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Film

24. Juni 2009

RAF-Film "Schattenwelt": Logik der Menschenfeindlichkeit

 Von HEIKE KÜHN
Franziska Petri und Ulrich Noethen im Film "Schattenwelt" von Connie Walthers.  Foto: Salzgeber

Traumaforschung: Connie Walthers "Schattenwelt" begibt sich auf die Fährte der RAF-Terroristen und ihrer Opfer. Ulrich Noethen spielt als Ex-Häftling Widmer die Rolle seines Lebens. Von Heike Kühn, ( mit Trailer)

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Die Nachricht, dass der ehemalige RAF-Terrorist Volker Widmer nach 22 Jahren Haft entlassen wird, lockt eine Heerschar von Journalisten vor die Tore einer Freiburger Vollzugsanstalt. Doch nur der Rentner, der seinen Hund ausführt, sieht, wie Widmer aus einem Seitenausgang kommt. "Ich kenne dich, du Schwein", ruft er ihm hinterher.

Mit diesem fulminanten Auftakt gibt "Schattenwelt" von Connie Walther gleich drei Themen vor, die den Film bestimmen. Das einst führende RAF-Mitglied wird immer noch gejagt, wenn auch anfänglich nur von den Medien, die weniger an juristisch verbüßter Schuld, denn an der Sensation des freigelassenen "Monsters" interessiert sind. Die Masse Mensch, verkörpert vom Hundefreund, spricht die anderen beiden Motive aus: den Irrglauben, den Mörder zu kennen, und den Hochmut, ihn zum Schwein zu deklarieren - ein Sprachgebrauch, der den Rentner mit dem Ex-Terroristen verbindet. Auch Widmer hat sein prominentes Opfer, den Bankier von Seichfeld, als "Schwein" wahrgenommen und vergossenes Blut als "Schweineblut".

Die RAF-Hirngespinste sind in der Haft nicht verblasst. Dafür liegt die Welt, die Widmer in einem Hochhausapartment betritt, im Schatten eines von vielen Seiten unüberwindlichen Hasses. Bis auf ein trübes Grün, das Betongrau kleinbürgerlicher Schnüffelei und das schmutzige Weiß verlorener Unschuld hat Walther ihrem Film alle Farben entzogen und sich damit, hoch differenziert, in die Tradition von Kieslowskis "Kurzer Film über das Töten" gestellt.

Schattenwelt, Trailer Deutschland 2008

Ulrich Noethen spielt mit dem Ex-Häftling, der seinen Platz in dem von fremden Möbeln und vertrautem Voyeurismus verstellten Neuland nicht findet, die Rolle seines Lebens. Misstrauisch, die Gesten sparsam, als gelte es immer noch, die Enge einer Zelle zu nutzen, trifft der blasse, bärtige Mann auf seine Wohnungsnachbarin Valerie. Zwar erkennt er in der rücksichtslosen jungen Frau einen verwandten Geist, nicht aber das Schreckgespenst seiner Vergangenheit. Neugier, aggressive Erotik und Kumpelhaftigkeit - die erste Hälfte des Films verschleiert ebenso kunstvoll wie Franziska Petri als Valerie die Motive der Frau. In einer beklemmenden Szene verteidigt sie Volker Widmer vor den Bewohnern des Hochhauses, die sich im Suff kleinbürgerlicher Rechtschaffenheit Zugang zur Wohnung "ihres" Mörder-Nachbarn verschaffen.

Erst in der Mitte des Films platzen die Geheimnisse förmlich aus Valerie heraus. Mit flackernden Augen und einer buchstäblich irren Energie, die daran erinnert, dass sie ihren kleinen Sohn krankenhausreif geschlagen und an Pflegeeltern verloren hat, richtet Valerie in einer Tankstelle eine Pistole auf Widmer. Wenn er schon ihren Vater erschossen habe, der von Seichfelds Gärtner war und ins Schussfeld geraten ist, möge er ihr doch auch erklären, wie die Tat genau verlaufen sei.

Nach der peinlichen Verklärung, die sich Uli Edels Film "Der Baader Meinhof Komplex" geleistet hat, kommt mit "Schattenwelt" endlich ein Film auf uns zu, der die Folgen der RAF-Morde aus der Perspektive menschlicher Anteilnahme und filmanalytischer Traumaforschung beleuchtet. "Schattenwelt" lässt den vermeintlich unbedeutenden Mit-Opfern der ermordeten Elite Gerechtigkeit zukommen und stellt die Leiden aller Nachkommen in den Mittelpunkt.

Die Tochter des ermordeten Gärtners und der Sohn des Mörders sind gleichermaßen von Angst, Wut und Schuldgefühlen gezeichnet. Während Widmers Sohn sich hinter einem privaten Hochsicherheitstrakt verbarrikadiert, geht Valerie den Weg des Mörders. Um zu verstehen, folgt sie seiner menschenfeindlichen Logik. Sie terrorisiert Widmers Ex-Frau, gespielt von der wie immer großartigen Eva Mattes, und überschreitet die Grenzen der Aufarbeitung in einem Finale von solch psychotischer Projektion und zwanghafter Wiederholung, dass dem Betrachter angesichts Franziska Petris gezieltem Kontrollverlust der Atem stockt.

Ob Unschuldige sterben müssen, lässt der Film offen. Die Frage, ob Volker Widmers Geschichte sich an der von Christian Klar orientiert, ist unerheblich. Hier geht es nicht um Bild-Spekulationen, hier geht es darum, einen Knoten durchzuschlagen, der Opfer und Täter in fataler Verstrickung hinterlassen hat.

Schattenwelt, Regie: Connie Walther, D 2008, 92 Minuten.

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