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Pablo Traperos Film "Löwenkäfig": Diktatur der Machos

Pablo Traperos Film "Löwenkäfig" erzählt vom brutalen Alltag in argentinischen Gefängnissen. "Löwenkäfig" war 2008 in Cannes für die Goldene Palme nominiert und wäre ein würdiger Gewinner gewesen. Von Heike Kühn

Der Löwenkäfig (Leonera) von Pablo Trapera.
Der "Löwenkäfig" (Leonera) von Pablo Trapera.
Foto: www.leoneralapelicula.com

Man glaubt zu verstehen, warum zu Beginn von Pablo Traperos Film "Löwenkäfig" eine schöne junge Frau mit Blutergüssen im tränenverschmierten Gesicht erwacht, sich mit zerschlagenem Körper unter die Dusche stellt und zur Arbeit fährt. Ihre Wohnung ist verwüstet, doch ihrer Kollegin sagt sie kein Wort.

Dies ist Argentinien, denkt man, das Land der Machos. Aber darauf ist man nicht vorbereitet: Dass die Kamera bei der Rückkehr der Traumatisierten den Blick auf umgestürzte Möbel freigibt und dahinter zwei Männer liegen. Die Polizei schlägt die Tür ein. Einer der Männer wird schwer verletzt gerettet. Der andere ist tot.

Im Gefängnis erfahren wir den Namen der jungen Frau. Wenn die Polizei sonst schon nichts weiß, hält sie doch Daten fest. Julia hat Wunden, aber sie lebt. Sie muss die Täterin sein. Der Verletzte heißt Ramiro. Obwohl er seine Unschuld beteuert, erkennt ihn die internationale Kino-Gemeinde doch: Der brasilianische Schauspieler Rodrigo Santoro spielte 2006 in "300" Xerxes, den persischen König, der sich 480 vor Christus auf Griechenland stürzte. Santoro war für den MTV-Movie-Award als "Bester Bösewicht" nominiert. Nun behauptet Santoro in der Rolle von Julias Liebhaber Ramiro, alles sei ganz harmonisch zugegangen. Mit dem Toten, einem guten Freund, habe er sich im Bett ausgeruht, als Julia gekommen sei und aus Eifersucht das Messer gezogen habe.

Die Studentin Julia muss lange warten, bis ein Anwalt auftaucht. Bis dahin haben die anderen Frauen, mit denen Julia in einem Mutter-Kind-Gefängnis einsitzt, sich darauf geeinigt, dass sie zu blond, zu zart, zu sensibel ist, um sich verteidigen zu können. Nicht nur gegen die Anschuldigungen ihres zwielichtigen Lovers, sondern vor allem gegen die abgebrühten Langzeitinsassinnen, die Julia sexuell bedrängen.

Dass Julia schwanger ist, stört die Macho-Frauen nicht. Nur mithilfe der mehrfachen Mutter Marta überlebt Julia den Schock des Ausgeliefertseins. Das ursprünglich als Schutzmaßnahme gedachte Mutter-Kind-Gefängnis ist so dreckig, trostlos und überfüllt, dass die Kinder darin wie Halluzinationen wirken, wie diebische Gespenster. Sie rennen nicht, sie huschen.

"Löwenkäfig" wurde 2008 in Cannes für die Goldene Palme nominiert und wäre ein würdiger Gewinner gewesen. Vielleicht hat die klaustrophobische Optik, die extremen Nahaufnahmen auf Frauen, die nicht einmal die Kontrolle über ihren jederzeit von der Polizei einsehbaren Intimbereich haben, die Jury verstört. Die rostigen Zellengitter, auf denen Julias Sohn Thomas später hin und her schaukeln wird, sind Teil der argentinischen Realität.

Kritisch gegenüber einer überforderten und frauenfeindlichen Justiz, machtlosen Wärtern, die unschuldige Kinder wegsperren müssen, Frauen, die nicht immer unschuldig sind oder in der Haft gewalttätig werden, ist es Pablo Trapero gelungen, eine Drehgenehmigung in einem argentinischen Hochsicherheitstrakt zu bekommen. Etliche der mitspielenden Insassinnen und Wärterinnen kennen dieses Gefängnis aus eigener Anschauung.

Die argentinische Schauspielerin Martina Gusman bringt als Julia das Kunststück zuwege, inmitten dieser grausamen Enge die innere Freiheit ihrer Figur zu entfalten. Aus der Geschlagenen, die geduldet hat, dass ihr bisexueller Liebhaber Ramiro und dessen schwuler Lover ihre Wohnung besetzen, wird eine Löwin. So ungewollt ihr Sohn zunächst ist, Kind des Mannes, der alle Schuld auf ihr ablädt, so rasch wird er doch neben der zupackenden Marta ihre größte Liebe.

Mit Sofia, Julias bürgerlicher Mutter, taucht eine weitere Bedrohung auf: Soll Thomas bei seiner rührend besorgten Mutter aufwachsen oder bei der unzuverlässigen Großmutter, die ihn aus dem Gefängnis entführt? Einmal geht die selbst wenig belastbare Oma mit dem Vierjährigen in den Zoo. Thomas liebt Buch-Elefanten. Echte Tiere ängstigen ihn. Das Gefängnis scheint ihm sicherer. Was soll man tun, um diesem zu frühkindlichen Neurosen verurteilten kleinen Mitgefangenen zu helfen?

Trapero entscheidet sich für eine heldenhafte Löwenmutter-Aktion. Das soll Hoffnung spenden, aber es wirkt wie ein Fremdkörper in einem Film, der das Trauma eines Landes zeigt, in dem lange nach dem Ende einer blutigen Diktatur das Nichtverstehen zum Alltag gehört.

Löwenkäfig, Regie: Pablo Trapero,

Argentinien 2008, 113 Minuten.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  4 | 6 | 2009
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