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Flucht und Zuwanderung

27. November 2015

Flüchtlinge: Der irrsinnige Zaun an der Grenze zu Österreich

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Flüchtlinge auf dem Weg von Slowenien nach Österreich. Im Bereich um den Grenzübergang Spielfeld will die Regierung in Wien jetzt einen Zaun bauen.  Foto: Imago/Christian Mang

Die Regierung in Wien will an der Grenze zu Slowenien bei Spielfeld einen Zaun errichten. Die Menschen in dem Weinbauort in der Südsteiermark sehen die Pläne der konservativen Innenministerin mit Skepsis. Eine Reportage.

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Spielfeld. –  

"A Bledsinn ist das“, sagt der Unteroffizier, bläst sich seinen warmen Atem in die kalten Finger und vertritt sich die Beine, die er sich hier in den Bauch stehen soll. „Was die da oben sich da wieder ausdacht hom!“ Ein leiser Wind treibt die Blätter zusammen. Die rote Sonne strahlt freundlich und kalt von Slowenien herüber. Nicht einmal die gescheckte Katze, die mit hoch erhobenem Schwanz über die Straße stolziert, scheint sich vor irgendetwas zu fürchten.

Vor einer Woche hat das österreichische Bundesheer hier im Idyll Aufstellung genommen – mit zwei Rekruten, einem Unteroffizier, einem Armeelaster und einem olivgrünen Zelt. Mitten in der „steirischen Toskana“, wie die Hügel mit den strengen Pappelreihen über nebligen Tälern treffend genannt werden, soll noch vor Weihnachten ein Zaun stehen – zwei Meter hoch, einbetonierte Pfosten, bei Bedarf scharfkantiger Nato-Draht. Die Armee bewacht vorsorglich die riesigen Rotbuchen links der Straße.

„Der Zaun“ ist in Österreich seit Mitte Oktober schon das große Thema. Täglich strömten Tausende Flüchtlinge über den Grenzübergang beim Weinbauort Spielfeld. Täglich strömten Hunderte Anhänger der konservativen ÖVP zur ultrarechten FPÖ. Täglich trug Innenministerin Johanna Mikl-Leitner in ihrem langsamen, etwas unsicheren Ton schmallippig Statements vor.

Etwas musste passieren, und so sprach die Ministerin wie beiläufig „auch“ von „baulichen Sicherungsmaßnahmen“, nein, keinem Zaun, vielmehr „baulichen Sicherungsmaßnahmen“ und lieferte auch auf bohrende Nachfragen keine Übersetzung in konkretes Deutsch.

Zwei Wochen brauchte es, bis endlich alle den Zaun einen Zaun nannten. Wir brauchen keinen Zaun, sagte die SPÖ. Man könne ihn auch noch viel weiter ziehen, entgegnete die Innenministerin. Ein Zaun sei „nichts Schlechtes“.

Gitta Rupp bewohnt ein kleines Häuschen im Grenzort Berghausen. Ein bewegtes Leben hat die 69-Jährige nach England, in die Türkei, selbst nach Syrien und für fast zwei Jahrzehnte nach Deutschland geführt, bis sie in ihre Heimat zurückgekehrt ist und eine „Buschenschank“ aufgemacht hat, wie man hier Straußwirtschaften nennt.

Als unten im Tal die Flüchtlinge kamen, war Rupp von Anfang an dabei, organisierte Tee und Kleidung, warb im Ort um Verständnis, beruhigte junge Männer aus Syrien oder dem Irak, die alles nicht mehr aushielten und in Panik gerieten. Schon seit im Frühjahr die ersten Flüchtlingsfamilien in den Ort gekommen waren, wurde in Spielfeld diskutiert. Eine Gemeindeversammlung fiel freundlich aus. Zwar traten auch die üblichen Verdächtigen auf schimpften über „Islamisierung“, „Gutmenschen“ und „GrünInnen“. Aber viele applaudierten auch, wenn Gitta Rupp sprach. Am Ende gründete sich eine „Arbeitsgemeinschaft Flüchtlingspartnerschaften“. Die Ärzte der Umgebung organisierten unentgeltlich ein Behandlungszelt.

Flüchtlinge laufen durch das slowenische Örtchen Sentilj auf die österreichische Grenze zu.  Foto: rtr

Etwas passieren musste spätestens nach den „Durchbrüchen“ im Oktober. An zwei Tagen, an denen besonders viele unten im Tal ankamen, wurde es den Wartenden zu viel. Das Wetter war schlecht, es gab nichts zu trinken. Schließlich traten ein paar junge Männer die Absperrgitter um, und alle anderen liefen hinterher nach Österreich hinein. Beim ersten Mal etwa 1500 Menschen, beim zweiten Mal 800. Seither warten wieder alle geduldig.

Spielfeld, das ist ein Schloss, der Bahnhof, die Autobahn und die alte Bundesstraße mit den Duty-free-Shops und Zigarettenbuden, die einmal belebt waren, als der Übergang noch eine wichtige Station auf der Gastarbeiterroute war. Autobahn und Bundesstraße verlaufen durchs enge Tal mit seinen steile Hängen. Nach den „Durchbrüchen“ liefen manche über die Autobahn, andere über die Bahntrasse, die meisten auf der Landstraße. „Sie haben keinem was getan“, sagt Gitta Rupp. Und niemand kam auf die Idee, rechts und links auf die Hügel zu steigen – dorthin, wo jetzt der Zaun gebaut wird.

Aber der physische Durchbruch der Flüchtlinge war auch der politische Durchbruch für den Zaun. In den Postings der Lokalzeitung und in den sozialen Medien wiederholten sich die Geschichten: Flüchtlinge hätten „in die Kirche geschissen“, den Supermarkt geplündert, Afghanen sich im Zug nicht auf die Bank gesetzt, „weil da Christen gesessen haben“. Die Polizei kam mit dem Dementieren kaum mehr nach. „Das sind Rechtsradikale“, sagt Gitta Rupp, „die setzen das ganz gezielt in die Welt.“ Der Bürgermeister sagte: „Wir müssen die Bevölkerung schützen.“ Der Landeshauptmann dekretierte, die Menschen in Österreich hätten „berechtigt Angst“. In Wien ging es fortan nicht mehr um Zaun ja oder Zaun nein, sondern um Länge, Höhe, Breite.

Erich Polz, ein Winzer mit Hängen gleich an der Grenze, versteht das alles nicht. „Durch meinen Weinberg hier ist kein einziger Flüchtling gelaufen“, sagt er. Der Zaun zerstöre das „Lebensgefühl“ hier oben auf dem Hochgrassnitzberg, von wo man die Schwerlaster ganz fern und klein durchs Tal ziehen sieht. „Einen Grenzzaun hat es hier noch nie gegeben“, erzählt Polz, „nicht einmal gleich nach dem Krieg.“ Bauern, die Grundstücke auf der anderen Seite der 1919 gezogenen Grenze hatten, durften sie tagsüber bebauen – immer.

Die einstige österreichisch-jugoslawische Grenze gehört zum „Grünen Band“ entlang der Linie vom „Eismeer bis zum Bosporus“, die Europa einst in eine westliche und eine östliche Hälfte teilte. In der ehemaligen Todeszone hat sich eine Flora und Fauna erhalten, die anderswo verschwunden ist, und 24 Staaten entlang der Ost-West-Grenze haben unterzeichnet, hier die Natur zu schützen und vor allem keine Zäune mehr zu bauen. Gitta Rupp hat einen grenzüberschreitenden Wanderweg angelegt, vorbei an bronzezeitlichen Hügelgräbern und am Platsch, einem Aussichtsberg, von wo gleich zwei deutsche Dichter, Johann Gottfried Seume und Ernst Moritz Arndt, ins Windische hinüberschauten.

Obwohl in der steirischen Toskana der Eiserne Vorhang nie eisern war, stehen hier dicht an dicht Buchen von anderthalb Metern Durchmesser. „Der Wald konnte hier nicht genutzt werden“, erklärt der Naturschützer Johannes Gepp. Für die „Kanalisierung“ des Flüchtlingsstroms hat der Professor zwar Verständnis. Die aber werde ja ohnehin von der Landschaft geleistet. Die in Wien müssen ihren Zaun in extreme Steillagen bauen, Hänge, die kein Flüchtling je erstürmen würde – und gleichzeitig bleiben westlich davon 500 Kilometer offene Grenze.

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Die Regierung hat inzwischen die Kosten für den Zaun berechnet: 1,8 Millionen Euro für 3,5 Kilometer „bauliche Grenzsicherung“. Das Steuergeld für den Bau „kommt wenigstens Österreich zugute“, freut sich eine „Evi52“ im Netz. Es sind 500 Euro pro Meter, etwa das Zwanzigfache dessen, was man für ein solides Modell auf dem Markt bezahlen müsste. Alles andere wäre kleinlich gewesen.

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