Die Nibelungen sind in der Stadt. Seit Monaten schon bevölkern sie die Schaubühne am Kurfürstendamm, auch im Deutschen Theater wurden sie gesehen, nun sind sie in die Charlottenburger Bismarckstraße eingezogen. Waren die seltsamen Gäste in den beiden Theatern mehr oder minder deutlich als Figuren aus Friedrich Hebbels deutschem Trauerspiel zu erkennen, erleben wir sie in der Deutschen Oper als Protagonisten des Stummfilmklassikers "Die Nibelungen" von Fritz Lang nach einem Drehbuch seiner Gattin Thea von Harbou.
Eine "Welturaufführung" sei dies, heißt es. Was ein weißer Schimmel ist. Die federführende Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung ist eben stolz. Ist es in mehrjähriger Kärrnerarbeit und unter Aufbietung zahlreicher Experten verschiedener Provenienz doch gelungen, die ursprüngliche Version des 1924 vollendeten Films zu restaurieren, sprich: diesen in vorzüglicher fotografischer Qualität sowie in orangefarbener Virage auf die Leinwand zu zwingen und erstmals überhaupt die gesamte Filmmusik zu präsentieren.
Fritz Lang verzichtete dabei auf Richard Wagners "Nibelungen"-Musik. Er wollte partout ein autochthones Opus schaffen. Und tat recht daran. Jede filmische Realisierung auf der Basis von Wagners Partitur wäre der Beginn einer Konfrontation mit unglücklichem Ausgang gewesen. Mit der Komposition von Gottfried Huppertz, die in Berlin vom Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Leitung Frank Strobels in faszinierend-luxurierender Transparenz interpretiert wurde, funktioniert es perfekt. Zum einen, weil die Musik als Filmmusik gut komponiert ist. Andererseits, weil sie besonders gut zu dem passt, was wir auf der Leinwand sehen.
Ihr Idiom ist, bis in die entferntesten Winkel, erkennbar expressionistisch und besitzt überdies die erstaunliche Qualität ästhetischer Ambivalenz. Die Musik untermalt das Geschehen, zugleich übermalt sie es. Sie ist Dienerin am und Herrin im Kunstwerk. Sie verhilft den ohnehin mächtigen Bildern zu noch stärkerer Geltung und kreiert eigene Bilder: Klang- und Assoziationsbilder. Kurzum: Diese "Nibelungen" verfügen über Bildgewalt wie über Klanggewalt.
Das Gelingen kommt nicht von ungefähr. Das Dreigespann Lang, von Harbou und Huppertz sowie Kameraleute, Architekten, Kostümbildner und Techniker, sie alle saßen monatelang zusammen, um aus dem gebirgigen Koloss der einigermaßen wirren nordischen Saga eine szenische wie klangliche Landschaft herauszupräparieren. Heraus kam das Nibelungen-Extrakt, ein Gesamtkunstwerk ganz anders als von Wagner.
Ausschnitt von Fritz Langs "Die Nibelungen" aus dem Jahr 1924.
Wesentlich für beide Schöpfungen sind allerdings zwei Topoi: das Ritual und das Pathos. Während aber das Pathetische der Musik, nicht zuletzt ihres symphonischen Eigengewichts wegen, zurücktritt hinter das Pathetische der visuellen Aktion, das man aus zahlreichen Stummfilmen jener Zeit kennt und das nicht selten an diesem sechsstündigen Abend für unfreiwillige Komik sorgt, entsteht auf der Ritualebene große Nähe. Wie Wagner, so benutzt auch Huppertz mit Vorliebe Leitmotive, um das Schicksalhafte der Handlung zu unterstreichen oder heroische Situationen poetisch zu zementieren. Das Material, das er dafür verwendet, ist sparsam, fast spartanisch, wiewohl in "Kriemhilds Rache" delikater durchgeführt, es ist in seiner Konsistenz blockartig. Eine kurz einschwingende, auftaktige Melodie, ein markanter, punktierter, aber nicht zu heftiger, also doch noch fließender Rhythmus, einprägsame Intervallschritte: das genügt ihm, um Setzungen zu etablieren. Ein kluges Verfahren, unterstützt es doch die Momenthaftigkeit der stoisch-expressiven Gesten im Film.
Vor uns läuft ein Kunstwerk ab, das von einer Sage berichtet, die von deutscher Seele kündet, was uns wiederum etwas über die deutsche Seele mitteilt, wie sie finster-abgründig scheint: eine Seele, die nach Blutrache dürstet und ewige Treue über Frieden und Versöhnung stellt und überhaupt äußerst seltsame menschliche Triebstrukturen evoziert. Das ist das Aktuelle an Langs Filmepos. Wir wissen, dass wir diese destruktiven Nibelungen nicht wieder haben wollen. Es sei denn, als großes, bedeutendes Kunstwerk. Und dann gern auf der Bühne oder auf der Leinwand.