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Film

11. November 2009

Roland Emmerichs "2012": Wir Zuschauer sind schlauer

 Von Daniel Kothenschulte
Lust an der Zerstörung? Muss wohl sein, sonst würden wir uns Roland Emmerichs "2012" nicht anschauen wollen.  Foto: epd

Nicht alles, was in Emmerichs "2012" für Heiterkeit sorgt, war so gemeint. Wenn etwa nach der globalen Naturkatastrophe Strom- und Handynetze noch tadellos funktionieren. Doch wen kümmert's? Von Daniel Kothenschulte ( mit Video)

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Der Film

2012, Regie: Roland Emmerich, USA 2009, 156 Minuten.

Ein Liebesschwur, vorgetragen im Supermarkt mit dem Pathos der großen Opernbühne: "Nichts wird uns je auseinander bringen", ist das Paar sich sicher, nur wir Zuschauer sind schlauer. Schließlich ist der Riss nicht zu übersehen, der sich unaufhaltsam durch den Boden des Einkaufszentrums frisst, so schnell wie ein Flämmchen auf einer Zündschnur. Und schon trennt ein unüberwindlicher Graben das Paar von sich und seinen Wochenendeinkäufen.

Schadenfreude ist die schönste Freude, wenigstens im Katastrophenfilm. Wie sonst ließe sich die Faszination erklären, zuzuschauen, wie Wolkenkratzer gleich Kartenhäusern einstürzen und Autofahrer unter berstenden Brückenpfeilern begraben werden. Nur die diebische Ironie dabei ist etwas Neues, wenigstens im in den Effekt verliebten Desaster-Kino des Roland Emmerich. Die Werke des Stuttgarters wie "Independence Day", "Godzilla" oder "The Day After Tomorrow" zeichnen sich im Allgemeinen durch eine prosaische Geradlinigkeit aus, im vorgezeichneten Handlungsverlauf ebenso wie in den Köpfen ihrer männlichen Retter.

Wenn kümmert da, dass nicht alles, was diesmal für Heiterkeit sorgt, auch so gemeint sein dürfte. Wenn etwa ganze Kontinente nach der globalen Naturkatastrophe längst verschoben sind, Strom- und Handynetze aber bis zum Schluss tadellos funktionieren, entbehrt das nicht einer gewissen Komik: Selbst die letzten Überlebenden, die sich auf raumschiffartige Riesenboote flüchten, können den Untergang ihrer Welt noch über prächtige Satellitenbilder verfolgen. Darin steckt aber auch die Liebe des Tüftler-Regisseurs zur Technik.

"2012", Trailer. USA 2009.

Naturwissenschaftler mögen in seinem Universum ihren Anteil an der Klimakatastrophe haben; gleichwohl werden sie dann doch bis zum Schluss als Rettungskräfte gefeiert. Eine ähnliche Geschichte über das ökologische Scheitern einer ansonsten friedensbewegten Welt hatte Emmerich bereits 1984 in seinem Erstling "Das Arche-Noah-Prinzip" beschrieben.

Für seine 158 Minuten bietet der Film erstaunlich viel Katastrophe und wenig Nebenhandlung. In der Regel folgt das Genre ja dem alten katholischen Kuhhandel, dass man sein Vergnügen mit einem Gegenwert an Leid erkaufen müsse. Mitleid wie für den unbekannten Fahrstuhlgast auf dem Weg zum "Flammenden Inferno", den man zuvor mit all seinen Alltagssorgen kennen lernt - auch wenn uns diese samt seiner ganzen Existenz bald darauf nicht mehr bekümmern müssen. "2012" verzichtet auf den üblichen Rattenschwanz solcherart jäh abgerissener Handlungsfäden. Einem Romanautor (John Cusack) und einem verkannten Wissenschaftler ist es vorbehalten, wenigstens für die Rettung eines kleinen Teils der Menschheit zu sorgen.

Zwar handelt dieser Film von einer Prophezeiung, aber natürlich ist die Vorhersehbarkeit des Unglücks jedem Katastrophenfilm eingeschrieben. Das ist so seit den "letzten Tagen von Pompeji", einem Erfolg der Stummfilmzeit. Aus dieser Erwartung aber generiert Emmerich eine Reihe hinreißender Actionszenen, in denen die Helden ein ums andere Mal dem Tod spektakulär von der Klinge springen. Autos rasen über Straßen, die gleich hinter ihnen zu Staub zerfallen. Und die Männer, die sie lenken, haben Familien, die sich erstaunlich wenig bekümmern ob der sterbenden Welt, die sie umgibt.

Der drohende Tod, dem man von der Klinge muss: Für das Kino kommt er derzeit aus der Videospiel-Industrie. Emmerich stellt sich der Herausforderung des neuen Mediums: Kein Kinofilm war den einfachen Freuden von Renn- und Verfolgungsspielen von Spielen wie "Grand Theft Auto" bisher so nahe wie dieser. Und doch ist es nur ein Wettlauf gegen die Zeit, bis man auch von der Konsole aus die selbe Brillianz bewundern wird, die man Emmerichs Katastrophenbildern zweifellos zugestehen muss.

Doch was ist schon eine beobachtete Katastrophe gegen die, die man selbst virtuell am Joystick anzettlen kann? Man wird kaum bis ins Jahr 2012 warten müssen, bis Computerspiele technisch können, was heute nur das Kino kann. Glaubt man dagegen Emmerichs Zukunftsvision, so wird sich diese in den knapp drei Jahren bis zum verfluchten Jahr 2012 herzlich wenig ändern. Eine zögerliche deutsche Kanzlerin und ein nobler schwarzer US-Präsident bleiben uns ebenso erhalten wie die Queen. Und auch gegen Berlusconi wird so schnell kein Kräutchen wachsen. Emmerich beschert Emmerich dem italienischen Präsidenten sogar ein recht nobles Ende: Statt zu fliehen, bleibt er lieber in Rom -- nur, um sich zum dramatischen Höhepunkt die Decke der Sixtinischen Kapelle auf den Kopf rieseln zu lassen...

2012, Regie: Roland Emmerich, USA 2009, 156 Minuten.

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