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Flucht und Zuwanderung

22. Februar 2016

Flüchtlinge: „Vieles, was Merkel sagte, gilt nicht mehr“

 Von Lisa Boekhoff und Steven Geyer
Der Moment, der sie für kurze Zeit weltberühmt machte: Hassan Alasad aus Syrien macht im Flüchtlingsheim in Berlin-Spandau ein Selfie mit Angela Merkel, ...  Foto: dpa

Durch ein Selfie mit Kanzlerin Merkel wurden sie weltberühmt. Jetzt blicken Hassan Alasad und Shaker Kedida noch immer in eine ungewissen Zukunft. In der FR sprechen sie darüber, wie die Fotos ihre Leben veränderten.

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Die gelbe Backsteinburg, die noch im September die Kulisse eines Spätsommermärchens war, liegt im Nieselregen. Damals besuchte Angela Merkel das Erstaufnahmeheim für Asylsuchende in Spandau, im Berliner Nordwesten. Die Einwohner bejubelten sie, wollten sich mit ihr fotografieren, Merkel lächelte in die Handykameras. Pressefotos zeigen, wie sie mit zwei Flüchtlingen für ein Selfie posiert, fast Wange an Wange. Zwei davon wurden zu Bildern des Jahres, zu Symbolen für die Willkommenskultur – und bald auch für die Zweifel daran. Nur die Geschichte der beiden Männer darauf kennt fast keiner: Der Syrer Hassan Alasad, 43, floh vor einem knappen Jahr aus Aleppo, als er fast durch eine Bombe gestorben war. Der Iraker Shaker Kedida, 42, zählt zur religiösen Minderheit der Jesiden und wurde vom IS aus seinem Dorf bei Mossul vertrieben. Die beiden vereint viel: die arabische Sprache, die lebensbedrohliche Flucht mithilfe brutaler Schmuggler – und die berühmten Fotos, die sie zeigen, wie sie nur Wochen nach ihrer Ankunft in Berlin ein Selfie mit der Kanzlerin knipsen. Dabei konnte Alasad, als das berühmte Pressebild entstand, vor Trubel gar nicht abdrücken. Kedida hat sein Selfie noch auf dem Handy, wie auch die Titelseiten deutscher, englischer, schwedischer, sogar indischer Zeitungen, die ihn an Merkels Seite druckten.

Herr Alasad, Herr Kedida. Die beiden Bilder mit Ihnen und der Kanzlerin gingen um die Welt. Wie erinnern Sie sich an den Tag, als sie entstanden?
Hassan Alasad: Ich wollte gerade zum Deutsch-Unterricht, da hörten wir, dass es hohen Besuch geben soll. Es war ein großartiges Gefühl, die Person kennenzulernen, die sich so um uns kümmert. Sie war ganz nah und schaute nach, wie es uns geht. Im Internet gaben sie ihr danach den Namen „Mutter Merkel“.

Shaker Kedida: Er war so ein schöner Tag! Im Irak gibt es das nicht, dass jemand ihrer Position zu normalen Menschen wie uns kommt. Da hätte ich mich nicht mal mit einem einfachen Soldaten fotografieren können – und dann das. Sogar aus Schweden, Holland und Irak meldeten sich Bekannte: Wir haben auf dem Zeitungsfoto gesehen! Mein Selfie habe ich bei Facebook gepostet, inzwischen haben mehr als 2700 Menschen „gefällt mir“ geklickt.

Frau Merkel hat sich drinnen mit einer syrischen Familie unterhalten. Was hätten Sie sie gern gefragt?
Alasad: In dem Moment wollte ich mich nur bei ihr bedanken, bei den Deutschen insgesamt. Und ich bin immer noch dankbar – aber auch enttäuscht. Käme sie heute, würde ich mich beschweren.

Worüber?
Alasad: Die Bürokratie entspricht nicht dem, wofür Merkel steht. Auf dem Amt wirkt alles willkürlich. Anträge von Menschen, die erst kurz in Deutschland sind, werden innerhalb einer Woche bearbeitet. Andere warten Monate und Jahre, bis ihr Aufenthaltsrecht geklärt ist. Ich will unbedingt arbeiten, aber keiner hilft mir dabei.
Kedida: Ich sehe es anders. Wir müssen geduldig sein. Die Deutschen haben viel Geduld, also müssen auch wir Geduld haben. Ich habe einen Anwalt, der sich um meine Unterlagen kümmert. So ist das Gesetz hier, man kann keinen bestechen, damit es schneller geht.

Auf Ihren Selfies vom September strahlen Sie so viel Optimismus aus. Merkel hatte gerade den Satz gesagt: „Wir schaffen das.“ Spüren Sie, dass sich diese Stimmung im Land gewandelt hat?
Kedida: Ja. Das Problem ist, was in Köln passiert ist. Das lastet man uns an, seitdem hat sich viel geändert.
Alasad: Das hat doch mit uns nichts zu tun! Es widerspricht unserer Art, unserer Erziehung und Religion!
Kedida: Trotzdem gilt viel von dem, was Merkel damals sagte, heute nicht mehr. Das Aufenthaltsrecht wurde gekürzt, der Familiennachzug gestoppt. Sie haben die Wege zugemacht. Ich habe Angst um meine Familie im Irak. Ich habe aber auch Angst, sie übers Meer zu holen.
Alasad: Es kommen einfach zu viele, die nicht kommen müssten: aus Afghanistan, Iran, Serbien, Albanien. Wenn in unserem Land kein Krieg wäre – wir wären dort geblieben.

Das Heim, in dem die Männer in Mehrbettzimmern leben, war früher eine Kaserne: die Flure sind lang, die Zimmer kahl, das Linoleum ist grau. Die AWO ist Betreiber, es gibt Sozialarbeiter und etwas Programm für die Familien, die derzeit hier sind. Es sei nicht vorgesehen, dass man so lange in der Erstaufnahme bleibt wie viele hier, auch Hassan Alasad und Shaker Kedida, sagt Thomas Terber von der Heimleitung. Aber die Verfahren dauern länger, es fehlt an Anschlusswohnungen und hier sei Platz, weil nicht mehr so viele nachkommen. Also warten sie, Alasad brennt darauf, arbeiten zu dürfen: Er war schon immer ein Macher, ging zu Friedenszeiten aus Syrien für einen Job nach Bulgarien. Kedida ist leiser, wirkt fast eingeschüchtert. Vor dem IS floh er mit seiner Frau und fünf Kindern in die Kurdengebiete im Irak. Im Flüchtlingsgebiet dort war es sicherer, aber ärmlich, fremd, perspektivlos. Er wollte seine Familie da rausholen und brach nach Deutschland auf, um sie von da offiziell nachreisen zu lassen, ohne Schlepper. Als er Merkel traf, erzählt er ihr kurz davon.

Kedida: Ich sagte ihr, dass ich kurdischer Jeside bin. Die Jesiden sind den Deutschen sehr dankbar. Sie wissen, dass Merkel ein Herz für uns hat, viele fliehen deshalb hierher. Die Deutschen sind so herzliche, liebe Menschen! Deutschland ist nun unsere zweite Heimat. Die muslimische Gesellschaft hat uns getrennt, unsere Kinder umgebracht. Gehen wir zurück, sterben wir. Ich bin jetzt 42 und habe keinen schönen Tag gesehen. Immer war Krieg.

Wie geht es Ihrer Familie heute?
Kedida: Ich sorge mich Tag und Nacht um sie, grübele, wie ich sie herholen kann. Aber die Wege sind jetzt zu, ich kann nicht zurück. Und in meiner Heimat fallen den ganzen Tag Bomben.

Herr Alasad, Sie sind geschieden, ihr Sohn und seine Mutter leben noch in Bulgarien. Sie gingen wieder nach Aleppo. Wann waren Sie zuletzt da?
Alasad: Vor einem knappen Jahr erlebten mein Bruder und ich, wie vor unseren Augen eine Bombe explodierte. Zehn Menschen starben, überall lagen Beine und Hände. Da wussten wir: Wir müssen weg. Wenn du in Syrien bleibst, musst du kämpfen – oder du stirbst. Aber wir wollen leben, unsere Kinder groß ziehen. Ich bin kein Mensch, der die Waffe erhebt, egal für wen. Wer Präsident wird, ist mir egal. Unser Land war so schön, meine Familie war wohlhabend. Nichts ist uns geblieben.

... ebenso wie Shaker Kedida aus Mossul.  Foto: dpa

Gehen Sie zurück, wenn Frieden ist?
Alasad: Das würde ich mir überlegen. Ich könnte hier etwas lernen, mit dem ich dort wieder etwas aufbauen kann. Aber kommt der Frieden jemals? Vor dem Krieg lebten wir zufrieden und sicher, keiner fragte, ob du Schiit, Sunnit oder Jeside bist.

Herr Kedida, Sie haben in einem Dorf bei Mossul gelebt und sich als Bauer selbst versorgt. Haben die Menschen versucht, sich zu wehren, als der IS einfiel?
Kedida: Wie denn? Mit Waffen, in die vier Patronen passen? Der IS überrannte unsere Dörfer, brachte die Menschen um, 23 Familienmitglieder meiner Frau wurden entführt und misshandelt. Einige Männer versuchten, sich zu wehren. Aber die Regierungsarmee floh, die kurdischen Kämpfer auch. Die Sunniten der Umgebung ließen den IS einfach durch. So kam der Terror, und er blieb. Meinen Cousin haben sie umgebracht, nur weil er Alkohol verkaufte.
Alasad: Ich bin Sunnit. Der IS ist sunnitisch. Aber sie missbrauchen die Religion. Stark sind sie, weil so viele Regierungen sie unterstützen. Wir normalen Leute haben damit nichts zu tun. Was in Syrien passiert, ist vor allem Politik.

Wie sieht Ihr Alltag hier aus?
Alasad: Ich stehe morgens auf, trinke meinen Kaffee, rede mit meinem Bruder, rufe meinen Sohn an. Dann bereite ich mich auf den Deutschkurs vor und gehe zur Schule. Erst seit gut zwei Monaten lerne ich Deutsch. Eigentlich kann ich in dieser Zeit eine Sprache lernen, aber mir geht es psychisch und körperlich nicht gut. In der Schule verstehe ich alles. Aber zu Hause habe ich nicht mehr die Kraft, ein Buch aufzuschlagen.
Kedida: So geht es mir auch. Meine Familie ist in meinem Kopf. Ich denke so viel über sie nach, über alles Mögliche. Ich würde gern zu meiner Schwester nach München ziehen, aber mein Aufenthaltsrecht ist noch ungeklärt ... Aber es wird schon werden.

Kedida könnte Kontakt zu anderen Jesiden suchen, aber er sei gern allein für sich, erzählt er. Abends trinke er ein Bier, um sich zu beruhigen. „Er ist sehr schüchtern. Ich bin glücklich, dass ich ihn dazu bekommen habe, so viel zu reden“, sagt Übersetzerin und Sozialarbeiterin Er Asmahan. Was in ihrer Heimat geschieht, erfahren die Männer von Freunden über ihre Handys, den Meldungen im Internet trauen sie nicht. Während Alasad sich viel von Berlin ansieht, würde Kedida am liebsten den ganzen Tag im Zimmer verbringen. Er läuft nur zum Deutsch-Unterricht nahe dem Rathaus Spandau und zurück. Alasad hat einen Ladenbesitzer kennengelernt, der jeden Samstag Freunde und Flüchtlinge in sein Geschäft einlädt, um gemeinsam zu kochen und Deutsch zu reden. Der Syrer schwärmt von der Abwechslung und zeigt ein Foto von sich vorm Buffet: ein Selfie. „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“, hat Merkel zur Kritik an der Willkommenskultur gesagt. Auch für die Selfies musste sie sich rechtfertigen, weil die noch mehr Flüchtlinge angelockt hätten. Merkel hat ihren Kurs gehalten, aber das Asylrecht wurde schnell immer weiter verschärft. Längst wird orakelt, dass ihre Kanzlerschaft an ihrer Flüchtlingspolitik scheitern könnte: Auch das könnte man dann mit den Selfies illustrieren.

Wissen Sie, dass Merkel für die Selfies mit Ihnen viel kritisiert wurde?
Kedida: Aber das war doch nur eine kleine menschliche Geste.
Alasad: Es kann schon sein, dass nach diesen Fotos viele Flüchtlinge nach Deutschland wollten, weil sie hofften, freundlich aufgenommen zu werden. Aber da waren sie schon auf der Flucht. Frau Merkel zeigte nur Barmherzigkeit. Zugleich ist sie eine kluge Frau: Sie weiß, dass sie ihr Land auf lange Sicht stärkt. Nach ein paar Jahren, wenn die Flüchtlinge angekommen sind, wird Deutschland von deren Arbeitskraft profitieren.

Viele Deutschen fürchten inzwischen, dass sich Deutschland mit so vielen Flüchtlingen übernimmt.
Kedida: Deutschland? So wie in unseren Ländern wird es hier nie werden! Die Menschen haben Köpfchen. Auch wenn es mal etwas aggressiver zugeht, wie in der Bahn, kommt es nie zu Gewalt. Im Irak stehen in jeder Wohnung vier verschiedene Waffen. Das ist eine Sünde.
Alasad: Ich kann schon verstehen, dass man sich um die Kosten sorgt – wenn die Flüchtlinge nur herumsitzen müssen. Aber das Geld wird sich vermehren, wenn sie endlich arbeiten dürfen. Ich habe eine Idee: Jeder Flüchtling müsste zwei Stunden zum Deutschkurs gehen und danach vier Stunden zum Praktikum, um in einen Beruf einzusteigen. Da, wo hier Arbeiter fehlen. Ich kann jedenfalls nicht erwarten, dass ich endlich arbeiten darf.

Interview: Lisa Boekhoff und Steven Geyer

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