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Regisseur Lars von Trier: "In jedem Menschen steckt ein kleiner Nazi"

Nur wenige Regisseure sorgen so verlässlich für Aufregung wie Lars von Trier. Auch jenseits der Leinwand, wie sich im vergangenen Mai beim Filmfestival Cannes zeigte. Jetzt läuft von Triers neuer Film „Melancholia“ in den Kinos an.

Regisseur Lars von Trier. Foto: Carstensen/dpa

Herr von Trier, die Aufregung um Ihre Äußerungen in Cannes hat sich noch nicht gelegt. Haben Sie aus der Sache etwas gelernt?

Ich weiß mittlerweile, dass ich Großveranstaltungen wie die Pressekonferenz in Cannes meiden sollte. In solchen Situationen bin ich immer verdammt eingeschüchtert. Aber gleichzeitig habe ich auch das Gefühl, den Leuten eine humorvolle halbe Stunde zu schulden, sie bloß nicht langweilen zu dürfen. Deswegen lasse ich mich dann zu Witzen hinreißen, die daneben gehen können. Meine Stimmung war eigentlich gut, ich dachte die Sache läuft rund. Aber plötzlich befand ich mich in einer Sackgasse, aus der ich nicht mehr herauskam.

Was wollten Sie denn eigentlich sagen?

Wir sollten Hitler nicht bloß als Monster, sondern auch als Menschen sehen. Und zwar nicht, um ihn zu verharmlosen, sondern um zu begreifen, wie er zu dem wurde, was er war. In jedem Menschen steckt ein kleiner Nazi. Oder besser gesagt: das Potenzial, einer zu werden. Das war meine Absicht, aber auf dem Weg dorthin fiel ich wie ein kleines Kind mit seinem Dreirad um und kam einfach nicht mehr hoch. So wie ich mich ausgedrückt habe, klang die Sache leider extrem dumm. Das bedauere ich zutiefst.

Was ist Ihre Konsequenz daraus?

Ich sollte es machen wie der Regisseur Terrence Malick. Der verweigert sich einfach grundsätzlich den Pressekonferenzen der Festivals. Ich werde es künftig auch so machen. Ich bin einfach nicht gut darin, mit so vielen Menschen über ein Mikrofon zu kommunizieren.

Denken Sie, dass man Sie je wieder in Cannes empfangen wird?

Fast muss ich ja stolz sein, dort zur „persona non grata“ ernannt worden zu sein. Wer kann das schon von sich behaupten? Gewinner der Goldenen Palme gibt es viele. Zur Unperson erklärt wurde nur ich. Das hat schon was!

Kommen wir zu Ihrem neuen Film „Melancholia“. Wie der Vorgänger „Antichrist“ handelt auch er im Grunde von Depressionen. Warum wirkt der Film trotzdem so anders?

Mir ging es einfach viel besser. Bei „Antichrist“ habe ich mich gequält, doch dieses Mal war von Anfang bis Ende alles ein Vergnügen. Die Hauptrolle der Justine hatte ich mal für Penélope Cruz geschrieben. Aber dann passte es für sie zeitlich nicht. Ich fand in Kirsten Dunst idealen Ersatz.

Mit „Melancholia“ scheinen Sie unzufrieden zu sein. Warum?

Ich hatte bei der Entstehung einfach zu viel Spaß. Das kenne ich so nicht. Filmemachen sollte doch eigentlich anstrengend und schwierig sein. Für meinen Geschmack ist „Melancholia“ irgendwie nicht rau genug.

Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür, was Ihnen nicht gefällt?

Am Anfang habe ich mir zum Beispiel den Handlungsort, dieses elegante Anwesen, toll vorgestellt. Sobald ich dann allerdings all die Leute in ihren Abendkleidern dort platzierte, fühlte ich mich gefährlich an Fernsehwerbung erinnert. Aber das ist natürlich auch das Problem mit der deutschen Romantik, von der ich mich habe inspirieren lassen. Diese Ästhetik wurde schon überall verbraten, vor allem im Dritten Reich: Einige Bilder aus „Melancholia“ sind sehr nahe an dem, was damals gefiel. Kirsten Dunst im blauen Licht des Planeten wäre sicher Hitlers Lieblingsszene gewesen. Lassen wir das Thema lieber!

Interview: Patrick Heidmann

Datum:  6 | 10 | 2011
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