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Film

17. Februar 2016

Soziale Absicherung: Filmschaffende von Armut bedroht

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Harte Arbeit, prekär bezahlt: Ein Maskenbildner bei der Arbeit.  Foto: REUTERS

Die allermeisten Filmschaffenden im Lande üben ihren Beruf mit prekärer Arbeit nahe an der Armutsgrenze aus. Die Grünen wollen jetzt das Arbeitslosengeld für freie Filmschaffende ändern.

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Die Berlinale sonnt sich dieser Tage im Glanz nationaler und internationaler Stars – der Glamourfaktor des größten deutschen Filmfests ist enorm. Er überdeckt, dass die allermeisten Filmschaffenden im Lande ihren Beruf mit prekärer Arbeit nahe an der Armutsgrenze ausüben.

Wie kann das sein? „So gut wie alle Serien, Filme, Dokumentationen, TV-Serien und Fernsehspiele, die in Deutschland über die Sender gehen, werden von freien Kulturschaffenden ohne feste Anstellung und ohne tragfähige soziale Absicherung produziert“, sagt Michael Neubauer, Geschäftsführer des Berufsverbands Kinematografie mit Sitz in München. Betroffen seien Kameraleute, Maskenbildner, Beleuchter, Cutter, Tontechniker und Bühnenbildner, nicht zuletzt Schauspieler und Regisseure. „Praktisch alle, die im Abspann erscheinen“, erläutert Neubauer, der selbst viele Jahre lang als freier Kameramann gearbeitet hat.

Drohende Altersarmut

Die Crews am Set werden von Produktionsfirmen befristet für die Dauer der Dreharbeiten engagiert. Während dieser Zeiten zahlen die Filmschaffenden als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Beiträge an die Arbeitslosen-, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Was sie von anderen Arbeitnehmern unterscheidet, ist die meist kurze Dauer ihrer Anstellungsverhältnisse. „Ein Samstagskrimi wird in sechs Wochen abgedreht, für eine Serienstaffel im Vorabendprogramm braucht es vielleicht ein Vierteljahr. Aber danach steht man erstmal wieder ein paar Monate ohne Engagement da“, sagt Neubauer. In aller Regel seien die Filmschaffenden daher mehr als die Hälfte des Jahres ohne feste Anstellung. Und genau da liegt das Problem.

Zur Sache

Das Arbeitslosengeld aus der Arbeitslosenversicherung (ALG I) beträgt 60 Prozent des Durchschnittseinkommens aus den vorangegangenen zwölf Monaten sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Unterhaltspflichtige Elternteile erhalten 67 Prozent. Das ALG I liegt daher meist deutlich über dem ALG II.

Altersarmut droht nach Angaben des Berufsverbands Kinematografie einer großen Zahl unregelmäßig beschäftigter Kulturschaffender. Sie zahlen nicht nur unregelmäßig in die Rentenkasse ein, sondern brauchen Rücklagen, die sie während gut bezahlter Engagements bilden konnten, in Zeiten der Arbeitslosigkeit oftmals wieder auf. Die Künstlersozialkasse, die Altersarmut verhindern soll, steht vielen Berufstätigen nicht offen, da etwa Beleuchter nicht als kreative Berufe anerkannt sind.

Denn zum Bezug von Arbeitslosengeld müssten sie mindestens zwölf der vorangegangenen 24 Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen sein, was sie eben meist nicht sind. Eine 2009 von der Bundesregierung beschlossene Ausnahme gibt es zwar für den Fall, dass die betroffenen Personen binnen zweier Jahre niemals eine feste Anstellung hatten, die länger als zehn Wochen dauerte. Dann reichen bereits sechs Monate sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung im Zweijahres-Zeitraum aus, um Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung zu erhalten.

Diese Regelung aber ist nicht nur absurd kompliziert, sondern, schlimmer noch, völlig wirkungslos. Im letzten Erhebungszeitraum, vom April 2014 bis März 2015, wurden auf Grundlage besagter Ausnahmeregelung bundesweit 406 Anträge gestellt, von denen 295 positiv beschieden wurden. Demgegenüber schätzt Neubauer die Zahl der Filmschaffenden, die von dem Problem betroffen sind, auf bis zu 30 000. Die Bundesregierung ging beim Inkrafttreten der Ausnahmeregelung sogar von 40 000 potenziell Anspruchsberechtigten aus. Gemessen daran haben nur sieben von tausend Personen die ihnen zugedachte Leistung aus der Arbeitslosenversicherung tatsächlich erhalten.

„Während der Engagements zahlen wir hohe und höchste Beiträge ein, aber anschließend werden wir aus der Solidargemeinschaft der Sozialsysteme wieder herausgeworfen“, kritisiert Neubauer. Rückendeckung erhalten die Kulturschaffenden von den Grünen. „Es ist nicht hinzunehmen, dass diese Menschen zwar in die Arbeitslosenversicherung einzahlen, aber im Fall der Arbeitslosigkeit keinen Cent herausbekommen“, findet die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion im Bundestag, Brigitte Pothmer. Die Bundesregierung habe eine angekündigte Neuregelung mehrfach verschoben und nun gänzlich auf Eis gelegt.

Die Grünen dagegen hatten im Sommer 2015 einen Antrag im Parlament eingebracht, der die Regeln zur Arbeitslosenversicherung radikal vereinfachen und allen Personen mit unstetem Erwerbsverlauf zu Gute kommen soll. Das Prinzip lautet: Zwei zu Eins. Wer in den letzten beiden Jahren vier Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, erhält zwei Monate Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, für sechs Monate Anstellung gibt es drei Monate Geld, für acht vier und so weiter.

Der Vorschlag wird vom Berufsverband der Kinematografen geradezu enthusiastisch begrüßt. Neubauer: „Er löst sicher nicht aller Probleme, insbesondere nicht das der drohenden Altersarmut, aber er verbessert die Situation von Menschen, die mit ihrer Arbeit ein Millionenpublikum erreichen“.

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