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Flucht und Zuwanderung

15. Januar 2016

Algerien: Der große Frust

 Von 
Der algerische Premierminister Abdelmalek Sellal (2.v.r.) am 12. Januar in Berlin zu Gast bei Kanzlerin Merkel.  Foto: rtr

Viele junge Algerier wollen ihr Heimatland verlassen - lieber heute als morgen. Korruption, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot sorgen für Verdruss.

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Algeriens Presse war auffällig einsilbig. Hätte nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema Köln bei einem Treffen mit Ministerpräsident Abdelmalek Sellalmit angesprochen, hätten Algeriens Leserinnen und Leser wohl nichts erfahren über das Treiben ihrer jungen Landsleute in der Silvesternacht. 2300 haben allein im vergangenen Dezember in Deutschland Asyl beantragt, aus dem Nachbarland Marokko waren es sogar 3000 – ein signifikanter Anstieg.

Bevor im vergangenen September die große Völkerwanderung gen Deutschland über den Balkan begann, versuchten junge Algerier vor allem nach Frankreich oder Italien zu kommen. Wie auch die zwei Dutzend jungen Leute, die die algerische Küstenwache kürzlich in der Bucht vor Annaba in ihrem Schlauchboot aufbrachte und aus dem winterlichen Mittelmeer fischte. Man könne nicht anständig leben in einem Land, „in dem Korruption, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot grassieren und in dem man nicht heiraten kann“, erklärten die Männer einem lokalen Reporter der Zeitung „El Watan“.

So wie die gescheiterten Bootsflüchtlinge denken viele im Land. Knapp 70 Prozent der 39 Millionen Algerier sind jünger als 30 Jahre. Und jeder Dritte von ihnen will nur noch eins – nichts wie weg. „Die Bilanz meines Lebens ist absolut negativ. Ich bin ohne Arbeit und ohne Wohnung. In Algerien sind sogar Ärzte und Ingenieure arbeitslos“, sagte einer aus der Gruppe. Dreimal habe er bereits die Überfahrt probiert. Jedes Mal wurde er von der Küstenwache erwischt. „Aber ich werde nicht aufgeben und mein Glück erneut versuchen“ – wie viele Altersgenossen aus den Nachbarstaaten Marokko und Tunesien auch.

Anders als im ölreichen Algerien jedoch zieht es junge Marokkaner und Tunesier auch zum „Islamischen Staat“. Bezogen auf die Einwohnerzahl liegen Tunesier unter den zugereisten, arabischen IS-Dschihadisten einsam an der Spitze – gefolgt von Saudi-Arabien und Marokko. 5000 von ihnen kämpfen in Syrien und im Irak. Weitere 12 000 wurden bisher an der Ausreise gehindert.

Korruption, Mafia, Bürokratie

Auffallend viele stammen aus Mittelklassefamilien, waren Studenten, angestellt im öffentlichen Dienst oder hatten gut bezahlte Berufe im Privatsektor. „Die Armen wollen nach Europa, die Bessergestellten gehen nach Syrien – das ist besonders beunruhigend“, erläutert Mohamed Iqbal Ben Rejeb, Gründer von Ratta, einer Organisation, die tunesischen Familien hilft, ihre Söhne aus Mesopotamien zurückzuholen.

Algerien ist die reichste unter den drei Maghreb-Nationen, doch seine Bodenschätze werden von einer Nomenklatura von rund 500 000 Leuten verprasst. 97 Prozent der Deviseneinnahmen hängen von Öl und Gas ab, eine nennenswerte Industrie gibt es nicht. Korruption, Staatsmafia und autoritäre Bürokratie bilden einen flächendeckenden Filz. „Wir sind ein reiches Land mit einer armen Bevölkerung“, sagen die Leute.

In der Hafenstadt Oran gibt es praktisch kein Wohnhaus in einem halbwegs ansehnlichen Zustand. Ein Viertel des Volkes lebt in Not, die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei elf Prozent, bei den Jüngeren sogar bei 25 Prozent. Eine Million von ihnen wird zusätzlich für Minilöhne in staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogrammen aufbewahrt, ohne Aussicht auf eine feste Anstellung, ein ordentliches Gehalt und die Chance, eine Familie zu gründen.

Und so liefert sich der frustrierte Nachwuchs Woche für Woche ein erbittertes Katz-und-Maus-Spiel mit der allgegenwärtigen Staatsgewalt. 10 000 Proteste registriert die Sonderpolizei mittlerweile Jahr für Jahr. „Alle leiden, nur die Mächtigen führen ein Leben in Saus und Braus“, sagen die Demonstranten.

Der 78-jährige Präsident Abdelaziz Bouteflika, der trotz zweier Schlaganfälle im April 2014 zum vierten Mal wiedergewählt wurde, ist seit drei Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten. Er sitzt im Rollstuhl und kann kaum sprechen. Gelegentlich erhält die Regierung Briefe aus seinem Amtssitz. Doch niemand weiß, inwieweit der Präsident noch bei Sinnen ist.

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