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Film

20. April 2011

Regiedebüt von Rowan Joffes: Dem Untergang geweiht

 Von Michael Kohler
Sam Riley als Anführer der kriminellen Bande.  Foto: Kinowelt

Präziser Sinn fürs Selbstzerstörerische: Rowan Joffes benötigt in seinem Regiedebüt „Brighton Rock“ nur wenige Minuten, um den Zuschauern das beklemmende Gefühl einer unausweichlichen Tragödie einzuimpfen.

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In den ersten Szenen dieser stilvollen Graham-Greene-Verfilmung fallen die Schlagschatten so dicht, als könnte Harry Lime jeden Augenblick um die Ecke biegen. Stattdessen flieht ein gesetzter Gauner, beinahe ein distinguierter Herr, vor den Häschern einer konkurrierenden Bande durch die Nacht. Als sie ihn einholen, blitzen die Messer, und schließlich liegt der Flüchtende tot im Rinnstein. Es war mehr ein Unfall als kaltblütiger Mord, doch ist allen Beteiligten klar, dass die andere Seite die „Sache“ nicht auf sich beruhen lassen kann.

Rowan Joffe benötigt in seinem Regiedebüt „Brighton Rock“ nur wenige Minuten, um den Zuschauern das beklemmende Gefühl einer unausweichlichen Tragödie einzuimpfen. Selbst die Ganoven wirken wie betäubt und fügen sich bleich in ihr durch berufliche Notwendigkeit bestimmtes Schicksal. Der junge Pinkie zieht aus, den Toten zu rächen, macht sich später an eine mögliche Zeugin heran und heiratet das naive Mädchen sogar, um sicher zu sein, dass sie nicht gegen ihn aussagt. Beinahe nebenbei entwickelt er ein erstaunliches Maß an Skrupellosigkeit und steigt zum neuen Anführer der Bande auf.

Bei der ersten „Brighton Rock“-Verfilmung von 1947 spielte der junge Richard Attenborough die Rolle Pinkies und wurde mit seiner Darstellung eines scheinbar gefühllosen Soziopathen über Nacht berühmt. Bei Joffe tritt Sam Riley in seine Fußstapfen und stattet die Hauptfigur mit einer weniger offensichtlichen Bosheit aus. Bei ihm weiß man nie, ob Pinkie treibende Kraft oder doch eher Getriebener ist: Verführt er Rose allein aus Berechnung oder sieht er etwas in ihrer Unschuld, das er sich nur nicht einzugestehen wagt?

In seiner britischen Heimat hat sich Rowan Joffe mit der Neuverfilmung eines geehrten Kinoklassikers nicht nur Freunde gemacht. Insbesondere die Verlegung der Handlung nach 1964, dem Jahr der in „Quadrophenia“ aufgegriffenen Jugendunruhen, leuchtet auf der Insel nicht jedem ein. In einer geradezu parodistisch wirkenden Sequenz entkommt Pinkie seinen Verfolgern, indem er einen aufgemotzten Motorroller stiehlt und sich an die Spitze eines in der Stadt eintreffenden Mod-Pulks setzt. Offenbar sieht Joffe im aufstrebenden Gangster die Speerspitze einer verlorenen, gewalttätigen Jugend – allerdings kommt er mit dieser etwas gewagten Verknüpfung dem Innenleben Pinkies nicht wirklich nah.

Britische Schauspielkunst

Letztlich ist „Brighton Rock“ weniger eine gelungene Aktualisierung des Romans als eine Bühne für die ewigen Werte britischer Schauspielkunst. Helen Mirren und John Hurt verleihen ihren Nebenfiguren scharfe Konturen, Andy Serkis hat einen grandiosen Auftritt als in Samt und Seide gewickelter Pate, und das dem Untergang geweihte junge Paar gibt faszinierende Rätsel auf. Während Andrea Riseborough der reinen Opferrolle entkommt, indem sie Rose im richtigen Moment mit passiv-aggressiven Krallen ausstattet, bringt Riley aus der tragischen Musikerbiografie „Control“ den düsteren Sinn fürs Selbstzerstörerische mit, der auch Pinkie über das Reich des Bösen erhebt.

Brighton Rock, Regie: Rowan Joffe, Großbritannien 2010, 111 Minuten.

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