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Film

03. April 2014

Russell Crowe Noah: Arche in der Bilderflut

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Rette sich, wer kann: In „Noah“ können es nur Russell Crowe (vorn) und seine Familie.  Foto: dpa

Darren Aronofsky verfilmt die Noah-Erzählung neu. Pathetisch wie die alten Bibelfilme, aber für einen Blockbuster auch enorm erfindungsreich. Wie immer in Hollywood setzt der 45-Jährige ein bildgewaltiges Weltuntergangsszenario.

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Als sich in den 50er Jahren das frühe Ende des ersten 3D-Film-Booms ankündigte, machte das Wort vom 4D-Film die Runde, der aufgewertet sei durch eine selten gewordene Zutat: eine gute Story. Hätte damals nur jemand in ein Motel-Nachttischchen geschaut, wo man in den USA immer eine Bibel findet: Mit Hollywood-konformer Bildgewalt ist die Genesis nun einmal reich gesegnet.

Filmemacher und Harvard-Absolvent Darren Aronofsky, der in einem konservativen jüdischen Elternhaus aufwuchs, dürfte mit ihr bestens vertraut sein. Was ihn wiederum nicht hemmt, die Vorlage in seinem gemeinsam mit dem Autor Ari Handel geschriebenen Drehbuch sehr frei zu interpretieren.

Nun braucht, wer sich bei Bibelfilmen erzählerische Freiheiten herausnimmt, gewöhnlich auf Ärger nicht lange zu warten. Man wollte nicht in der Haut des Gewinners eines Goldenen Löwen für „The Wrestler“ gesteckt haben, als das ängstliche Paramount-Studio die 125-Millionen-Produktion „Noah“ in eine Serie von Testvorführungen schickte – in unterschiedlichen Schnittfassungen vor höchst unterschiedlich sozialisiertem Publikum.

Die Ergebnisse müssen so frustrierend ausgefallen sein, dass man kapitulierte – und schließlich todesmutig Aronofskys Originalversion in die Kinos brachte. Die allerdings beweist: Der Regisseur hatte sich schon selbst reichlich Gedanken gemacht, wie sich die Geschichte nicht nur für den engen Bibelkreis erzählen lässt.

Faszination Noah

Gott lediglich als „den Schöpfer“ zu benennen, sollte vielleicht helfen, den Stoff über ein jüdisch-christlich geprägtes Publikum hinaus interessant zu machen – und konnte andererseits Verbote in Pakistan, Bahrain, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten, Malaysia und Indonesien nicht verhindern. Schließlich ist Noah auch im Koran zu finden und die bildliche Darstellung der Propheten in vielen islamischen Schulen verboten. Christliche und jüdische Medien berichteten dagegen überwiegend wohlwollend und freuten sich, dass der Glaube wieder so ein Thema ist.

Tatsächlich fühlt sich Aronofsky trotz moderner Filmtechnik in ein sehr altmodisches visuelles Pathos ein, wie es den großen Bibelfilmen von Cecil B. DeMilles „König der Könige“ bis John Hustons „The Bible“ immer eigen war: Ein Hyperrealismus, nicht ganz so farbenfroh wie in den Heftchen der Zeugen Jehovas, aber mit barocker Lust am Überschuss in den Details.

Vor allem aber – und das ist dann wohl der orthodoxe Konsens – gänzlich frei von jeder Ironie, wie sie sonst im Blockbuster-Kino so gern als Gegengift zum Pathos bemüht wird. Man vermisst sie höchstens in jenen Szenen, in denen sich Russell Crowe und seine Sippe an einem irisch klingenden Schlaflied versuchen. Bevor Patti Smith schließlich im Abspann vorführen wird, wie man so etwas richtig macht, wirken Noahs Leute dabei eher wie eine unmusikalische Version der Kelly Family.

Schon 2007 erwähnte Aronofsky seine Faszination mit der Figur des Noah in einem Interview des britischen „Guardian“ – und sah in Adams Nachkommen in zehnter Generation einen recht dunklen Charakter, getrieben von survivor’s guilt. Kein Wunder nach der großen Flut. Aber wäre das nicht eher ein Stoff für Woody Allen? So gesehen, mag man jetzt enttäuscht sein, dass der Film das Absinken der Wassermassen nur um wenige Minuten überdauert. Aber schuldbeladen ist der Gottesfürchtige, den Russell Crowe mit der bis in die letzte Muskelfaser vorgedrungenen Entschlossenheit eines Charlton Heston verkörpert, schon bevor er in See sticht.

Abgesehen von der Familie und der Adoptivtochter Ila, in die sich sein Sohn Shem verliebt hat, lässt er die gesamte Menschheit, wie von Gott geheißen, gnadenlos ersaufen. Sogar für das Mädchen, in das sich der jüngere Sohn Ham verliebt hat, macht er keine Ausnahme, was den Familienfrieden dauerhaft vergiftet. Es ist eine der stärksten und verstörendsten Szenen des Films, die zugleich ein Zitat des wohl bekanntesten aller frommen Sandalenfilme enthält, William Wylers „Ben Hur“.

Ham findet das Mädchen als sozial Ausgegrenzte in einer Art „Tal der Aussätzigen“ – und nähert sich ihr furchtlos. Doch von dieser Art Barmherzigkeit will Vater Noah nichts wissen. Als das Mädchen auf der Flucht in eine Falle tritt, lässt er sie hilflos zurück, so dass sie sofort von den gottlosen Horden zu Tode getrampelt wird.

Noah ist es ernst mit seinem Auftrag. Niemand außer ihm und seiner Familie soll gerettet werden, die Menschheit solle nach dem Willen des Schöpfers mit ihnen schließlich aussterben. So kündigt er auch seiner schwangeren Tochter Ila an, weiblichen Nachwuchs sofort zu töten.

Es ist das Bild eines gnadenlosen religiösen Fanatismus, das diesen „Noah“ so ambivalent und auch aktuell macht. Wirklich abendfüllend aber wird so ein Stoff natürlich nur durch dramatische Hinzufügungen. Aus den im Bibeltext erwähnten gefallenen Engeln hat er surreale Nebenfiguren gemacht, steinerne „Wächter“, die ein wenig aussehen, als hätte man Salvador Dalís Gemälde „Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen“ in Stein gehauen. Und es gibt noch einen echten Schurken in Gestalt des von Ray Winstone gespielten blinden Passagiers Tubal-Kain: Unter Deck ernährt er sich von kostbaren Tieren, deren Aussterben er besiegelt.

Die Schöpfungsgeschichte

Aronofsky erzählt sein archaisches Drama mit im wahrsten Wortsinn vorsintflutlicher Deutlichkeit. Seine Abweichungen vom Bibeltext unterstreichen dies noch, wenn er etwa den Schöpfer schon am sechsten Tag an seiner Kreation zweifeln lässt. Oder das Spektrum seines expressiven Schattentheaters, seines Höllentrips zwischen ewiger Nacht und Erleuchtung, noch durch den abgewandelten Satz pointiert: „Am Anfang war das Nichts“.

Das Schönste an seinem Film ist die Schöpfungsgeschichte, die Noah an Bord als Rückblende erzählt. Aronofsky hat nicht umsonst in Harvard Anthropologie und Animationsfilm studiert. In einer bewusst roh belassenen Einzelbildanimation lässt er Bilder immer höher entwickelter Tiere im Laufen aufeinander folgen, ohne sie ganz verschmelzen zu lassen. Es ist wohl das erste Mal, dass man eine solch experimentelle Animation in 3D gesehen hat.

Wenn das im Blockbuster-Kino möglich ist, dann kann man auch glauben, dass wir wirklich den Film zu sehen bekommen, den sich Aronofsky wünschte. Wer bringt schon Patti Smith und das Kronos Quartett unter einen Hut mit Russell Crowe? Oft maßlos und verwegen, oft gelähmt vom selbst angezettelten Pathos – aber manchmal eben auch leicht und poetisch, tänzerisch verwoben durch eine choreografisch anmutende Montage wie in Aronofskys „Black Swan“. Die große Flut ist eine Bilderflut und sehenswert ist das auf jeden Fall.

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