Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Flucht und Zuwanderung

05. September 2015

Flüchtlinge: Das Geschäft mit der Flucht

 Von 
Alltag auf Lesbos: Ein Kind erklimmt die Berge direkt hinter dem Strand der griechischen Insel, auf der es mit einem Flüchtlingsboot gelandet ist.  Foto: AFP

Der Andrang der Flüchtlinge nimmt weiter zu. Wo aber den benötigten Wohnraum hernehmen? Die Situation befördert einen ganz legalen Millionenmarkt, der von der Überforderung vieler Landkreise profitiert: Wie deutsche Firmen an der wachsenden Zahl der Asylsuchenden verdienen.

Drucken per Mail

Wie es läuft? „Inzwischen sehr gut“, sagt Markus Gildner. So gut sogar, dass die Flüchtlinge früher als geplant in seine Objekte einziehen können. Schon Anfang Dezember sollen 60 Asylsuchende in sechs eigens dafür gebauten Reihenhäusern unterkommen. Gerade sind die Handwerker beim Innenausbau, draußen wird der Außenputz aufgetragen. Farbig sogar.

Doch Gildner ist weder städtischer Beamter, noch barmherziger Samariter. Er ist Geschäftsmann, Bau- und Immobilienbranche. Und er scheut sich nicht, von einer „Flüchtlingsindustrie“ zu sprechen, die in Deutschland entstehe und mit Traumrenditen von 20 Prozent pro Jahr locke. „Das zieht auch unseriöse Glücksritter an“, sagt Gildner der FR. Er habe selbst gesehen, wen die Gemeinden angesichts des Mangels an Notunterkünften zu Betreibern von Asylheimen machen: „Leute, die vorher Autos verkauft haben, und jetzt aufs schnelle Geld hoffen.“

Der Andrang der Flüchtlinge schafft Mangel allerorts: von Unterkünften bis zu deren Ausstattung – und einen ganz legalen Millionenmarkt, der von der Überforderung vieler Landkreise profitiert. Da gibt es mehr oder weniger solvente Unternehmer, die früh genug Schrott-Immobilien kauften und sie nun zu Wucherpreisen an die Kreise vermieten. Und es gibt Firmen, die einen Heimbetreiber-Vertrag ergattern – und bald pleitegehen, weil sie die Kosten unterschätzen. Irgendwo dazwischen scheint sich die Firma Princess of Finkenwerder bewegt zu haben, die behauptete, mit Til Schweiger ein Asylheim im Harz eröffnen zu wollen. Die Behörden vor Ort haben das laut NDR inzwischen abgelehnt.

Der Unternehmer Markus Gildner will mit seinem Reihenhausprojekt für Flüchtlinge, das er im fränkischen Eckental als The People’s Project auf die Beine gestellt hat, nun beweisen, dass es anders geht: Für zwei Millionen Euro kaufte er das Grundstück und baute die Häuser, der Bezirk ging im Auftrag des Landes Bayern einen Mietvertrag über mehrere Jahre mit ihm ein, um darin Flüchtlinge dezentral unterzubringen, die Aussicht auf Asyl oder Duldung haben.

Einen Reibach werde er damit nicht machen, sagt Gildner. „Mit normaler Vermietung würde ich wohl mehr Gewinn machen.“ Zwar zahle der Bezirk neben der ortsüblichen Miete einen Aufschlag, aber durch die höhere Fluktuation sei der Verschleiß deutlich größer. Ihm gehe es aber darum zu zeigen, dass er als Immobilienentwickler Häuser bauen könne, die die hohe Nachfrage nach günstigem Wohnraum bedienen und doch Qualität bieten. Immerhin werde da der nächste Boommarkt nach den gehobenen Immobilien sein.

Den Vorwurf, ein Geschäftemacher der Asylindustrie zu sein, hat Gildner dennoch gehört – von Anwohnern, die keine Flüchtlinge in der Nachbarschaft wollten. Doch während der Franke sich dagegen verwahrt, wird dieser Vorwurf anderen Unternehmen auch von unverdächtiger Seite gemacht. „Im Moment ist der Mangel an Wohnraum für Flüchtlinge bundesweit so groß“, sagt der Vizechef von Pro Asyl, Bernd Mesovic, der FR, „dass die Landkreise froh über jeden privaten Anbieter sind.“

Längst hört man immer wieder davon, dass die Behörden in ihrer Not auf die gesetzlich vorgeschriebenen Ausschreibungen verzichten und potenzielle Anbieter direkt anrufen – seien es Hersteller von Wohncontainern, die längst knapp sind und inzwischen in aller Welt eingekauft werden; seien es Besitzer von Immobilien wie leerstehenden Pensionen oder Fabrikhallen. Über Preise wird kurz und unbürokratisch verhandelt – der Mangel lässt sie ohnehin seit Monaten ansteigen.

„Aus den 90er Jahren weiß man, dass daraus schnell ein korrupter Markt werden kann“, sagt Mesovic von Pro Asyl. Als langfristige Lösung müsse deshalb schnellstens ein neues Programm für sozialen Wohnungsbau aufgelegt werden. Kurzfristig sollten die Kommunen die Niedrigzinsen nutzen und ihre Wohnungsgenossenschaft selbst zum Bau oder Kauf von Immobilien einsetzen – der Bedarf an günstigem Wohnraum steige ohnehin.

Derzeit läuft es aber noch anders, sodass eben ganz andere von den wachsenden Flüchtlingszahlen profitieren. Und zwar, im Gegensatz zu den Schleuserbanden, die derzeit Millionengewinne einfahren, ganz legal.

Gratis-SIM-Karten für Mobiltelefone

Dabei sind die findigen Firmen, die sich spontan auf den akuten Bedarf eintreffender Flüchtlinge einstellen, noch die kleinen Fische: Der britische Telefonkonzern Lycamobile empfängt die Ankommenden schon an den EU-Außengrenzen mit Gratis-SIM-Karten für ihre Mobiltelefone. Die Flüchtlinge sind unterwegs auf Telefon und Internet angewiesen – die Gebühren fließen an Lycamobile. Auch Finanzdienstleister wie Western Union profitieren: Sie bieten die Möglichkeit, sich ohne Bankkonto Geld für die Flucht nachschicken zu lassen – gegen Gebühren von zehn Prozent aufwärts.

Brisanter ist jedoch, dass etliche Bundesländer den Betrieb von Asylheimen in Privathand geben. Denn wo die Landkreise noch ganz normal anmieten können, zahlen sie – wie beim fränkischen People’s Project – ortsübliche Preise. In vielen Fällen werden aber auch „Beherbergungsverträge“ mit Privatfirmen eingegangen: Sie versprechen den Unternehmern Kopfpauschalen, die je nach Region und Bedarf zwischen 6 und 30 Euro pro Flüchtling schwanken können. Da die Verträge öffentlich ausgeschrieben werden müssen, erhält dabei aber meist der billigste Anbieter den Zuschlag. Weil der auch bei niedrigen Pauschalen verdienen muss, spart er oft, wo er kann: am Essen, den Gebäuden, der Sicherheit.

In Sachsen, wo es einen Heim-TÜV zur Kontrolle der Unterkünfte gibt, werden nicht selten Schimmel, Schädlinge und Bauschäden festgestellt – und dennoch wird der Heimbetrieb so oft wie nirgends sonst an Privatfirmen vergeben.

Mehr dazu

Wozu fehlendes oder schlechtes Wachpersonal führen kann, wurde vorigen Herbst öffentlich: Fotos zeigten Wachmänner, die in nordrhein-westfälischen Heimen in Burbach und Essen Flüchtlinge misshandelten. Beide Unterkünfte wurden von European Homecare betrieben. Die Essener Firma ist der Marktführer, versorgt nach eigenen Angaben 5000 Asylbewerber in bundesweit 50 Heimen – und macht Millionen: Bereits von 2012 auf 2013 stieg ihr Umsatz um 72 Prozent auf rund 16,7 Millionen Euro, der Gewinn verdoppelte sich auf mehr als 1,4 Millionen Euro. Die neuesten Zahlen dürften noch besser ausfallen: Die Firma bekam auch nach dem Folter-Skandal weitere Aufträge.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Dossier

Flucht und Zuwanderung



Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Terror, viele sterben auf dem Weg nach Europa. Dort steht die Politik vor Herausforderungen. Wenige protestieren, viele Menschen helfen.

Dossier-Übersicht - alles auf einen Blick
Kommentare und Leitartikel - Meinung der FR
Zuwanderung in Rhein-Main - Lage vor Ort

Asyl-Quoten

Verteilung der Asylsuchenden auf die Bundesländer nach dem "Königsteiner Schlüssel"

Daten: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Stand: 2015, Karte: Monika Gemmer