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Film

23. Dezember 2012

Oscars 2013: Rezension "Life of Pi"

 Von Daniel Kothenschulte
Allein mit einem Tiger im Boot: Pi (Suraj Sharama) hat wirklich nichts zu lachen.Foto: dpa

Endlich ein staunenswerter 3D-Film: Ang Lees liebevolle Romanverfilmung „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“.

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Eins der wenigen Kunstwerke, die der 3D-Boom hervorgebracht hat, ist eine Robinsonade. Seit seiner Premiere beim New Yorker Filmfestival im vergangenen September sorgt „Life of Pi“ allerorten für Verzauberung. Der Regisseur Ang Lee, dieser Meister aller Genres, hat wieder einmal den richtigen Stoff gefunden, um zu tun, was ihm sowieso das Liebste ist: Etwas Neues auszuprobieren. Und es dabei so natürlich und selbstverständlich aussehen zu lassen, als hätte es dergleichen schon immer gegeben.

Ang Lees Film „Brokeback Mountain“ war die erste schwule Liebesgeschichte, die im Kino ein Massenpublikum erreichte. Aber nur, weil Lee auf jeden Paukenschlag verzichtete und sie so selbstverständlich erzählte, als hätte Hollywood hundert Jahre nichts anderes getan. Und jetzt also ein Film über einen jungen Schiffbrüchigen und einen ausgewachsenen Tiger in einem Rettungsboot. Warum eigentlich nicht? Digitale Animation kann schließlich eine Menge Wunderdinge. Nur wird meist ein solches Gewese um sie veranstaltet (wie zuletzt bei „Cloud Atlas“ und gerade wieder bei „Der Hobbit“), dass es die beste Geschichte zur Nebensache degradiert. Dabei wusste man es doch immer: Filme werden nicht größer mit großen Effekten. Sie werden groß mit großen Gefühlen.

Doch so lange hundertmal so viel Tricktechniker benötigt werden wie Regisseure, um einen Film wie diesen zu machen, braucht man schon einen Kerl wie Ang Lee, um den Zirkus zu bändigen: Wer den Regisseur einmal erlebt hat, kennt ihn als hochsensibel – und doch von eiserner Disziplin und Durchsetzungskraft.

Dass er nun eine Geschichte von einem ebenso robusten jungen Helden erzählt, mag ihm gefallen: 227 Tage verbringt der Teenager Pi (Suraj Sharma) in einem Rettungsboot, als einziger überlebender Passagier eines untergegangenen Schiffs. Ein paar Tiere sind alles, was von seinem früheren Leben geblieben ist. Seine Familie hatte in Indien einen privaten Zoo betrieben und wollte ihr Glück in Kanada versuchen; nun ist sie tot. Die Besatzung des Bootes erinnert an das bekannte Denkspiel vom Fährmann, dem Wolf, der Ziege und dem Kohlkopf. Nur, dass es kein Ufer gibt, an das man zurückkehren kann.

Neben dem Tiger, vor dessen Gefährlichkeit Pi schon als Kind gewarnt worden war, sind da noch ein Orang-Utan, ein Zebra und eine Hyäne. Bevor die Denksportaufgabe allzu knifflig wird: Die raue See fordert auch noch ihren Tribut. Schließlich sind nur noch der Junge und der wilde Tiger übrig, der nicht daran denkt, sich wie eine Figur aus „Madagascar“ zu benehmen und die lange Passage durch ein paar süffisante Anekdoten zu verkürzen.

Die Anekdote ist das Geschehen selbst, das durch eine Rahmenhandlung als Erzählung kenntlich gemacht wird. Womit die Frage aufscheint, ob man sie wörtlich oder metaphorisch zu verstehen habe. Für letztere Lesart sprechen Bezüge zu mehreren Religionen, die nicht aufgesetzt wirken, sondern angemessen nachdenklich stimmen. Wenn im Film schließlich eine schwimmende Insel erscheint, bevölkert von unzähligen Meerkatzen, oder die Kamera so tief taucht, dass ein gespenstischer Tiefseefisch aus der Leinwand schwebt, erreicht Ang Lee märchenhafte Territorien. Er wäre wohl auch der richtige, um ein anderes „unverfilmbares“ Buch anzugehen, „Der kleine Prinz“. Doch der gebürtige Taiwanese würde sich nie wiederholen wollen.

Wie die meisten Neuigkeiten hat auch das 3D-Kino eine lange Geschichte. Noch bevor Hollywood mit dem stereoskopischen Film 1953 eine kleine Schlacht gegen den Siegeszug des Fernsehens schlug, erlebte es in Moskau seine erste Blüte. Dort war eigens ein Kinosaal gebaut worden, um die neue Kunst zu feiern, und der Film, den man dort seit 1947 viele Jahre lang spielte, war es wert. Er hatte eine ganz ähnliche Geschichte wie dieser „Schiffbruch mit Tiger“, und er hieß „Robinson Crusoe“.

Der ideale Film zum Fest

Noch heute kann man eine Kopie des Films von Aleksandr Andrijevski im Münchner Filmmuseum bewundern und versteht, was Zeitgenossen wie Sergej Eisenstein daran so begeisterte. Es ist das selbe wie heute: 3D löst die Grenze auf zwischen Zuschauer und Leinwand. Es macht im Idealfall den Realismus noch realer und das Unglaubliche noch staunenswerter. James Cameron hatte das begriffen, als er in liebevoller Kleinarbeit „Avatar“ realisierte. Und Ang Lee hatte es schon immer im Gefühl. Seine Yann-Martel-Verfilmung ist einfach nur staunenswert. Es der ideale Film zum Fest. Und ein Fest von einem Film.

Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger, USA 2012. Regie: Ang Lee, Kamera: Claudio Miranda, Darsteller: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Gerard Depardieu u. a.; 127 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Ab 26.12. im Kino.

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