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Film

17. April 2014

Pelin Esmer „Watchtower“: Es war einmal in Anatolien

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„Watchtower“, ein betörendes Drama zweier Weltflüchtiger in tiefen Bergwäldern, gedreht von der türkischen Regisseurin Pelin Esmer.

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„Watchtower“, ein betörendes Drama zweier Weltflüchtiger in tiefen Bergwäldern, gedreht von der türkischen Regisseurin Pelin Esmer.

Als in der vergangenen Woche in Köln das „Internationale Frauenfilmfestival“ eine Übersichtsschau über türkische Filmemacherinnen präsentierte, bedankte sich Regisseurin und Jurymitglied Pelin Esmer mit einem Stoßseufzer: „Dann muss ich wenigstens nicht mehr so oft erklären, dass es so etwas überhaupt gibt.“ Tatsächlich gelang es schon 1972 einem der großen weiblichen Filmstars der Türkei, Türkân Soray, ins Regiefach zu wechseln: Ihr ebenso populäres wie zeitkritisches Drama „Die Rückkehr“ erzählt von der Heimkehr eines Arbeitsmigranten aus Deutschland.

Pelin Esmers bereits 2012 gedrehter Film „Watchtower“ lief nicht mehr auf dem Kölner Festival, vielleicht weil man hofft, dass er – wie der titelgebende Spielort, ein Turm in einem Wald – aus dem Überangebot wöchentlicher Filmstarts herausragt. Tatsächlich kann man sich seinem Sog kaum entziehen, wenn sich die Kamera den Weg durch nordtürkische Bergwälder bahnt.

Der Trost der Landschaften

Zwei Menschen hat es hierher verschlagen, einen Einsiedler (Olgun Simsek), der eine Stelle als Wächter zum Schutz vor Waldbränden antritt, und eine Studentin (Nilay Erdönmez), die bei einem Busunternehmen angeheuert hat. Bis zur Hälfte des Films lässt sich Esmer Zeit, um so etwas wie die Katze der Geschichte aus dem Sack zu lassen und in die Beweggründe der Weltflüchtigen einzutauchen. Aber dies ist eben kein einfaches Sozialdrama um eine Schwangere, die sich ihrem konservativen Vater nicht offenbaren kann, sondern ein poetischer Film über zwei Stadtflüchtige und den Trost, den Landschaften und Zufallsbekanntschaften spenden können.

Esmer kommt vom Dokumentarfilm, was die Genauigkeit ihrer Beobachtungen erklärt und die Lebendigkeit der Szenen in einer typischen Raststätte für Fernbusreisende. Doch was sie aus der Realität entnimmt, die Menschen und Spielorte, komponiert sie völlig frei zu einer höheren Ordnung, einem kunstvollen Kammerspiel. Eine ans Märchenhafte rührende Faszination für Nachtszenen entlockt den Wäldern eine heimelige Vertrautheit – und betont das Archaische dieser Überlebensgeschichte. Da finden zwei Zivilisationsflüchtige gerade dort eine Zuflucht, wo sie den stärksten Konservatismus zu befürchten haben, mitten in Anatolien – doch die Menschen, denen sie begegnen, sind durchweg hilfsbereit. Wirklich anvertrauen aber können sich diese Verwundeten nur einander, und auch das scheint erst einmal unmöglich.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass der italienische Neorealismus der Nachkriegszeit gerade vielerorts ein Comeback feiert. Der Iraner Abbas Kiarostami erzählte in „Die Liebesfälscher“ Rossellinis „Reisen in Italien“ ein zweites Mal, und die belgischen Dardenne-Brüder orientieren sich gerne bei Vittorio De Sica. Die kunstvolle Einfachheit eines solchen Kinos jedoch lässt sich nicht konstruieren. Man muss sie finden: In den Menschen, in den Spielorten – und das filmische Potential darin entdecken. Pelin Esmer ist das in „Watchtower“ kongenial gelungen.

Watchtower. Türkei 2012. Regie: Pelin Esmer. 96 Min.

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