Was motiviere eigentlich diese vielen Unterstützer der inhaftierten Terroristen, möchte ein Beamter des Bundeskriminalamts wissen. Sein Chef Horst Herold nimmt die Frage nicht rhetorisch, er hat die Antwort schon zu lange auf der Zunge: "Der Mythos". Bruno Ganz, in der Rolle weniger Kriminologe als Schamane, verleiht seinen Worten jenen sanften Nachdruck, mit dem große Theatermimen selbst ein Flüstern bis in die letzte Reihe schicken.
Der "Mythos RAF", als Ausstellungsstellungstitel vor Jahren keines staatlichen Euros würdig, war dem gleichen Bundeskulturministerium plötzlich 2,7 Millionen Euro wert. Ganz automatisch, denn die Mittel des Deutschen Filmförderfonds werden unjuriert vergeben. Das Kino ist eben doch ein anderes Medium und besitzt im Idealfall auch eine besondere Freiheit: Gerade in den großen Historienfilmen der Filmgeschichte erfüllte sich oft, was der Dichter Hugo von Hofmannsthal schon in den Anfängen des deutschen Stummfilms formulierte: "Das Kino ist der Ersatz für die Träume." Wovon aber träumen Terroristen?
30 Jahre danach geht eine eigenartige Faszination von der RAF, der Baader-Meinhof-Gruppe und dem Deutschen Herbst aus. Mehr dazu im Spezial der FR.
Andreas Baader träumte offensichtlich von Belmondo - jedenfalls posiert Moritz Bleibtreu gleich am Filmanfang in dieser Rolle stilecht mit Sonnenbrille und Zigarre. Und ein blasser Rest der Pose ist auch dann noch zu spüren, als sich die Stammheimer Häftlinge nur noch gegenseitig ankeifen und der gefallene Revoluzzer seine Gefährtin Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) des Verrats bezichtigt. Verraten von einer Frau wie am Ende des Godard-Films "Außer Atem" - das wäre doch wenigstens ein cooles Ende.
Hatte man sich nicht einmal gefühlt wie auf dem Filmset von Louis Malles 68er-Kultfilm "Viva Maria"? Eine poppige Szene vermittelt im ersten Drittel diesen Eindruck. Da frönt die Führungsriege der RAF als Salon-Guerilla im jordanischen Trainingscamp schamlos der Nacktkultur und lehnt jede Vermummung ab: "Ficken und Schießen sind ein Ding", flaumt Baader die Muslime an.
Man kann diese Momente filmischer Erfindung lustig finden oder auch banal - für historische Epen, und mit diesen Dimensionen hat man es hier zu tun, aber sind sie entscheidend. Nur in der künstlerischen Umformung haben bekannte Fakten überhaupt eine Chance, interessant zu werden. Leider lässt der Film von dieser Freiheit wenig spüren. Das Eichinger-Konzept historischer Filme verlangt in erster Linie nach der Repräsentanz bedeutender Ereignisse, nicht nach ihrer Bewertung, Kommentierung oder Überhöhung. Auf strittige Punkte lässt sich der Film nicht ein, Spekulatives findet man kaum. Lediglich bei Brigitte Mohnhaupt (Nadja Uhl), mit der es das Drehbuch überaus gut meint, lehnt man sich ein wenig aus dem Fenster: Als einzige zweifelt sie im Film nicht am Selbstmord der RAF-Führungsriege.
Wenn überhaupt etwas gewagt ist an diesem Film, so die Entscheidung, die Titelfiguren identifikationsstiftend einzusetzen. Ulrike Meinhof führt durch diesen Film, ihre Politisierung während des Vietnamkriegs vermittelt stellvertretend die einer ganzen Generation. Ihre Tränen bei der Festnahme machen sie nicht schwach, sondern menschlich. Unmenschlich erscheinen die Terroristen dagegen zu keinem Zeitpunkt. Die interessanteste von ihnen ist Gudrun Ensslin: Sie ist in Johanna Wokaleks Darstellung über weite Strecken das, was die RAF wohl niemals war: sexy und sympathisch.
Die Haltung gegenüber ihren Mitgliedern vermittelt Uli Edels Regie indirekt über die Darstellung der Polizei: Anfangs verhält sie sich skrupellos im Einsatz gegen protestierende Studenten, später gibt es mitfühlende Blicke sogar beim tödlichen Schusswechsel mit Petra Schelm (Alexandra Maria Lara). Holger Meins (verblüffend ähnlich: Stipe Erceg) gerät geradezu zur Heiligenikone - allein durch den Gegensatz zur Gnadenlosigkeit der Justizvollzugsbeamten.
Regisseur Uli Edel, der die letzten Jahre mit Fernsehfilmen über "Julius Cäsar" und "Die Nibelungen" verbrachte, kennt sich aus: Technisch und handwerklich übertrifft sein Film die Eichinger-Produktionen "Der Untergang" und das kommende Drama "Anonyma" um Längen. Man hat nie das Gefühl, einer Ausstellung von 70er-Jahre-Antiquitäten beizuwohnen. Schon die Demonstrations-Szenen um Ohnesorg und Dutschke wirken glaubhaft und in ihrem berechtigten Aufwand nicht überorchestriert. Eichingers Dialogbuch ist so lebendig wie ein aufbereiteter Text eben sein kann. Es ist nicht das Hörbuch zum Aust-Bestseller, es ist das Bilderbuch.
Eine wichtige Repräsentations-Funktion hat das 150-Minuten-Werk aber auch für die deutsche Filmindustrie: Es ist müßig das Staraufgebot aufzuzählen, einfacher wäre es die wenigen zu erwähnen, die nicht mitspielen. Namhafte Schauspielerinnen wie Jasmin Tabatabai und Anna Thalbach spielen eigentlich unwürdige Kleinstrollen. Unter den Nebenfiguren kommt Bruno Ganz' BKA-Chef Herold eine besondere Funktion zu: Er füllt die Rolle des distanzierten Beobachters wie sie im "Untergang" die Hitler-Sekretärin Junge ausfüllen sollte.
Seine Kommentare lenken den Blick auf die gegenwärtige Gleichsetzung von Terror und Krieg - ohne damit freilich sehr viel auszusagen. Fast wie ein Wenders'scher Engel blickt er orakelnd auf das Geschehen und bringt dabei unbemerkt auch die begrenzten künstlerischen Grenzen derartiger Geschichtsdarstellungen auf den Punkt: "Wir schlagen auf das Wasser. Wenn man auf das Wasser schlägt, geraten die Fische in Bewegung."
Trailer zum Film
"Der Baader-Meinhof-Komplex".D 2008. Regie: Uli Edel. 150 min., Kinostart am 25. September.