Gegen eine hartnäckige Legende ist kein Kraut gewachsen. Seit dem 14. Jahrhundert sind Erzählungen überliefert, nach denen fünf Jahrhunderte zuvor einmal eine Frau in Männerkleidern auf dem päpstlichen Thron gesessen habe. Doch was alle päpstlichen Dementi nicht erreichten, hätte ausgerechnet ein prunkvoller Historienfilm beinahe geschafft: Die europäische Koproduktion "Pope Joan" mit Liv Ullmann wurde zu einem der größten Flops der frühen siebziger Jahre - und begrub für kurze Zeit das Interesse an einer schönen, rückwärtsgewandten Utopie: Hat es die Kirchenführerin vielleicht doch gegeben? Wenn nicht, dann sollte es sie zumindest gegeben haben, stellvertretend für alle anderen unbesungenen Heldinnen ihrer Zeit.
So erreichte "Die Päpstin" im Historienroman von Donna W. Cross in den 90er Jahren doch noch ein Massenpublikum; allein in Deutschland wurde das Werk mehr als vier Millionen Mal verkauft: Als hochmoderne Frauenfigur trägt die Päpstin mit unstillbarem Bildungshunger, Intelligenz und Selbstbestimmtheit das Licht der Vernunft in eine finstere Welt. Und auf die Kinoleinwand - in einem der teuersten deutschen Filme der letzten Jahre.
Die Päpstin. Deutschland 2009. Regie: Sönke Wortmann. Mit Johanna Wokalek, John Goodman, Lotte Flak. 149 Min.
Wie dies freilich zu geschehen habe, darüber gab es vorher einige Differenzen. Regisseur Volker Schlöndorff hatte den Stoff zwei Jahre lang für Bernd Eichingers Constantin-Filmgesellschaft vorbereitet, Franka Potente sollte damals noch die Hauptrolle spielen. Dann aber klagte der Filmemacher in der "Süddeutschen Zeitung" über die ihm abverlangten künstlerischen Kompromisse, denn es sollten - wie derzeit in Mode - gleich zwei Fassungen entstehen, eine für das Kino und eine längere als Fernseh-Mehrteiler. Schlöndorff wurde gefeuert - und machte das Beste daraus: er nutzte die unverhoffte Freizeit, um eine angemessen ironische Autobiographie zu schreiben.
"Die Päpstin", Trailer. Deutschland 2009.
Nun hat sein jüngerer Kollege Sönke Wortmann den Film gedreht, vielleicht nicht ganz mit Schlöndorffs Anspruch, dafür aber mit der angemessenen Unbefangenheit und der nötigen Ungeduld. Und wem sein "Wunder von Bern" etwas zu märchenhaft und schönfärberisch mit der Geschichte umging, erweist sich die Lust an der Überhöhung nun sogar als Tugend.
Wie im Vorgängerfilm über den Aufstieg des Fußballtalents Helmut Rahn aus dem Kohlenpott folgt die Filmdramaturgie einer Reise aus dem Schatten in das Licht. Wenn sich das kluge Mädchen Johanna aus einer Bauernhütte aufmacht zur Ausbildung in einer Klosterschule, die man ihr ausnahmsweise gewährt, strömt Licht wie aus Kirchenfenstern durch die urigen Wälder. Noch ist Johanna ein Teenager, und Wortmanns Drama lebt von der heimeligen Urtümlichkeit eines Märchenfilms wie "Ronja - die Räubertochter".
Einerseits ist da die latente Bedrohung durch die um einige Jahrhunderte vorverlegte Hexenverfolgung; andererseits rettet ausgerechnet eine mordende Normannenhorde Johanna vor Zwangsheirat und Bildungsferne. In einem überraschenden Ausflug ins Splattergenre lässt Wortmann in Tarantino-Manier einen abgeschlagenen Kopf über die Scope-Leinwand fliegen. Die Überdeutlichkeit hat Stil - sie passt zum ebenso absurden Hyperrealismus des Romans, der eine Legende durch eine Fülle historischer Details mit der Anmutung des Tatsächlichen versieht.
In einer piktoralen Wucht, wie man sie von Wortmann bislang nicht kannte, gelingt es seinem Film sogar, sich nicht im Ausmalen der Vorlage zu erschöpfen, sondern kontinuierlich zu steigern. Insbesondere, wenn Johanna nach etwa einer Stunde Laufzeit erwachsen wird: Hier übernimmt die Burgschauspielerin Johanna Wokalek die Rolle von der vorzüglichen Kinderdarstellerin Lotte Flak.
Wokalek war als Gudrun Ensslin der Lichtblick in "Der Baader-Meinhof-Komplex", gewesen, wo sie als laszive Terroristin mehr faszinierte als der ganze Film. In der altertümlichen "Hosenrolle" der Päpstin kehrt sie nun all diese äußere Attraktivität nach innen und vermittelt auf unwiderstehliche Weise den Charme des Intellekts.
Statt mit aktionistischer Dynamik führt sie behutsam und schwerelos durch diesen Film als Getriebene, die sich von intellektuellen Herausforderungen locken lässt wie eine Prinzessin von unstatthafter Liebe. So entsteht eine geistige Erotik, die ein Ritterherz entflammt - und eine herrliche Verkehrung märchentypischer Geschlechterrollen. Denn das ist Wortmanns Film im besten Sinne: Ein Märchenfilm, der sich aus der Romantik finsterer Wälder kommend in einen opulenten Sandalenfilm über das Rom des 9. Jahrhunderts verwandelt.
In seiner schwelgerischen Naivität erinnert Wortmanns Film an die Spätzeit dieses Hollywood-Genres, dessen Nachzügler aus Roms cinecittà in den siebziger Jahren die Jugendvorstellungen der Vorortkinos füllten. Die heute fast vergessene Erstverfilmung des Johanna-Mythos von 1972 war dagegen an anderen Ansprüchen gescheitert: Mit pathetischem Ernst kombiniert Michael Andersons Drama eine religiöse Erweckungsgeschichte mit einer sexuellen: Mehrfach von Mönchen vergewaltigt, verliebt sich die spätere Päpstin in einen von Maximilian Schell gespielten Maler. In der stark gekürzten DVD-Version der "Päpstin Johanna" fehlt die kuriose Rahmenhandlung in der Praxis eines Psychologen: Als Predigerin, die sich für die wiedergeborene Päpstin hält, erzählt Liv Ullmann dem Therapeuten die historische Handlung. Nach zehn Tagen verschwand der Film aus amerikanischen Kinos.