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Film

21. September 2010

Oskar Roehlers "Jud Süß": Film ohne Gewissen

 Von Daniel Kothenschulte
Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels in Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen".  Foto: dpa

Oskar Roehlers verklärendes Filmporträt des „Jud-Süß“-Darstellers Ferdinand Marian. Kein Blödsinn bleibt dem Zuschauer erspart, kein Klischee des Nazi-Camp wird ausgelassen. Dass das keine Parodie sein soll ist schwer zu glauben.

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Eines haben Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ und Veit Harlans Film „Jud Süß“ dann doch gemeinsam: Man kann eine Meinung über diese Werke haben, ohne sie tatsächlich gelesen oder gesehen zu haben. Man kennt ihre zentralen Thesen. Es ist legitim, darauf ein Urteil zu begründen. Man würde sie nicht im Kontext anders beurteilen.

Wer sich heute den von Joseph Goebbels in Auftrag gegebenen Propagandafilm „Jud Süß“ aus dem Jahre 1940 ansieht, wird sein Vorurteil nicht revidieren. Der Film wird seinem Ruf gerecht. Es ist tatsächlich jener perfide antisemitische Propagandafilm, als den ihn die Filmgeschichte kennt. Es ist unmöglich, seine menschenverachtende Botschaft zu verkennen. Und doch sollte man ihn sehen, denn wie jedes andere Produkt der visuellen Kultur lässt es sich mit Worten nicht erfassen.

„Jud Süß“ ist ein gespenstisch gut gemachter Ausstattungsfilm, der sein Publikum in Bann schlägt, in dem er es vielstimmig betört. Durch einen Detailreichtum, der sich an den Abenteuerfilmen aus Hollywood messen kann. Und sein Spiel auf der sentimentalen Klaviatur, der man sich in unverfänglichem Kontext auch heute noch hingeben würde – der Geschichte von der missbrauchten Unschuld durch einen schamlosen Schurken: Jud Süß. Ferdinand Marian spielt ihn. Erst charmant, dann brutal, schließlich feige und erbärmlich. Auch menschlich?

Eine Legende, die sich um seine Darstellung rankt, besagt, dass er dieser Filmfigur eine subversive Menschlichkeit verliehen habe, die der propagandistischen Intention entgegenstünde. Sieht man den Film, kann man das nicht bestätigen. Es ist doch eher Unmenschlichkeit.

Grundsätzlich nicht verwerflich

Oskar Roehler erzählt in seinem Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ diese Legende. Es ist grundsätzlich nicht verwerflich, im Kino Legenden zu erzählen. Film ist eine Kunstform und bietet dazu viele poetische Möglichkeiten. Roehlers Film aber hat einen anderen Anspruch. Er will, dass wir die Legende für bare Münze nehmen. Und um diesen Anspruch zu untermauern, webt er ein komplexes Spinnennetz erfundener historischer Details um diese Legende. Und verstrickt sich schließlich bis zum Hals darin.

Nebendarsteller Werner Krauß findet es „nicht ganz kosher“, gleich fünf Juden zu spielen in Veit Harlans Propagandafilm, aber er zögert nicht. Schließlich droht Goebbels, allen Unwilligen „die Leviten zu lesen“. Mit etwas kokettem Jiddisch in den Dialogen von Promimenten des NS-Staats beginnt Oskar Roehlers Film „Jud Süß - Film ohne Gewissen“. Die jüdischen Figuren, die später tatsächlich etwas Leinwandzeit bekommen, haben weniger zu lachen. Sie sind frei erfunden, wie die „Vierteljüdin“, mit der „Jud Süß“-Darsteller Ferdinand Marian (Tobias Moretti) angeblich verheiratet war, damit er im Film leichter erpressbar erscheinen kann.

Oder der von Heribert Sasse gespielte Komiker Adolf Deutscher, der nur in der Geschichte vorkommt, damit Marian auch einen jüdischen Freund hat. Und in dem in geschmackloser Weise Elemente der Biografie des von den Nazis Ermordeten Kurt Gerron eingewoben sind. Oder die Arbeitssklavin, die jüdische Lieder singt, während sie in der Pose eines sozialistischen Pin-ups das Fundanment des Lagers Auschwitz schaufelt.

Nach einer in Buhs und Pfui-Rufen unterbrochenen Pressevorführung auf der diesjährigen Berlinale äußerten sich die Filmemacher, und man war überrascht zu hören, dass Roehler keine poppige Farce im Sinn hatte, sondern darauf bedacht war, historisch alles korrekt zu machen. Tatsächlich waren Fünfe noch nie so gerade wie in diesem Melodram über die „Tragik des Ferdinand Marian“ (Roehler), jenes NS-Stars, der im Film erst gegen seinen Willen als Propaganda-Ikone missbraucht wird, um danach von Goebbels (ähnlich nur im rheinischen Zungenschlag: Moritz Bleibtreu) verstoßen zu werden.

Marian drehte noch zehn Filme

Das indes ist schon gelogen. Tatsächlich drehte Marian noch zehn weitere Filme, darunter einen der anerkannten Kunstfilme der NS-Zeit, „Romanze im Moll“ von Helmut Käutner. Kein Blödsinn bleibt dem Zuschauer erspart, kein Klischee des Nazi-Camp wird ausgelassen.

Nein, eine Parodie wollten die Filmemacher gar nicht machen, aber das ist schwer zu glauben. Alle Veränderungen, die darauf abzielen, Marian, den Täter, zum Opfer zu stilisieren, seien „einer höheren künstlerischen Wahrheit“ geschuldet, so sieht es Drehbuchautor Richter. Roehler selbst versteigt sich zu der nicht ganz aus der Luft gegriffenen Feststellung, auch die heutige deutsche Filmszene habe ihn an die Goebbels-Zeit erinnert in ihrem Buhlen um Geld, umgeben von Industriellen, „die genau so sind wie damals“.

Einen Unterschied immerhin gibt es: Der Filmförderfonds von Staatsminister Bernd Neumann bestimmt nicht, welche Filme gemacht werden sollen. Das Geld kommt automatisch. Alle Probleme dieses Films wären schon im Drehbuchstadium sichtbar gewesen, wenn man denn hätte hinsehen wollen.

Roehler hat sich in seinen früheren Filmen als ein Filmemacher von genialischer, manchmal beglückender Hemmungslosigkeit erwiesen. Hier aber bremst er seine Phantasie um sich in falsche Wahrheiten zu verrennen. Lachen über Hitler? In der Kunst ist das durchaus möglich. Aber Tränen für seine Helfer?

Jud Süß – Film ohne Gewissen, Regie: Oskar Roehler, Deutschland 2010, 114 Minuten.

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