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Sherry Hormans "Wüstenblume": Der Teufel trägt Burka

Spaghettiträger gegen Schleier: So reduziert Sherry Hormanns Film "Wüstenblume" Waris Diries Geschichte in der zentralen Modenschau-Szene auf ein Abziehbild. ( mit Video)

Die zentrale Szene im Film Wüstenblume: Waris (Liya Kebede) läuft auf einer Modenschau.
Die zentrale Szene im Film "Wüstenblume": Waris (Liya Kebede) läuft auf einer Modenschau.
Foto: dpa

Unter der Burka steckt das Trägerkleidchen. In der zentralen Szene einer Modenschau reduziert Sherry Horman die Befreiungsgeschichte des Models Waris Dirie, die das Thema weibliche Genitalverstümmelung an eine Weltöffentlichkeit brachte, auf ein Abziehbild: Spaghettiträger gegen Schleier. Wenn doch alles so einfach wäre.

Was bedeutet es tatsächlich, islamisch erzogen zu sein, im Namen dieses Glaubens derart gelitten zu haben und sich dann in diesem Leid auch öffentlich zu offenbaren? Und dennoch in diesem Glauben Frieden zu finden? Nur einmal fragt die Protagonistin in London nach dem Weg zu einer Moschee. Bis zum Ende, wenn Waris Dirie vor den vereinten Nationen eine vielbeachtete Rede hält, ist das alles, was man über ihre Identität als Muslimin erfährt. Welcher inneren Konflikte mag diese mutige Frau durchlitten haben, bis sie sich an die Öffentlichkeit wagte? Wir werden es nicht erfahren, jedenfalls nicht in einem Spielfilm, der sich über anderthalb Stunden lang als "Feelgood-Movie" präsentiert.

Dann aber, ganz am Ende von "Wüstenblume", wird die von Liya Kebede gespielte Protagonistin in einem Interview erklären, sie sei es leid, immer wieder die selbe Erfolgsgeschichte vom armen Wüstenmädchen zu erzählen, das als illegaler Flüchtling in der Londoner Modeszene reüssiert. Also eben jene Geschichte, die die Filmemacher ihrem Publikum bis dahin zugemutet haben. Dargeboten auf dem Niveau jenes Boulevards, das es nicht müde wird, sie auszuschlachten.

"Wüstenblume", Trailer. D/Ö/F 2009

Bis die Katze endlich aus dem Sack gelassen wird, erinnert Hormans Werk an einen Zusammenschnitt erfolgreicher Komödien: Auf einen Schuss "Der Teufel trägt Prada" folgt ein Stückchen "Green Card" über die Versuche, eine Scheinehe vor den Behörden zu verbergen. Schließlich erlebt Mike Leighs Art-House-Hit "Happy Go Lucky" eine inoffizielle Fortsetzung, wenn Sally Hawkins ihre Filmfigur nahtlos als Waris Diries Freundin weiterspielt. Das alles ist belanglos, aber leidlich unterhaltsam, bis in der letzten Viertelstunde der letzte Schleier fällt und aus der Komödie endlich ein Drama zu werden verspricht. Dessen Inszenierung ist indes nicht feinfühliger: In einer dramaturgisch überflüssigen, nachgereichten Illustration erlebt der Zuschauer, wie eine afrikanische Kinderdarstellerin vor der Kamera derart erschreckt wird, dass man dies als Ausdruck der unvorstellbaren Schmerzen der Genitalverstümmelung deuten soll.

Ob es das wert ist? Für wen wird denn ein solches Bild benötigt? Für ein Publikum, dem man keine eigene Vorstellungskraft zutraut, lediglich Lust auf eine Aschenputtelgeschichte, von der sich die Protagonistin selber distanziert? "Aus dem Dunkel ins Licht" fasst der Trailer die Reise der großen Menschenrechtlerin Waris Dirie zusammen. Zwischentöne werden dabei nicht benötigt.

Wüstenblume, Regie: Sherry Hormann, Deutschland/Österreich/Fr. 2009, 120 Minuten.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  23 | 9 | 2009
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