"Ist der Polizist der, der ich denke, der es ist?" Auf einem Antikmarkt im amerikanischen Michigan hatte der Stummfilmfreund Paul Gierucki eine 16mm-Rolle mit dem Titel "A Thief Catcher" erstanden. Als er nach Wochen endlich dazu kam, seinen Schatz zu sichten, stach ihm der Mann mit dem Schnauzbart sofort ins Auge. Zweifellos war dies eine als verloren geltende Komödie aus dem Keystone-Studio von 1914.
Ebendort hatte damals Charlie Chaplin seine Filmkarriere begonnen. Aber konnte er das wirklich sein? Gierucki mailte ein Filmbild nebst obiger Frage an einen Sammlerkollegen, doch der war erst mal vorsichtig: "Das kann man immer erst sagen, wenn man sieht, wie er sich bewegt."
Ebenso wenig, wie sich ein unbekannter Mozart in einem Takt zu erkennen gibt, offenbart ein Standbild Chaplins Genie. "Doch sobald man ihn in Bewegung gesehen hat", bestätigte jetzt der Filmhistoriker Scott Eyman in der Zeitung Palm Beach Post, "gibt es gar keinen Zweifel." Auch wenn es nur eine Nebenrolle von zwei Minuten Leinwandzeit darstellt, dürfte sich die Chaplin-Forschung freuen. Man kann den Fund zwar nicht gleich wie Eyman mit einem "unbekannten Streichquartett Beethovens" vergleichen. Aber es dürfte der erste oder zweite Film überhaupt sein, in dem Chaplin Schnurrbart trägt.
Da sich der Brite hier auch im Kostüm der "Keystone Cops" bereits unverkennbar in seinem späteren Rollenbild zeigt, könnte eine Legende ins Wanken geraten: Gern hatte der Komiker beschrieben, wie er bei einem Besuch im Fundus spontan seine Filmpersona erfunden habe, die ihm Hut und Stöckchen gleichsam ins Ohr flüsterten. Stolz kündigt Entdecker Gierucki, in Fankreisen als Mitglied einer "Silent Comedy Mafia" geachtet, die feierliche Wiederaufführung für den 17. Juli an - als Attraktion des kleinen jährlichen Stummfilmfestivals "Slapsticon" im US-Bundesstaat Virginia.
Es ist selten, dass Sammler auf Flohmärkten belohnt werden. Meist werden Funde in den Lagern der Filmarchive gemacht, wie die "Metropolis"-Fassung aus Buenos Aires. Oder jüngst John Fords wichtiges Schausteller-Melodram "Upstream" von 1927 im Neuseeländischen Filmarchiv (FR v. 8. Juni): Nicht weniger als 75 Stummfilme haben am anderen Ende des Globus überlebt, weil der Rücktransport in die USA seinerzeit zu kostspielig erschien.
Jetzt werden die sonst gar nicht oder bruchstückhaft erhaltenen Funde - darunter Werke der Regisseurinnen Lois Weber und Mabel Normand - doch noch überführt. Verteilt auf die fünf großen US-Filmarchive, wo man den leicht entflammbaren Nitratfilm reinigt und umkopiert. 500000 Dollar wurden dafür gesammelt. Auch wenn man sich auf den offenbar vorzüglich erhaltenen John-Ford-Film am meisten freut, der den Einfluss des Deutschen Friedrich Wilhelm Murnau verraten soll, sind auch viele der kleineren Funde sensationell: Auf der Website der Filmarchive wurden Szenen eines Western von 1910 eingestellt, "The Seargant": Gedreht vor den Naturkulissen des Yosemite Valley, zeugt der Film von jenem wunderbaren Augenblick der Filmgeschichte, als man gerade das Genre entdeckte, aber das Staunen über das Medium noch nicht verlernt hatte.