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Pixars "Oben": Neunundneunzig Luftballons

Gegen die Formelhaftigkeit des Kinos: "Oben", das neue Kunstwerk der Trickfilmschmiede Pixar bewegt sich auf Fellinis Spuren. Allein die ersten zehn Minuten sind unvergesslich. Von Daniel Kothenschulte ()

Kann man mit einer Geschichte über einen alten Griesgram (links im Bild)  auch Geld verdienen? O ja!
Kann man mit einer Geschichte über einen alten Griesgram (links im Bild) auch Geld verdienen? O ja!
Foto: ddp

Ein kleines Häuschen, aufgehängt an tausend bunten Luftballons, schwebt durch den Himmel, bewohnt von einem etwas mürrisch dreinblickenden Achtzigjährigen: Nicht überall weckte die Hauptfigur des neuen Disney-Pixar-Animationsfilms "Oben" Vorfreude, die nicht nur äußerlich an die Muppet-Miesepeter Statler und Waldorf erinnert. Kaum war die Idee des Films bekannt, da stuften Fonds-Manager der Wall Street die Disney-Aktie herunter. Wer gehe schon in einen Film mit einem grummeligen Alten? Und für Mädchen sei gar nichts dabei, warnten die Börsianer. Natürlich kam alles wieder anders; mit einem Einspielergebnis von 290 Millionen Dollar allein in den USA ist das Werk schon jetzt erfolgreicher als sein Vorgänger "Wall-E".

Perfekte Ein-Tages-Filmschule

Erst gut zwanzig Jahre gibt es die Firma Pixar, und doch steckt schon ein Lebenswerk darin: Vergangene Woche erhielten John Lasseter und seine vier wichtigsten künstlerischen Mitarbeiter dafür Ehrenleoparden beim Filmfestival Venedig. Die meisten derart Geehrten bedanken sich bestenfalls mit einer Anekdote. Die Pioniere der Computeranimation von Pixar aber hielten sorgsam ausgearbeitete Vorlesungen. Es war die beste Ein-Tages-Filmschule aller Zeiten. Als Absolvent kann man ein Wunderwerk wie "Oben" zwar immer noch nicht ganz erklären, aber allein in der studio-internen Verbotsliste stecken ein paar Hinweise: keine Märchen, keine Musical-Einlagen, keine Kinderfilme, keine Liebesgeschichten.

So grenzen sich Pixar-Filme von Anfang an radikal von den Klassikern des Mitproduzenten Disney ab, deutlicher noch als die vermeintliche Anti-Disney-Serie "Shrek". Andererseits war es Walt Disney selbst gewesen, der nach dem Erfolg der "Drei kleinen Schweinchen" radikal gegen "Erfolgsrezepte" anging. "Man kann Schweinchen nicht mit Schweinchen übertreffen", lautete seine Formel. Und die Formel von Pixar ist der Kampf gegen die Formelhaftigkeit der Geschichten.

"Up" beginnt mit unvergesslichen zehn Minuten, in denen sich ohne viel Worte ein Leben erzählt: Da erträumt ein kleiner Junge das große Abenteuer, will in die Fußstapfen eines Forschers treten, der im Film entfernt an Richard Branson erinnert, aber - wie Regisseur Pete Docter erklärt - auch die Züge des jungen Disney trägt. Doch alles, was der Junge entdeckt, ist ein mutiges Nachbarmädchen, die Liebe seines Lebens. Alle Ambition tauscht er ein gegen das große Liebesglück im kleinen Haus. Und einen einfachen Beruf, den des Ballonverkäufers.

Erst der Tod seiner mit ihm gealterten Gattin lässt den Ballon seines Lebensglücks zerplatzen - zurück bleibt ein verbitterter Greis. Als auch noch seine idyllische Heimstatt obskuren Neubauten weichen soll, erleben Disney-Fans ein kleines Déjà-vu: Wie einen Film im Film kopiert Pixar den wenig bekannten Disney-Cartoon "Das kleine Haus" (1952) der jüngst wiederentdeckten Designerin Mary Blair. Anders aber als sein Ahne ist das Pixar-Haus keine Immobilie. In dem Moment, als man den Rentner ins Altersheim abschieben will, hebt es sachte ab, befreit von seinem Fundament von tausend bunten Luftballons.

Ein Schiff der Träume

Mit dem Ende dieser zauberhaft erzählten Vorgeschichte beginnt der eigentliche Film. Mit der Reise zu den Urgründen seiner Utopie auf den Spuren des Forscher-Idols seiner Kindheit wird fast ein "Fellini" daraus. Und das fliegende Haus zum Schiff der Träume. Nun ist alles möglich: Das Phantastische aber auch das hinreißend Banale. Auf den Stufen des Hauses hat sich ein Pfadfinderjunge versteckt, und der Alte hat ihn nun am Hals. Mit dem ungleichen Paar erlebt der Zuschauer ein Road-Movie über den Wolken, doch ein Märchen wird nie daraus. Dafür eine kluge Parabel über den wahren Wert der viel geschmähten Lebenslügen, die uns tatsächlich wie an Luftballons durch dieses kalte Leben tragen.

Technisch hat die Schwerelosigkeit von "Oben" mit der neuen 3D-Technik zu tun. Allerdings nutzen die Künstler die Dreidimensionaltät so subtil, dass man vergisst, in einem 3D-Film zu sitzen. So wie man vergessen kann, ein Computerprodukt zu bewundern. Oder überhaupt im Kino zu sein. Eigentlich hängen wir ja alle an unsichtbaren Luftballons.

Oben (Up), Regie: Pete Docter, USA 2009, 96 Minuten.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  16 | 9 | 2009
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