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Film

13. April 2011

Science-Fiction-Film "Alles, was wir geben mussten": Die Unvollendeten

 Von Daniel Kothenschulte
Ruth (Keira Knightley)hat Schuld auf sich geladen: Sie zerstörte eine Liebe und damit zwei Leben.  Foto: twentieth century fox

Mark Romaneks tieftrauriger Science-Fiction-Film „Alles, was wir geben mussten“ erzählt von elternlosen Kindern, die als Organspender aufgezogen werden. Das Beklemmendste an dem Film ist, dass die Zukunft nicht anders aussieht als die Gegenwart.

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Mark Romaneks tieftrauriger Science-Fiction-Film „Alles, was wir geben mussten“ erzählt von elternlosen Kindern, die als Organspender aufgezogen werden. Das Beklemmendste an dem Film ist, dass die Zukunft nicht anders aussieht als die Gegenwart.

Wer einmal eintaucht in die Welt des Musikvideos – wie derzeit möglich in der Kölner Ausstellung „The Art of Pop Video“ im Museum für Angewandte Kunst – landet früher oder später bei Mark Romanek. Das von dem Amerikaner inszenierte Johnny-Cash-Video zum Song „Hurt“ wählte die britische Tageszeitung Guardian zum „besten Musikclip aller Zeiten“. Romanek porträtiert darin den Country-Veteranen in den Ruinen früherer Erfolge, Ausschnitten aus kurzlebigen Western und Goldenen Schallplatten in zertrümmerten Rahmen. Allen Ruhm, so erzählt dieses vierminütige „Biopic“, musste der Star hinter sich lassen, um zur asketischen Weisheit seiner letzten Alben zu finden.

Mark Romanek hat auch einen Spielfilm gedreht, „One Hour Photo“ mit Robin Williams. Doch anders als seine ebenfalls vom Clip kommenden Regie-Kollegen David Fincher, Michel Gondry, Spike Jonze oder Sophia Coppola trug er damit nicht unbedingt zur Erneuerung Hollywoods bei.

Nach neunjähriger Pause meldet er sich jetzt auf der großen Leinwand zurück. Und nun ist auch dieser betörende Schmerz aus „Hurt“ wieder zu spüren. Aber kann man ihn eindreiviertel Stunden ertragen? „Alles, was wir geben mussten“ nach dem gleichnamigen Roman des britischen Autors Kazuo Ishiguro, hat mit dem Musikclip ein Thema gemeinsam: Die Frage nach der Vollendung eines Lebens.

Humanoide Hühnerfarm

Es beginnt wie ein typischer britischer Internatsfilm. Die elternlosen Kinder – im Mittelpunkt stehen Kathy, Tommy und Ruth – wachsen zunächst in Unkenntnis jener makaberen Bestimmung auf, die ihnen ein fragwürdiges Gesellschaftssystem zugewiesen hat (Die „Zukunft“, in der dieser Film spielt, ist tatsächlich ein Gegenentwurf zum England des ausgehenden 20. Jahrhunderts). Die einzige Funktion dieser Existenzen, die nicht als Menschen betrachtet werden, ist es, Organe zu spenden. Je mehr Organentnahmen sie überleben, bevor sie, wie es euphemistisch heißt, „vollenden“, desto wertvoller soll ihnen ihr kurzes Leben erscheinen. Das jedenfalls wird ihnen ab einem bestimmten Alter vermittelt. Als eine Lehrerin das ohne Zuckerguss erzählt, wird sie sofort entlassen. Dennoch ist die Schule vergleichsweise progressiv: Man sucht nach Anzeichen, ob es sich bei diesen lebenden Organbanken nicht doch um menschliche Wesen handelt.

Anders als die Romanvorlage zerstreut der Film schon früh alle Zweifel um das elende Ende, das die Internatszöglinge – nach ein paar unbeschwerten Jahren in einer ländlichen Kommune – erwartet. Aber vielleicht, so lässt uns Romanek zumindest hoffen, ist ja wenigstens etwas dran an dem romantischen Gerücht, das in dieser humanoiden Hühnerfarm grassiert: Liebenden, die sich durch ihre Liebe als menschlich erwiesen, würde der frühe Tod erlassen. Diese vage Aussicht führt unter den drei Protagonisten zu einem tragischen Dreieck: Die attraktive Ruth (Keira Knightly) hat sich zwischen ein Paar gedrängt und will ihren Fehler später wieder gutmachen.

Kollateralschäden unseres Wohlstands

Das Beklemmendste am Science-Fiction-Film „Alles, was wir geben mussten“ ist die Verweigerung des Regisseurs, die Zukunft anders aussehen zu lassen als die Gegenwart. Alles was die Welt dieses Films von der unseren unterscheidet, ist ihr Organspende-System. Ansonsten sieht alles aus wie in der Gegenwart. Doch schon die für dieses unethische System notwendige Verdrängung hat eindeutige Parallelen in den Kollateralschäden unseres Wohlstands. Es ist gar nicht einmal nötig, dabei an die Debatten um die Gentechnologie zu denken. So wie sich die im Film gezeigte Gesellschaft die Freiheit herausnimmt, den Tod der gezüchteten Organspender zu akzeptieren, verdrängen wir die afrikanischen Konflikte oder verschließen die Augen vor den Ausgeschlossenen von Lampedusa. Die Entscheidung, für wen sich eine Gesellschaft verantwortlich fühlt und für wen nicht, ist nicht moralisch definiert, sondern politisch.

Wie jeder politische Film, der etwas wert ist, stellt Romaneks Film diese quälenden Fragen nicht, sondern lässt uns selbst auf sie kommen. Zur schwebenden Filmmusik von Rachel Portman, eingefasst in die blassfarbenen Kamerabilder von Adam Kimmel, erzählt er vom tragischen Opfergeist dieser Unwissenden, denen man verboten hat, erwachsen zu werden. Und wieder bieten sich weitreichende Assoziationen, die schon den Romanautor zu seiner Erfindung angeregt haben werden: An Regime, die sich die Verführbarkeit der Jugend zunutze machen, um Kanonenfutter heranzuzüchten.

Alles, was wir geben mussten, Regie: Mark Romanek, USA/GB 2010, 103 Minuten.

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