloren haben und in den vielen Nachtszenen zu einem beklemmenden Schattenreich werden.

Auch wenn man nicht behaupten kann, dass „Night Moves“ eine Lanze für den radikalen Öko-Aktivismus bricht, weckt er doch eine Sympathie für ihre Anliegen, die schon fast einem Tabubruch gleichkommt – jedenfalls seit das Wort „Terrorismus“ für politische Gewalt obligatorisch geworden ist.

Night Moves. USA 2013. Regie: Kelly Reichardt. 112 Min.

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