Jede Kultur hat ihre Komplexe, aber natürlich fallen sie uns bei den anderen besonders auf. Japan, so heißt es immer wieder, sei eine restriktive Gesellschaft mit einer hohen Selbstmordrate (tatsächlich ist sie um einiges niedriger als in vielen Ländern Osteuropas). Um den Tod des Einzelnen, so die Annahme, mache man dort weniger Aufhebens als anderswo. Umso fürsorglicher verpackten die Japaner dafür ihre Geschenke.
"Nokan - Die Kunst des Ausklangs" ist der recht ethnologisch klingende deutsche Titel eines Spielfilms, der diese Vorurteile gerade rücken kann, ohne es vielleicht zu wollen - er ist ja nicht für das Ausland produziert. Es gelingt ihm, indem er beide Bereiche miteinander verbindet: Den Tod und die Verpackung. Ein junger Mann erlernt da einen Beruf, der nur unzureichend dem deutschen Leichenkosmetiker vergleichbar ist.
Während die Trauernden vom aufgebahrten Toten Abschied nehmen, verrichten die Kunsthandwerker des Nokan ihre Arbeit vor den Augen aller: Leichthändig wie Zauberkünstler verrichten sie ihre Dienste, ohne dabei auf Beachtung zu schielen. Sie wechseln den Toten die Kleidung und waschen sie unter dem Blickschutz der selben Textilien. Ihre Berührungen sind zart und doch zweckdienlich, und wenn schließlich ein verstorbener Mensch noch einmal in aller Schönheit erstrahlt, ist es wie ein im Namen aller erbrachter Liebesdienst.
Nokan - Die Kunst des Ausklangs, Trailer. Japan 2008.
Im Original heißt der Film "Abschiede", denn natürlich ist es kein ethnographisches Dokument. Diese wunderbare Tragikomödie von 130 Minuten, die zu Recht den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt, fasst ihr Thema sehr viel weiter.
Dieser Abschied gilt zunächst einer Lebenslüge: Erst als der entlassene Orchestermusiker Daigo Kobayashi sein Cello verkauft, fühlt er sich wieder frei. Durch einen Druckfehler in der Annonce findet er einen Job in einem Bestattungsinstitut. Auch in Japan ist das nicht gerade der angesehenste Beruf, was der junge Mann von seiner Freundin postwendend zu hören bekommt. Es dauert eine Weile, bis sie ihm endlich bei der Arbeit zu sehen wird, die sich in ihrer Würde ganz unmittelbar erschließt.
Im japanischen Kino haben Filmemacher immer wieder Wege gefunden, ihrem Publikum eine nicht eben einfache Alltäglichkeit zu erklären. Die großen Meister Ozu, Mizogushi und vor allem der lange unterschätzte Mikio Naruse haben ihren Landsleuten mitder Kunst geholfen, die radikalen Umwälzungen der Nachkriegszeit zu begreifen. So haben sie aber auch uns Europäern eine Anleitung gegeben, Japan etwas besser zu verstehen.
Dieser Film besitzt genau die bescheidene Eindringlichkeit von Naruses Werken. Schon die Einführung des Themas über die abgebrochene Musikerkarriere ist hinreißend. Joseph Beuys hätte es nicht treffender formulieren können: Die Neigung des Menschen, Kunst zu schaffen, ist ein Bedürfnis, das unabhängig von den etablierten Künsten existiert und nach Ausdruck ruft. Tatsächlich lernt Herr Kobayashi sehr bald, was sich mit Kunst bewirken lässt. Sogar an der Grenze zwischen Leben und Tod hilft sie noch weiter.
Auch Regisseur Yôjirô Takita gehörte bislang nicht zu den berühmtesten Künstlern seines Fachs. Seit den frühen Achtziger Jahren arbeitet er im weniger beachteten Bereich der kultivierten Unterhaltung. Die wahre Verpackungskunst seines Films aber steckt in der so kunstvoll versteckten Form: Es ist dieselbe Diskretion, die gleiche Balance von Traurigkeit und Komik, die in seinem Thema steckt.
Das japanische Kino ist ein Universum für sich, doch der kommerzielle deutsche Filmmarkt greift nur wenige Genrefilme ab und an heraus. Aber gerade der Mainstream des japanischen Kinos besitzt oft einen künstlerischen Mehrwert, der andere Filmnationen beschämen kann. In der Verdrängung des Todes ist unsere Gesellschaft vermutlich sowieso noch neurotischer als die japanische, hier ist die richtige Medizin.
"Nokan - Die Kunst des Ausklangs". Japan 2008. Regie: Yôjirô Takita. Buch: Kundo Koyama. Mit Masahiro Motoki, Tsutomo Masayaki. 130 Min.