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Flucht und Zuwanderung

22. Februar 2016

Clausnitz: Tillichs rassistische Rhetorik

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Stanislaw Tillich meint nach dem widerlichen Wutausbruch von Clausnitz, dieselben Leute, die er lange verharmlost hat, umso härter verurteilen zu müssen.  Foto: REUTERS

Lange begegnet Tillich den Parolen und Taten von Rechts mit erstaunlicher Milde. Jetzt, nach Clausnitz, will er die Verharmlosten umso härter verurteilen und bedient sich ihrer menschenverachtenden Rhetorik. Ein Kommentar.

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Wollte man zynisch werden, könnte man sagen: Nach allem, was man derzeit aus Sachsen hört, ist Stanislaw Tillich der ideale Ministerpräsident dieses Bundeslandes. Aber das wäre eine Beleidigung für all die Menschen, die sich den Parolen und der Gewalt der Rassisten entgegenstellen. Deren Ministerpräsident ist Tillich sicher nicht. Dazu ist er den Rechten zu ähnlich.

Man weiß von dem CDU-Politiker seit einigen Jahren, was er lange verschwiegen hatte: Als Jungkader der systemtreuen Ost-CDU hat er in der DDR auch mal eine Schulung in Marxismus-Leninismus besucht. Das einzige, was davon hängengeblieben ist, war offenbar ein Hang zur Dialektik. Denn es ist ihm gerade gelungen, mit zwei scheinbar entgegengesetzten Verhaltensweisen genau das Gleiche zu tun: seine gefährliche Nähe zu autoritären Strömungen zu dokumentieren.

Erst begegnete Tillich den Parolen und Taten von rechts mit erstaunlicher Milde, verbunden mit Sympathien für die Abschottung gegen Flüchtlinge. Jetzt aber, nach dem widerlichen Wutausbruch von Clausnitz, meint er dieselben Leute, die er lange verharmlost hat, umso härter verurteilen zu müssen.

Schön, wenn einer dazulernt und die Grenze zu den Hasspredigern von rechts endlich deutlich markiert, könnte man sagen. Aber wie macht Tillich das? Indem er sich der gleichen menschenverachtenden Denkmethoden bedient wie die Rassisten. Er verletzt die humanitäre Mindestregel, die da lautet, dass auch böse Menschen, selbst Verbrecher, als Menschen anzusehen sind: „Das sind keine Menschen, die so was tun“, sagte er über die Täter von Clausnitz und Bautzen, „das sind Verbrecher“.

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Es galt einmal als zivilisatorische Errungenschaft, dass – erst recht in Deutschland – kein Mensch jemals wieder ausgegrenzt wird aus der menschlichen Gemeinschaft. Wer Hass predigt, ist zu bekämpfen, wer Straftaten begeht, zu verfolgen. Aber der Kern, die Menschenwürde, ist unantastbar. Das sollte ein deutscher Regierungschef wissen, sonst wird er denjenigen, die in Clausnitz andere Menschen als „Ungeziefer“ beschimpften, zum Verwechseln ähnlich. Und das ausgerechnet in dem Moment, da er sich endlich zur Verurteilung ihres Tuns bequemt. Ja, das ist Dialektik, aber vor allem ist es eine ziemliche Schande.

Erstaunlich übrigens, dass dieser Satz von Stanislaw Tillich mit wenigen Ausnahmen in der Öffentlichkeit einfach hingenommen worden ist. Als wäre es erträglich, dass einer wie er ein deutsches Bundesland regiert.

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