Ein junger Spanier fährt nach London, um seinen Vater zu suchen. Er hat ihn nie kennen gelernt und kann jetzt auch noch etwas länger darauf warten. Seit seiner Ankunft betrinkt sich Axl also jede Nacht und erwacht jeden Morgen in einem anderen Bett. In der Regel weiß er nicht, wie er dort hingekommen ist, und schaut ungläubig aus der fremden Wäsche. Besonders gut scheint er sich dabei nicht zu amüsieren; vielleicht liegt’s aber auch am Kater. Schließlich schlüpft er in einem Lagerhaus unter, das sich einige Künstlertypen als improvisiertes Zuhause eingerichtet haben. Hier trifft Axl den etwas älteren Mike und lässt sich überreden, den Namen seines Vaters doch mal in eine Suchmaschine einzugeben.
Ach ja, die Jugend! Wenn jemand nicht in Facebook steht, weiß sie schon nicht mehr weiter. Aber nehmen wir zu Axls Gunsten an, dass er nur einen Schubser brauchte, um seine Ängste zu überwinden.
Im selben Loft wohnt die junge Belgierin Vera, die von Erinnerungen an eine unglückliche Liebe verfolgt wird. Sie jobbt in einem Buchladen und sortiert die Ware absichtlich falsch ein, um dem Zufall eine Chance zu geben. Abends lernt sie einen Einheimischen kennen und betrinkt sich spontan mit ihm. Gemeinsam torkeln sie ins nächste Hotel, stürzen aufs Bett, sind aber für alles weitere zu besoffen. Im Morgengrauen schleicht sich Vera leise davon.
Alexis Dos Santos geht in „London Nights“ dem Lebensgefühl einer verlorenen Generation nach. Im Original heißt sein Film „Unmade Beds“, was nicht nur viel besser zur Unordnung des frühen Leids passt, sondern auch eine schöne Anspielung auf die zerwühlten Laken der britischen Künstlerin Tracey Emin ist. Die sind zu Museumsehren gekommen, während sich Dos Santos eher um Aufnahme in die Ehrengalerie der Nouvelle Vague bemüht. Schon lange hat man nicht mehr so viele Jump-Cuts gesehen, die eine Szene in ihre Bestandteile zerreißen; die Handlung springt zudem zwischen Zeiten und Orten recht unvermittelt hin und her, und wenn es doch mal zum Sex kommt, geht es mit extremen Großaufnahmen, malerischer Unschärfe und fragmentierten Bilderfolgen auch filmisch ordentlich zur Sache. Axl und Vera sind wie füreinander geschaffen, treffen sich aber nur kurz auf einer Party. Stattdessen lässt sich Axl von einem Immobilienmakler, den er für seinen Vater hält, Wohnungen zeigen, und Vera trifft ihre Hotel-Bekanntschaft wieder. Obwohl es zwischen den beiden vernehmlich „klickt“, legt sie es darauf an, dass sie sich verpassen und möglicherweise nie wiedersehen. Die beiden tauschen weder Telefonnummern noch Namen aus und verabreden sich zu unbestimmten Zeiten an belebten Plätzen. Und gehen auf Hotelzimmer, in denen Vera die Betten fotografiert. Irgendwann sieht sie eines ihrer Fotos auf einem Plakat, das für ein Konzert ihres unbekannten Freundes wirbt. Da denkt sie sich: Es muss Schicksal sein.
Der Film ist wie Jugendlyrik: überambitioniert und gnadenlos in seiner Konfusion
Musik ist der Katalysator für alles in diesem Film. Wenn sich Axl mit Freibier die Kante gibt, schrammelt garantiert gerade eine Brit-Band, und im Lagerhaus ist immer jemand in Feierlaune. Dos Santos setzt fast nur auf Source-Musik, bei der die Musik auf eine Quelle im Bild zurückgeht, so als sei ein klassischer Soundtrack zu weit weg von den Figuren. Ein bisschen erinnert das an Michael Winterbottoms „9 Songs“, wo das Hören von Indiebands in schöner Zwangsläufigkeit zu ungemachten Betten führt. Anscheinend ist auch Dos Santos auf der Suche nach einem Vater und hat sich entschieden, es mit mehreren auf einmal zu probieren.
Man wird sich bei diesem Film manchmal fragen, ob er wunderbar poetisch oder eher grandios bescheuert ist. Die Antwort liegt irgendwo dazwischen. „London Nights“ ist wie Jugendlyrik: Exaltiert, überambitioniert und gnadenlos ehrlich in seiner Konfusion. Dos Santos trägt die scheue Verlorenheit seiner Helden dick auf. Andrerseits bleibt er ihnen gerade damit treu.
London Nights. GB 2008. Regie: Alexis Dos Santos. 93 Min.