Wie der Titel verrät, handelt die Filmserie „Mission Impossible“ von unmöglichen Aufträgen. Für den von Tom Cruise gespielten Spezialagenten Tim Hunt bedeutet das in der neusten Ausgabe „Phantom Protokoll“ zum Beispiel, sich von Dubais Wolkenkratzer Burj Khalifa abzuseilen. „Da müssen wir von außen rein“, formuliert es sein Teamleiter in dem Film, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. „Wir?“, fragt Hunt zurück und wird sogleich belehrt über die angedachte Arbeitsteilung. „Na, ich sitze am Computer.“
Erinnerung an „Ben Hur“
So wäre der Stunt dann wohl auch üblicherweise abgelaufen: Tom Cruise hätte sich vor einer grünen Studiowand abgeseilt. Und jemand hätte am Computer gesessen und eine virtuelle Realität dazu gemischt. Doch obwohl Regisseur Brad Bird mit Trickfilmen wie „Die Unglaublichen“ bekannt wurde, entschied er sich mit dem Star gegen die klinische Sicherheit des „Green Screen“. „Eine Mission hatte ich wirklich“, prahlte Tom Cruise im Gespräch mit Journalisten am Drehort Dubai, „und die lautete: Nicht herunterfallen.“ Der 49-Jährige versteht sich als einer der letzten Actionhelden alter Schule. Bei den mehrtägigen Aufnahmen im November 2010 waren ihm sogar die sonst so gefürchteten Paparazzi hoch willkommen: In 828 Metern Höhe erspähten sie auf der Turmspitze eine barfüßige Gestalt: Es war tatsächlich Tom Cruise. „Ich bin noch zur Seite gekrochen und habe Grüße an meine Frau und meine Kinder hinterlassen. Wenn man da oben ist, muss man das machen.“
Eine weitere Glanznummer, der Sprung am Seil auf einen Lastwagen, zeigt, dass selten ein Star so hart für sein Comeback gearbeitet hat. Wie überhaupt derartige Auftritte selten werden. Denn seit Hollywoods Blockbuster nicht mehr ohne Computeranimationen auskommen, sind auch waghalsige Actionszenen sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Da im Trickfilm ohnehin keine Mission unmöglich ist, hält sich auch das Staunen über sie in Grenzen. Was man bewundern kann, ist der trickreiche Einfall eines Autors, Regisseurs oder Storyboardzeichners; Heldentaten aber sieht man nicht. Das war einmal anders, als zur Herstellung eines Abenteuerfilms nicht nur geschäftlicher Mut gehörte.
Es war nicht einmal so wichtig, ob Stars wie Douglas Fairbanks, Burt Lancaster, Harrison Ford oder Jackie Chan die spektakuläre Aktionen persönlich ausführten. Ebenso gern bewunderte man den Wagemut ihrer Doppelgänger: Professionelle Stuntmen, deren anonyme Heldentaten Fernsehserien wie „Ein Colt für alle Fälle“ aufwerteten.
Es gibt sie natürlich auch noch heute, ihr Geschäft blüht sogar, seit die meisten der ganz großen Kassenschlager im Actiongenre verortet sind. Quentin Tarantino war von der australischen Stuntfrau Zoe Bell, die Uma Thurman in „Kill Bill“ doubelte, derart angetan, dass er ihr in seiner B-Film-Hommage „Death Proof“ die Hauptrolle einer Teufelsfahrerin gab. Wie sie dabei in voller Fahrt auf einer Motorhaube herumkletterte, schrieb Stuntgeschichte. Auch die Macher der Car-Crash-Filmreihe „The Fast and the Furious“ legten großen Wert darauf, den Simulationstechniken von Computerspielen echtes, von lebenden Fahrern geschundenes Blech entgegenzustellen. Dennoch sieht man die Arbeit von Stuntmen skeptisch, seit man weiß, dass im Zweifelfall erst der Computer ihrer Arbeit den letzten Schliff verleiht.
Die bis heute berühmteste Stuntsequenz ist das Wagenrennen in „Ben Hur“. Bei der Stummfilmversion von 1925 soll unter den mutigen Männern eine Prämie von 5 000 Dollar für den Sieger ausgelobt worden sein, um ein möglichst waghalsiges Rennen zu bekommen. Hollywoods Prominenz tummelte sich auf den Rängen. Noch spektakulärer wirkt die Szene im Remake von 1959. Der legendäre Stuntman Yakima Canutt inszenierte sie so realistisch, dass sich lange das Gerücht hielt, eines der Doubles sei dabei zu Tode gekommen. Tatsächlich jedoch handelte es sich bei den überrannten Fahrern um lebensechte Puppen. Canutts Sohn Joe, der in „Ben Hur“ Charlton Heston doubelte, verwandelte ein Malheur in einen Triumph, als er von seinem Wagen geschleudert wurde, aber gleich wieder zurückklettern konnte.
Zwei Finger verloren
Yakima Canutt verdiente sich seinen Ruhm durch meisterliche Auftritte wie im Western „Höllenfahrt nach Santa Fe“: Im John-Wayne-Kostüm springt er von Pferd zu Pferd. Einmal lässt er sich von einem rasenden Tier schleifen, um zwischen den Wagenrädern wieder loszulassen. Steven Spielberg ließ den Einfall für „Jäger des verlorenen Schatzes“ kopieren. Hier ist es Stuntman Vic Armstrong, der anstelle Harrison Fords zwischen Lastwagenrädern durch den Wüstensand gezogen wird.
Je weiter man in der Filmgeschichte zurückgeht, desto tollkühner die Stunts. Dem Stummfilmkomiker Harold Lloyd standen für die Kletterpartie an einer Hochhauswand im Klassiker „Ausgerechnet Wolkenkratzer“ nur drei Finger seiner rechten Hand zur Verfügung. Die übrigen hatte er verloren, als man ihm für ein Werbefoto versehentlich eine echte Bombe überreicht hatte.
Sein Kollege Buster Keaton verletzte sich lebensgefährlich am Rückgrat, als er bei seinem Eisenbahnfilm „Der General“ die Wucht eines Wasserstrahls unterschätzte – und spielte die Szene doch klaglos zu Ende. In „Wasser hat keine Balken“ stürzt über ihm eine Hauswand ein – ihm bleibt nur die kleine Aussparung einer Fensteröffnung. Heute würde man einen solchen Effekt am Computer erzeugen, aber ein großartiger Stunt ist immer beides: ein origineller, ja unglaublicher visueller Einfall. Und der Beweis, dass seine Ausführung dennoch menschenmöglich ist. Wenn sich nur jemand traut.