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Tintenherz: Eine Idee in Wirklichkeit

Aber das führt nicht immer zu etwas: Cornelia Funkes "Tintenherz" fürs Kino. Von Heike Kühn

Lesesog im Film? Das funktioniert nicht immer.
Lesesog im Film? Das funktioniert nicht immer.
Foto: Verleih

Für die Literatur, sagt Isaac B. Singer in "Ich bin ein Leser", ebenso wie für unsere Träume, seien nicht nur die Grenzen der Realität, sondern sogar die des Todes belanglos: "Nehmen wir zum Beispiel ,Anna Karenina'. Dieses Buch entstand vor über hundert Jahren, dennoch spricht niemand von der ,verstorbenen Anna Karenina' oder ,der verstorbenen Madame Bovary'. Wenn es dem Autor gelingt, ihnen Leben einzuhauchen, dann leben sie ebenso wie ihre Schöpfer immer weiter."

Singer selbst hat mit "Der Golem - Eine Legende" eine Parabel auf das belebende Schreiben geschaffen. Der Golem ist nichts als ein Klumpen Lehm, bis ihm Rabbi Löw auf der Stirn einen der 99 Namen Gottes einritzt. Aufzuhalten ist der Golem nur, wenn der geheime Name verwischt wird. Doch der Golem protestiert - er will sich nicht auslöschen lassen.

Die Eigenmächtigkeit des einmal Geschriebenen hat die phantastische Literatur stets beflügelt. Schon 1979 hatte Michael Ende in "Die Unendliche Geschichte" die Idee des "richtigen Namens, der allen Wesen und Dingen ihre Wirklichkeit gibt". Er muss von einem Leser ausgesprochen werden, der sich buchstäblich in die Bücherwelt Phantasiens hineinversetzt und das Reich der "kindlichen Kaiserin" durch aktives Mitlesen und -leiden rettet.

Cornelia Funke hat in ihrer Tinten-Trilogie auf originelle Weise den umgekehrten Weg beschritten. In "Tintenherz" besitzt der Buchrestaurator Mo Folchart die Fähigkeit, erfundene Figuren aus ihren Büchern herauszulesen. Allerdings funktioniert das nur, wenn die "Silberzunge" Mo laut vorliest. In der Nacht, in der er seiner dreijährigen Tochter Meggie und seiner Frau Resa das im Mittelalter spielende Buch "Tintenherz" vorträgt, dringen drei Kunst-Figuren in die Wirklichkeit vor: Der Bösewicht Capricorn, sein Messerstecher Basta und der eher narzisstische als bösartige Feuerjongleur Staubfinger. Im Gegenzug wird Mos geliebte Frau in das Buch gesogen.

Iain Softleys filmische Adaption hat Funkes Buch beherzt verkürzt und trifft dennoch weitgehend den magischen Ton der Vorlage. Beim Schreiben, so Funke, habe sie sich stets Brendan Fraser als Mo vorgestellt. Ihre Imagination ist nun Wirklichkeit geworden. Fraser erwehrt sich der unverschämten Bücherwesen wie einst der wiederauferstandenen "Mumie", doch besinnt er sich auch auf subtilere Gesten, die ihm etwa in "Gods and Monsters" zu Ruhm verhalfen.

Der Film setzt ein, als Meggie zwölf Jahre alt ist. Warum sie seit Jahren von einem Antiquariat zum anderen reisen, will sie in der Schweiz wissen, und was für ein Buch das sei, das ihr Vater dabei verzweifelt sucht. Doch erst in Italien, wo sie das Anwesen ihrer Tante Elinor aufsuchen, wird Meggie mit der bedrohlichen Antwort konfrontiert. Weil Mo sich weigert, Staubfinger wieder in seine Heimat zurückzulesen - schließlich könnte dabei wieder ein geliebter Mensch verschwinden -, führt Staubfinger den Schurken Capricorn zu Elinors Haus.

Capricorn hat (beinah) alle Kopien von "Tintenherz" vernichtet - die Realität erlaubt ihm in seiner ligurischen Burg größere Schurkereien. Eine moralisch ungefestigte Silberzunge hat ihm seine Spießgesellen in die Realität hineingelesen, doch haben diese finsteren Figuren einen Makel: Weil die opportunistische Silberzunge ein Stotterer ist - diese kongeniale, visuelle Ergänzung verdankt sich der Kostümdesignerin Verity Hawkes -, sind ihre Körper von Druckzeilen durchzogen. Capricorn nimmt Mo, seine tapfere Tochter (Eliza Hope Bennett) und die überragende Helen Mirren in der Rolle der Bücherwurmtante Elinor gefangen, um sich von Mo Gold und Macht herbeilesen zu lassen.

Zwar erfreut der Film mit einer Fülle von Wesen, die es durch skrupellose Vorleserei in Capricorns Burg verschlagen hat. Zwar ist -genau wie bei Funke - die Begegnung zwischen Fenoglio, dem Autor des (fiktiven) Buches "Tintenherz", und seinen zur Rebellion gegen den dichtenden Übervater aufgelegten Figuren ein ebenso philosophischer wie komischer Moment. Doch eine witzlose Abfolge von Gefangennahme, Entkommen, Flucht ermüdet den Betrachter. Selbst das von Meggie herbeigeschriebene Happy End wirkt reichlich schematisch. Nicht jedes geschriebene Wort meistert die Alchemie des Filmbildes.

Tintenherz, Regie: Iain Softley, USA/GB/D 2008, 106 Minuten.

Trailer: "Tintenherz""

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  11 | 12 | 2008
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