Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Flucht und Zuwanderung

16. November 2013

China Wanderarbeiter: Die Verlierer des Booms in China

 Von Inna Hartwich
Wanderarbeiter in Peking.  Foto: imago stock&people

Mehr als 260 Millionen Wanderarbeiter schuften in den Städten der Volksrepublik China. Sie sind die Erschaffer des Booms – und seine Verlierer. Wegen des veralteten Meldesystems haben die Wanderarbeiter kaum Rechte.

Drucken per Mail

Mehr als 260 Millionen Wanderarbeiter schuften in den Städten der Volksrepublik China. Sie sind die Erschaffer des Booms – und seine Verlierer. Wegen des veralteten Meldesystems haben die Wanderarbeiter kaum Rechte.

Peking –  

Eines Tages war die Entscheidung getroffen. Sie kam schleichend, wie vieles im Leben von Herrn Liu, des drahtigen Mannes mit dem wettergegerbten Gesicht. Er wollte weg aus seinem Dorf. Er musste weg, wie er heute sagt, nach 15 Jahren Wanderschaft, auf der Suche nach Jobs, nach Auskommen, nach Glück. Herr Liu heißt eigentlich anders.

Der Name spiele doch keine Rolle, sagt er leise, als er auf einem Stein sitzt und die Drähte für den Hundekäfig in einen Holzkasten einbaut, hier im Westen von Peking, weit hinter dem fünften Autobahnring, wo er sich eine Bleibe leisten kann, mit Frau, Tochter, Sohn, Schwiegersohn und zwei Enkelinnen, auf zwei Zimmer verteilt. Er sei einer unter vielen, ein „waidiren“, wie die Chinesen sagen, einer „von außerhalb“. Ein Wanderarbeiter, wie es Millionen in Chinas Städten gibt. Sie sind die Erschaffer des Booms – und seine Verlierer.

Schuften bis zum Umfallen

Als China sich in den 1980ern auf Geheiß von Deng Xiaoping öffnete, sahen viele Bauern, die von der Hand in den Mund lebten, ihre Chance. An der Ostküste des Landes entstanden Fabriken und Städte, wo die Arbeit nicht auszugehen schien. Chinas Appetit auf Arbeiter war unersättlich wie auch der Wunsch der Menschen nach einem besseren Leben.

Gefährliche Jobs? Oft keine Verträge? Zerrissene Familien? Sie nahmen alles hin. Es gab ja bis zu 3000 Yuan im Monat, wenn man bis zum Umfallen schuftete, auf dem Bau, in Fabriken, bei Reichen zu Hause. Fast 250 Euro, für viele ein Vermögen.

Mehr als 15 Millionen Bauern waren 1987 auf Wanderschaft gegangen. Heute sind es mehr als 260 Millionen Menschen, wie Chinas Nationale Statistikbehörde für 2012 errechnete. Es ist ein Drittel der weltweiten Binnenmigration. Massen, die sich auf den Weg machen, mit Massen an Problemen für sich und den Staat. Doch Chinas Regierung wagt sich nur zögerlich an Reformen.

Herr Liu, der in Peking alte Häuser abreißt, kommt aus Anhui, einer der ärmsten Provinzen im Südosten des Landes. Er ist Bauer. So besagt es das Melderegister, noch zu Mao-Zeiten 1958 erschaffen, um spontane Wanderbewegungen zu unterbinden und die Menschen zu kontrollieren. Nach der Bodenreform in den 50ern schafften die Kommunisten ein duales System von ländlichen und städtischen Haushalten – mit unterschiedlichen Rechten. Der „Bauer“ bekam Anspruch auf ein Stück Land, der „Städter“ erhielt subventionierten Wohnraum, ein Anrecht auf eine Arbeitsstelle und den Zugang zur Bildung, Kranken- und Altersvorsorge. Es war ein Weg, den Zugang zu den öffentlichen Gütern zu regulieren.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Ungerechtigkeit in Gesetzesform

Spätestens in den 90ern haben sich die Zuweisungen von Ressourcen überholt. Der „Hukou“ aber, die Haushaltsregistrierung, ist bis heute geblieben, in jedem chinesischen Personalausweis steht die Heimatprovinz drin. Es ist ein System, das Ungerechtigkeit in Gesetzesform verpackt. Kritiker beklagen seit langem, dass der Hukou aus Bauern Menschen zweiter Klasse macht. In verklausulierter Sprache gibt das mittlerweile auch die Partei zu. Auf dem gerade zu Ende gegangenen Parteikongress hieß es, die Verteilung öffentlicher Mittel solle „ausgewogen“ sein. Wie und wann das Meldesystem reformiert wird, blieb aber unklar.

Bislang sind nahezu alle staatlichen Leistungen – Schule, Versicherungen, Rente – an den Hukou gebunden. Sich als registrierter Bauer einen Stadt-Hukou zu beschaffen ist gerade für die Zugezogenen unmöglich. Der durchschnittliche Lohn für Menschen wie Herrn Liu, so heißt es bei der Nationalen Statistikbehörde, lag 2012 bei 2290 Yuan (etwa 280 Euro), knapp 20 Euro mehr als noch 2011. „Für 800.000 Yuan gibt es auf dem Schwarzmarkt den Peking-Hukou“, erzählt Zhang Meiling (Name geändert).

Umgerechnet fast 100.000 Euro. „Unvorstellbar viel Geld!“, sagt die 27-jährige Lehrerin. Sie hat, ganz anders als der Arbeiter Liu, die Uni abgeschlossen, hat in Privatschulen in der Hauptstadt unterrichtet – weil sie es aus ihrer Kleinstadt zum Studieren in eine Großstadt im Nordwesten des Landes schaffte. „Genug Punkte beim Gaokao geholt.“ Ein chinesisches Abitur, mit viel Drill und Tränen hinter sich gebracht.

Das System macht nur kleine Schritte

Ein „Bauernkind“ ist sie geblieben. Aus Henan, der Nachbarprovinz von Anhui, war sie vor mehr als sechs Jahren nach Peking gekommen. In manchen Statistiken steht, dass 80 Prozent aller, die in der Hauptstadt leben, keinen Hauptstadt-Hukou haben. Eine Stadt voller „Menschen von außerhalb“ also. „Ich habe hier einen interessanten Job, einen guten Verdienst. Für meinen Sohn gibt es ebenfalls mehr Möglichkeiten“, sagt Zhang Meiling. Es sind Chancen, für die sie zahlen muss. Denn auch ihr Sohn hat einen Hukou aus Henan, mag er in Peking geboren sein. Sie muss zu befreundeten Ärzten laufen, muss sie bestechen, wenn der Kleine krank wird. Zur Schule gehen darf er ebenfalls nicht in der Hauptstadt. „Ich muss ihn, wenn er sechs ist, zu meinen Eltern nach Henan schicken.“

Das System macht nur kleine Schritte. Seit kurzem müssen Kinder aus ausgesuchten Provinzen ihren Abschluss nicht mehr in der Heimat machen, wenn sie dort nicht mehr wohnen. So kann ein Schüler aus Guangzhou in Peking seine Uni-Zulassung bekommen.

Ein neuer Plan

Die Regierung probiert aus. Schließlich hat sie einen neuen Plan ausgearbeitet: Urbanisierung. Bis 2025 sollen 250 Millionen Menschen zu Städtern werden, zusätzlich zu den 400 Millionen Chinesen, die bereits jetzt in Städten leben, wenn auch millionenfach mit einem Bauern-Hukou. Denn Städter, so denken die Parteiführer, sind Konsumenten. Und Konsumenten halten die Wirtschaft am Laufen, die nach Jahrzehnten des Wachstums langsam ins Stottern kommt.

Soll Herr Liu bald einen Fernseher kaufen, ein iPad und ein Auto? Eine Waschmaschine hätte seine Frau gern. Aber so viel Geld dafür ausgeben? Herr Liu traut sich nicht. Und wenn er morgen krank werde? Oder sie? Die Behandlung koste doch viel. Wovon sollte er leben, ohne Rente?

Klar, die Kinder helfen, aber sie hätten selbst nicht viel, seien ja auch Wanderarbeiter. Herr Liu bastelt an seinem Hundekäfig weiter. „Ich bleibe ein einfacher Bauer.“

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Dossier

Flucht und Zuwanderung



Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Terror, viele sterben auf dem Weg nach Europa. Dort steht die Politik vor Herausforderungen. Wenige protestieren, viele Menschen helfen.

Dossier-Übersicht - alles auf einen Blick
Kommentare und Leitartikel - Meinung der FR
Zuwanderung in Rhein-Main - Lage vor Ort

Asyl-Quoten

Verteilung der Asylsuchenden auf die Bundesländer nach dem "Königsteiner Schlüssel"

Daten: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Stand: 2015, Karte: Monika Gemmer