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Film

14. Januar 2013

Oscars 2013: Rezension "Django Unchained"

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Ein unschlagbares Duo: Dr. King Schultz (Christoph Waltz, l.) und Django (Jamie Foxx) in Tarantinos neuem Werk.  Foto: Sony

Wie die meisten Quentin Tarantino-Filme ist auch „Django Unchained“ eine Nummernrevue, die dem Fan den größtmöglichen Gegenwert für seinen Eintrittspreis bietet.

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Wissen kann ein Fluch sein. Dem Schauspieler Robert Mitchum etwa wird ein phänomenales musikalisches Gedächtnis nachgesagt. Kinobesuche mit ihm sollen eine Tortur geworden sein, weil er stets erklärte, bei wem der Filmkomponist abgeschrieben habe. So ungefähr muss man sich einen Besuch von Quentin Tarantinos neuem Film „Django Unchained“ an der Seite eines Genre-Fans vorstellen. Es sind so viele Zitate aus Italo-Western und Blaxploitation-Movies darin versteckt, dass man beim Suchen den eigentlichen Film glatt übersehen könnte. Vor lauter Stecknadeln würde man den Heuhaufen kaum noch bemerken. Oder, von der anderen Seite betrachtet: Ist da überhaupt noch Heu in diesem Haufen, oder besteht er nur aus Stecknadeln? Was ist hier eigentlich noch echter Tarantino?

Grüne Stecknadeln

Apropos: Einer von Quentin Tarantinos italienischen Lieblingsfilmen trägt den Titel „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“. Als Tarantino im Jahr 2004 beim Festival von Venedig eine Kopie dieses Films aus seiner Sammlung präsentierte, lobte er zuvor ausführlich den Hauptdarsteller: Den Zuschauern sei der sicher ein Unbekannter, aber für ihn sei es einer der ganz Großen – dieser Joachim Fuchsberger. Nach diesem Erlebnis kann ich nicht anders, als in Christoph Waltz’ Darstellung des Dr. King Schultz in „Django Unchained“ eine deutliche Fuchsberger-Note auszumachen. Natürlich wird es nie einen zweiten Joachim Fuchsberger geben.

Um so erstaunlicher, wenn man dem Oberflächenreiz seiner smarten Leinwandpräsenz nun wiederbegegnet – in einer Figur, die in der Eröffnungsszene buchstäblich aus der Dunkelheit eines Märchenwalds auftaucht und in der dreistündigen Laufzeit des Films kaum eine Entwicklung oder Vertiefung erfährt. Diesen Dr. King Schultz dennoch interessant zu finden, ist fraglos die Nominierung für einen Nebenrollen-Oscar wert, über die sich Waltz seit Kurzem freuen kann. Eigentlich ist es die zweite Hauptrolle neben dem Sklaven Django (Jamie Foxx), dem Waltz als Schultz gleich zu Beginn die Freiheit schenkt. Tatsächlich macht nur der Filmtitel „Django“ zur Hauptfigur. Eigentlich müsste der neue Tarantino „Dr. Schultz“ heißen.

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Nach einer handfesten Auseinandersetzung mit Djangos Eigentümern ist der Kauf des Sklaven für Schultz ein Kinderspiel. Durch eine Mischung aus umständlicher Höflichkeit und Schießkunst entwaffnet er jeden. Menschenliebe allein steht jedoch nicht hinter der heroischen Tat. Schultz ist nämlich Kopfgeldjäger, und sein neuer Partner Django kann ihn zu seinen nächsten Zielen führen, den Brittle Brothers. Ein Schurke aber führt zum nächsten: Die Plantage, auf der zwei der Brüder ihr Unwesen treiben, gehört einem von Don Johnson gespielten Sklaventreiber. Der glaubt , Schultz und Django das Handwerk zu legen, indem er sich und seinen Helfern Ku-Klux-Klan-Kapuzen aufsetzt, durch deren Sehschlitze man nicht einmal richtig gucken kann. Was soll uns diese Slapstick-Szene sagen?

Je witziger, desto brutaler

Wie immer bei Tarantino ist Humor das Kontrastmittel für die Gewalt, die darauf folgt. Je ausgelassener die Heiterkeit, desto heftiger das zu erwartende Gemetzel. Niemand spielt auf dieser Klaviatur so virtuos wie Tarantino, und der Italo-Western ist dafür wohl die beste Schule. Gewalt und Humor lagen hier oft so nah beieinander, dass schon eine geschickte Synchronisation ausreichte, um aus einem ernsten Terence-Hill- und Bud-Spencer-Western eine Komödie zu machen.

Diesmal lässt sich Tarantino allerdings Zeit, sein Film ist 165 Minuten lang – also nur zehn Minuten kürzer als Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“. Um „Django Unchained“ wirklich in Gang zu bringen, muss erst ein noch teuflischerer Sklavenhalter gefunden werden. Den spielt, herrlich diszipliniert, Leonardo DiCaprio. „Candyland“ heißt Calvin Candies riesiges Anwesen; die Zeit vertreibt er sich mit tödlichen Kämpfen zwischen Sklaven, die er Mandingos nennt – Tarantino hat sich bei der Darstellung der Südstaaten-Dekadenz Richard Fleischers berüchtigtes Sklavenhalterstück „Mandingo“ zum Vorbild genommen. Um Djangos Ehefrau Broomhilda (Kerry Washington) aus Candyland zu befreien, tarnen sich Schultz und Django als Freunde des gruseligen Kampfsports. Durchschaut werden ihre Absichten erst von der grimmigsten Karikatur des Films, dem Haussklaven Stephen (Samuel L. Jackson). Der ist ein gnadenlos opportunistischer „Onkel Tom“ – und die interessanteste Figur in „Django Unchained“.

So hemmungslos verspielt Tarantino über weite Strecken mit den Klischees in Sklavenfilmen der 1970er umgeht, so gnadenlos ist seine Abrechnung mit den Bildern von Schwarzen im alten Hollywood. Bei Tarantino wird der Märchenonkel aus Südstaatenopern wie Disneys „Song of South“ zur wahren Schreckensfigur. Und hier entscheidet sich die Frage „Was ist noch echter Tarantino?“ zugunsten des Regisseurs. Für jedes Lachen fordert die finale Abrechnung indes gnadenlos ihren Tribut, denn Django zahlt heute nicht. Er zahlt es vielmehr allen heim. Wie die meisten Tarantino-Filme ist auch „Django Unchained“ eine Nummernrevue, die dem Fan den größtmöglichen Gegenwert für seinen Eintrittspreis bietet. Darüber hinaus darf man diesmal wenig Mehrwert erwarten, abgesehen von der subtilen Umbewertung einiger Klischees.

Django Unchained USA 2012. Drehbuch & Regie: Quentin Tarantino, Kamera: Robert Richardson, Darsteller: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington u. a.; 165 Minuten, Farbe. FSK ab 16. Ab Donnerstag im Kino.

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