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Film

03. April 2013

Oslo, 31. August: Glück kennt keinen Grund

 Von Jan Brachmann
Zwischen Sprachlosigkeit und Sprache, Menschenporträt und Stadtlandschaft - „Oslo, 31. August“ vom Regisseur Joachim Trier  Foto: imago stock&people

Einen entscheidenden Tag im Leben eines 34-Jährigen zeigt der schöne, helle Film „Oslo, 31. August“ von Joachim Trier.

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Groß ist, wer liebt, ohne dass die Liebe ihm Halt gibt. Wer gütig sein kann, ohne Freude zu empfinden. Wer anderen das Glück nicht neidet. Der 34-jährige Anders in Joachim Triers Spielfilm „Oslo, 31. August“ ist so: Er kann bei andern Menschen im Gesagten das Ungesagte hören; er kann Klavier spielen, versteht etwas von Kunst und hat als Journalist gearbeitet. Dann fing er an, Drogen zu nehmen: Alkohol, Ecstasy, Kokain, Heroin. Zehn Monate hat er in einem Heim für Drogenentzug verbracht. Er ist nun clean. Aber er hat jeden Lebensappetit verloren. Am 31. August erhält er Ausgang für ein Bewerbungsgespräch bei einem Medien-Magazin.

Der Film begleitet den jungen Mann durch seine Heimstadt Oslo im weichen, müden Licht eines Spätsommertags. Anders wird im Familienglück seines besten Freundes Thomas die betäubte Sinnleere hinter der glatten Fassade ertasten.

Ein stiller Film ohne Empörung

Er wird sich gegenüber der Freundin seiner Schwester verwahren, die eigenen Eltern für seinen Kummer verantwortlich zu machen. Er wird seiner alten Freundin Mirjam Trost zusprechen, die sich seit neun Jahren vergeblich ein Kind wünscht. Er wird einem Mann verzeihen, dass dieser mit seiner Freundin Iselin geschlafen hat; und als dieser Mann ihn ein „Arschloch“ nennt, wird er stumm mit militärischem Gruß für die Belehrung danken. Am Morgen, in der letzten Heiterkeit des Sommers, wird er einem Mädchen, das alles Glück des Lebens von einer einzigen Nacht erwartet, zärtlich sagen, dass sie noch tausend solcher Nächte vor sich hat. In diesem Moment weiß er längst, dass unsere Welt kein Ort mehr für ihn ist.

„Oslo, 31. August“ balanciert hoch verdichtet und stilistisch klar zwischen Sprachlosigkeit und Sprache, Menschenporträt und Stadtlandschaft. Es ist ein stiller Film ohne Empörung, ohne Weinerlichkeit. Ein freundlicher Film ohne Hoffnung, ein heller Film über die Verzweiflung. Der Hauptdarsteller Anders Danielsen Lie ist kein professioneller Schauspieler, obwohl er schon in mehreren Filmen mitgewirkt hat. Er ist selbst Arzt und hat mehrere Sucht-Patienten behandelt. Sein Einfühlungsvermögen muss enorm sein. Denn diese vielen Nuancen des Blicks und der Stimme, die Trübung und Rötung der Augen bei manch schwerem Satz verlangen entweder eine abenteuerliche Virtuosität oder eine gefährliche Durchlässigkeit des eigenen Gemüts für den Kummer, auf das große Warum des Daseins keine Antwort zu finden.

Gnade kennt kein Warum

In einem innerem Monolog, in dem sich Anders liebevoll an seine Eltern erinnert, sagt er auch: „Sie lehrten mich, dass Religion eine Schwäche sei. Ich weiß nicht, ob das stimmt“. Eine Schuldzuweisung liegt darin nicht. Denn Anders’ Verzweiflung ist radikal grundlos. Sie kommt aus der Grundlosigkeit unserer Existenz selbst. In dieser Grundlosigkeit Halt zu finden, ist nur möglich durch Betäubung oder durch Gnade. Gnade aber kennt kein Warum. Das hat Anders wohl am Ende mit höchster Klarheit begriffen, auch wenn er selbst diese Gnade nicht erfuhr.

Oslo, 31. August Norwegen 2011. Regie: Joachim Trier, Drehbuch: Eskil Vogt, Joachim Trier, Kamera: Jakob Ihre, Darsteller: Anders Danielsen Lie, Hans Olav Brenner, Ingrid Olava, Øystein Røger u. a.; 96 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Ab Donnerstag im Kino.

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