uZu Beginn der 1960er Jahre schien sich das internationale Kino neu zu erfinden. Die französische Nouvelle Vague formierte sich, in Hollywood betraten Alfred Hitchcock (mit „Psycho“) und Billy Wilder (mit „Das Apartment“) Neuland, und in Italien ließen Federico Fellini und Roberto Rossellini den Neorealismus hinter sich. In diesem historischen Augenblick war auch für Annie Girardot eine Hauptrolle reserviert. Die 28-Jährige spielt in Luchino Viscontis „Rocco und seine Brüder“ die Prostituierte Nadia, in die sich Rocco und sein Bruder Simone verlieben. Als sich Nadia für den sanfteren Rocco entscheidet, vergewaltigt sie der bestialische Simone vor den Augen seines Bruders. Im Finale zieht sich Rocco von Nadia zurück, um den Familienfrieden zu bewahren, und die gedemütigte und ihres Glücks beraubte Frau beschließt, zu sterben. Sie provoziert ihren Peiniger Simone so lang, bis er sie mit 13 Messerstichen ermordet.
Annie Girardot konnte alles in diese Sterbeszene legen: stumme Verzweiflung, brennenden Hass, den Schmerz eines gesamten Lebens – ohne dass sie deswegen opernhaft wirken würde. Selbst auf der großen Bühne des Melodram blieb sie immer „eine von uns“, wie Jean Cocteau schrieb, ein Stern in Räuberzivil, bodenständig und erdverbunden.
Vielleicht stand diese Gabe ihrer internationalen Karriere letztlich sogar eher im Weg, als dass sie diese beförderte. In ihrer französischen Heimat war Annie Girardot lange eine Institution und beinahe so präsent wie Jean Gabin. Sie trat in mehr als 150 Filmen und Fernsehspielen auf. Außerhalb Frankreichs und Italiens wurde sie hingegen meist nur noch am Rande wahrgenommen.
Unabhängige, willensstarke Frau
Geboren wurde Girardot am 25. Oktober 1931 in Paris. Sie studierte Schauspiel und gehörte früh zum Ensemble der Comédie Française. Ihre ersten Filmrollen wiesen jedoch schon in die Richtung des düsteren Melodrams und ihrer Rolle in „Rocco und seine Brüder“. In der Realität entschied sich Girardot übrigens für den Darsteller des Simone und heiratete Renato Salvatori nach Abschluss der Dreharbeiten. Obwohl sich die beiden später trennten, wurde die Ehe nie geschieden. Aus ihr ging eine Tochter hervor.
Auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit war Annie Girardot aus dem französischen Kino kaum wegzudenken. Sie drehte mit Claude Lelouch („Lebe das Leben“), Philippe de Broca („Edouard, der Herzensbrecher“) und José Giovanni („Verdammt zum Schafott“), wenngleich nicht mit den Regisseuren der Nouvelle Vague. Mit struppiger Kurzhaarfrisur und rauer Stimme wurde sie zum Inbild der unabhängigen, willensstarken Frau, die ihren eigenen Weg geht – selbst wenn der wie in „Sterben vor Liebe“ ins gesellschaftliche Abseits führt.
Unfreiwillige Rolle
In ihrem größten Erfolg nach „Rocco und seine Brüder“ spielt Girardot eine engagierte Lehrerin, die sich mit einem 17-jährigen Schüler einlässt und an dieser verbotenen Liebe zerbricht. Während sich die Schülerschaft geschlossen auf die Seite der Pädagogin schlägt und so zur tragischen Heldin einer neuen Zeit adelt, wird sie von den Erwachsenen erbarmungslos verfolgt und schließlich in den Tod getrieben. Girardots 1989 erschienene Autobiografie „Vivre d’aimer“ (zu deutsch etwa: Vom Lieben leben) wandelt den französischen Titel des Films „Mourir d’aimer“ entscheidend ab.
Auch in Italien erinnerte man sich der Französin lange und gern: Francesco Rosi verpflichtete sie für „Smog“, Mario Monicelli für „Die Peitsche im Genick“ und Marco Ferreri für „Dillinger ist tot“. In den 80er Jahren verblasste Girardots Ruhm jedoch zusehends, sie war nur noch selten in prägenden Filmrollen zu sehen. Eine prominente Ausnahme bildet Lelouchs „Misérables“, für den Girardot ihren zweiten César, die höchste Auszeichnung des französischen Kinos, erhielt. Zuletzt holte Michael Haneke sie für „Die Klavierspielerin“ und „Caché“ jeweils als verhängnisvolle Mutter vor die Kamera.
Ihre letzte Rolle spielte Annie Girardot nicht freiwillig. 2003 wurde bei ihr die Alzheimer-Krankheit diagnostiziert, drei Jahre später entschied sie sich, die Erkrankung publik zu machen. Mit Nicolas Banlieu drehte sie den Dokumentarfilm „Ainsi va la vie“ und wurde noch einmal zur französischen Symbolfigur; dieses Mal für das Leben mit Alzheimer. Am Montag ist sie mit 79 Jahren in Paris gestorben.