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Film

21. Dezember 2012

Schneewittchen von Walt Disney: Die Schönste im ganzen Land

 Von Katja Lüthge
Nach Jahren voller kurzer Filmcartoons wollte Walt Disney mehr: Das Brüder-Grimm-Märchen "Schneewittchen und die sieben Zwerge" wurde sein erster abendfüllender Film.  Foto: dpa

Vor 75 Jahren kam mit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ von Walt Disney der erste Zeichentrickfilm ins Kino. Zwar hat Schneewittchen außer Putzen, Kochen und auf-den-Prinzen-warten keinerlei besondere Fähigkeiten, als Schönheitsideal taugt sie bis heute.

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Hätte die Königin nicht mitten im Winter mit einem Ebenholzrahmen nähend am offenen Fenster gesessen, und wären nicht nach einem Stich in den Finger drei Tropfen Blut in den Schnee gefallen: auch diese Prinzessin, ihre zukünftige Tochter, wäre vermutlich blond geworden. Grimms Hausmärchen geben keine Auskunft darüber, warum die Herrscherin nicht in der warmen Stube ihrem Nähwerk nachgegangen ist, wir wissen aber sicher, dass Königstöchter sonst stets lange und goldschimmernde Haare haben, Millionen von Kinderzeichnungen legen darüber Zeugnis ab. Schneewittchen, der Grille ihrer Mutter entsprechend so schwarz wie Ebenholz, so weiß wie Schnee und so rot wie Blut, ist anders. So schön ist das Mädchen, dass jeder Mensch und jedes Tier ihr im Augenblick erliegen und zu Diensten sind – die charakterlich schwierige Stiefmutter einmal ausgenommen.
Von ihrer Strahlkraft überzeugt, zeigt sich in den 1930er-Jahren offensichtlich auch Walt Disney, der all sein Geld und das seiner schlecht bezahlten Angestellten aufwendet, um mit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ den ersten abendfüllenden Zeichentrickspielfilm überhaupt zu realisieren. Recht nah an der Vorlage flüchtet Schneewittchen vor der mordlüsternen Stiefmutter in den Wald, um, in der Gesellschaft zahlreicher reizender Tiere, bei den Zwergen Unterschlupf zu finden. Trotz strenger Ermahnungen erliegt sie den Verlockungen der verkleideten Stiefmutter und beißt schließlich in den vergifteten Apfel.

Schneewittchen-Film 1937 uraufgeführt

Uraufgeführt am 21. Dezember 1937, also vor genau 75 Jahren im Carthay-Circle-Filmtheater, wird das fraglos zauberhafte „Schneewittchen“ überraschend zum Kritikerliebling und spielt überdies im ersten Jahr sagenhafte acht Millionen US-Dollar ein – bis heute ist er einer der erfolgreichsten Filme überhaupt. In diverse Sprachen übersetzt, hat die trällernde, pfeifende und ganz und gar Unschuldige (Kinder-)Herzen in aller Welt erobert – und damit ein schwieriges Rolemodel geschaffen. Bis heute gibt es in den Disney-Stores das blau-gelbe Kleid mit den Puffärmeln und dem hochgestellten weißen Kragen zu kaufen, ein Zeichen, dass die Übergänge von der Trickfigur zum realen Körper fließend sind.
Anders als die Zwerge verfügt Schneewittchen auch bei Disney aber so recht über keinerlei Persönlichkeit, besondere Fähigkeiten sind nicht erkennbar. Die junge Frau putzt, wäscht und fegt gegen Kost und Logis und wartet ansonsten auf den Prinzen.

Die Faszination, die wir angesichts ihrer Person empfinden sollen, wird allein aus ihrem Aussehen heraus begründet. Haare so schwarz wie Ebenholz, Lippen so rot wie Blut und Haut so weiß wie Schnee wirken unabhängig von der intellektuellen Verfasstheit offensichtlich unverändert aristokratisch und edel auf uns, und das kulturübergreifend. Nur so lässt sich wohl die Renaissance dieses Schönheitsideals erklären, welches nicht nur Hollywoodschauspielerinnen seit einigen Jahren wieder vermehrt anstreben.

Bleichmittel für den Schneewittchenteint

Dabei kommen fast schwarze Haare und ein heller Porzellanteint natürlicherweise recht selten gemeinsam vor. Zum Leidwesen auch vieler Asiatinnen und Inderinnen, die zig Millionen für (angeblich) hautbleichende Produkte und Operationen ausgeben, nicht selten mit entstellendem Ergebnis. Aber der blasse Teint verspricht, mehr als jede Ausbildung, eine erfolgreiche und ertragreiche Zukunft. Das ist in Bollywood nicht anders als in Hollywood.

#gallery

Die Inkarnation dieses delikaten Phänotyps ist ohne Frage Anne Hathaway, die nicht zufällig als Prinzessin ihre Filmkarriere startete. Die großen Augen, ihr von dunklen Haaren umrahmtes, hellhäutiges Gesicht und der mit blutrotem Lippenstift betonte recht große Mund: Kontraste, die die meisten von uns – weniger ebenmäßig Gestalteten – ungünstig wie gerade der Gruft entstiegen aussehen lassen, zaubern bei ihr die Aura der Besonderheit und Erlesenheit hervor. Eine Gegebenheit, die auch ihre Kolleginnen Rooney Mara („Verblendung“) und Eva Green („Dark Shadows“) zu nutzen wissen, auch wenn diese bislang nicht in ihrer Paraderolle als Schneewittchen besetzt wurden.
Anders als Lily Collins in „Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ und Kristen Stewart in „Snow White & the Huntsman“, den beiden in diesem Jahr entstandenen filmischen Interpretationen um den machtverheißenden, letztlich tödlichen Schönheitskult. Auf humorige und kostümverliebte Weise entsorgt der erstgenannte Film eine rothaarige Hexe, der andere auf düstere Weise die sehr blonde Stiefmutter.

Den Besen mögen diese beiden königlichen Waisen mittlerweile gegen das Schwert getauscht haben. Ihre schärfste Waffe bleibt ihr Aussehen.

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