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Flucht und Zuwanderung

23. September 2015

Asylverfahren: Schnelles Abschieben mit McKinsey

 Von Thomas Borchert
Demonstration für Solidarität mit Flüchtlingen in Stockholm.  Foto: AFP

Bereits in Schweden haben die Unternehmensberater das Asylverfahren beschleunigt. Für Deutschland ist das ein Vorbild - zukünftig soll McKinsey auch die deutsche Asylpraxis effizienter gestalten - jedoch nicht humaner.

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Schwedens Ausländeramt hat schon eine Antwort von McKinsey auf die Frage, die der Unternehmensberater jetzt für die gleiche Behörde in Deutschland klären soll: Ja, man kann die Erledigung Abertausender Asylanträge genauso beschleunigen wie die „Produktion“ in anderen Behörden oder privatwirtschaftlichen Unternehmen.

Dies erklärten die McKinsey-Leute nach der 2008 in Auftrag gegebenen Durchleuchtung vom „Migrationsverket“. Sie setzten die Umstellung der Arbeitsorganisation auf das „Lean Management“ durch, in Deutschland „schlankes Management“ genannt. Das zog schon 2010 Konsequenzen nach sich: Die durchschnittliche Wartezeit bis zur Entscheidung über einen Asylantrag sank drastisch von neun Monaten auf drei.

Genau das, was sich die Regierung im EU-Land mit der souverän liberalsten Asylpolitik und dem höchsten Pro-Kopf-Zustrom gewünscht hatte. Sophia Övall Lindberg aus der Presseabteilung des Ausländeramtes umschreibt die dank McKinsey eingeführten Arbeitsprinzipien als „prozessorientierter“ mit „mehr erfahrenen Mitarbeitern beim schwierigeren Auftakt des jeweiligen Antragsprozesses“. Zum ersten Mal umgesetzt wurden die Prinzipien des Lean-Managements beim japanischen Autohersteller Toyota. Genau wie dort gibt es jetzt beim schwedischen Ausländeramt präzise Mengen- und Zeitvorgaben für alle Organisationsebenen – und offenbar auch Punkte samt Beförderung oder Festanstellung für besonders schnelle und „produktive“ Mitarbeiter.

2,5 Stunden pro Antrag

Ein Sachbearbeiter berichtete anonym in „Aftonbladet“, es gelte für die Bearbeitung eines Antrages 2,5 Stunden als verbindliche Maßeinheit. Das Blatt zitierte aus der Mail eines „Betriebschefs“: „Zur Sicherstellung unserer Ziele haben wir einen Produktionsplan. Die Einhaltung wird überwacht, Abweichungen sind zu melden.“ Andere Chefs ordneten gleich direkt an, möglichst viele permanente Aufenthaltsgenehmigungen auszustellen, weil das am schnellsten gehe.

Von umgekehrten Konsequenzen berichtete „Dagens Arena“ über die ebenfalls stramm neu durchorganisierte Abschiebung ausgewiesener Asylbewerber. Die Mitarbeiter des Ausländeramtes, Polizisten und Gefängnispersonal würden bei ihrer Zusammenarbeit für möglichst schnelles Durchschleusen der Betroffenen ohne „Flaschenhälse“ belohnt. Als Konsequenz „behandeln sie die Menschen wie einen Block ohne menschliche Eigenschaften“, fasste die Reporterin ihren Eindruck aus der neuen Anstalt Märsta für Abzuschiebende zusammen.

Der Abstand dieses Alltags zu den offiziell immer wieder betonten humanen Grundlagen der schwedischen Asylpolitik ist beachtlich. Die Freude in Ministerbüros und Chefetagen über die Beschleunigung von Asylverfahren dank McKinsey und Lean wurde vor allem durch die dramatisch gestiegenen Zahlen syrischer Kriegsflüchtlinge gedämpft.

Etwa 90 000 insgesamt werden für 2015 in dem Land mit knapp zehn Millionen Bürgern erwartet. Laut Pressesprecherin Lindberg müssen die Neuankömmlinge mit zehn Monaten Wartezeit rechnen. Migrationsminister Morgan Johansson sagte im Rundfunk unumwunden, auch mit den 1000 neuen Mitarbeitern sei eine geringere Wartezeit nicht zu machen. Stattdessen müsse man jetzt „für eine sinnvolle Wartezeit sorgen“. Zum Beispiel durch Sprachunterricht, Aufräumen in Grünanlagen oder „irgendwas anderes Praktisches“.

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