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Flucht und Zuwanderung

12. September 2014

Flüchtlinge: Die Gestrandeten

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Die rettende Fähre im Blick: Afghanischer Migrant in Calais.  Foto: REUTERS

Sie haben sich durch die Wüste und über das Meer gekämpft, die Polizei und die Rechtsextremen überwunden. Aber am Ärmelkanal bleiben die Migranten sitzen. Im französischen Calais spitzt sich ihre Situation dramatisch zu.

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die Eisenmaschen auf das Meer gerichtet. Vielleicht träumt er von seinem Eldorado, dem nur 33 Kilometer entfernten England, wo er Aufnahme und Arbeit zu finden hofft. Vielleicht plant er auch den nächsten Einsatz und überlegt sich jeden Handgriff, nachts, beim Sprung über den Stacheldraht und dann auf einen der Sattelschlepper, die langsam durch das riesige Hafengelände von Calais kurven, um sich auf die Fähre nach Dover einzuschiffen.

Niemand hier an der Carnot-Schleuse interessiert sich für den Migranten auf der Parkbank. Wie er warten derzeit mehr als tausend in Calais auf den großen Sprung. Und jeden Tag werden es mehr. Am vergangenen Sonntag demonstrierten vor dem Rathaus 300 Rechtsextreme des Vereins „Sauvons Calais“ („Retten wir Calais“). „Sie verdrecken die Stadt“, hieß es auf einem Transparent, auf einem anderen: „Werfen wir sie raus!“

Mehr Einwohner berührt indes das harte Los der Flüchtlinge; einzelne Familien haben einen Somalier, Iraker oder Afghanen bei sich aufgenommen. Die schweigende Mehrheit von Calais schaut hingegen gar nicht mehr auf, wenn ihnen die dunkelhäutigen Männer auf dem Trottoir entgegenkommen – sie gehören längst zum Stadtbild.

„Sie wirken erschöpft, werden aber nie aggressiv“, sagt der Wirt im Bistro „La Nex“, wohin manche der Flüchtlinge kommen, um ihre Handybatterien aufzuladen. Bei Lidl, dem billigsten Supermarkt im Ort, decken sie sich mit Hühnerfleisch, Biskuits und Tee ein. Auch Omar und Asim, zwei Eriträer, schultern schwere Einkaufstaschen. Auf dem Rückweg erzählen sie, wie sie durch den Sudan und die Sahara geflüchtet sind. Ein Schlepper brachte sie an den gefürchteten libyschen Milizen vorbei ans Mittelmeer; dort setzten sie in einem Gummiboot nach Italien über und gelangten ohne Polizeikontrolle nach Nordfrankreich. Ihr Ziel: London.

England gewähre Flüchtlingen Asyl, bilde sie aus und gebe ihnen Arbeit, meint der flaumbärtige Asim, der sein Alter mit 17 angibt, um als minderjährig durchzugehen. Während er in Frankreich nur Probleme mit der Polizei und der Sprache vorhersieht, sagt er voller Überzeugung: „England is very nice for us.“

Die beiden Ostafrikaner schlagen einen Weg über ein stillgelegtes Eisenbahngleis ein. Bei einem halb versumpften Stadtkanal seifen sich ein paar Männer unter einem Abflussrohr ein. „Manchmal kommt Wasser“, erklärt Omar, „manchmal aber auch giftige Chemie aus der Farbenfabrik dort drüben.“ Aber die Migranten, die hier in den Sanddünen leben, halten es ohne Waschmöglichkeit nicht aus. „Ohne Wasser kriegst du die Krätze, die Hautkrankheit. Und wenn sie einer hat, springt sie auf alle anderen über“, erklärt der 43-Jährige, der seine drei Kinder in Eritrea zurückgelassen hat, aber nur ihretwegen nach England will: „Ich bin zu alt, um mich um meine Zukunft zu sorgen, aber ich will, dass meine Kinder nach Europa kommen und ein würdiges Leben führen können.“

Auf ihrem Weg über die verrosteten Schienen kommen ihnen zahlreiche Männer entgegen. „Sie gehen auf eine Demonstration gegen die Leute, die uns nicht wollen“, meint Asim. Gegen die extreme Rechte also. Die beiden Eriträer gehen allerdings nicht hin. Sie seien es nicht gewohnt, politische Parolen zu skandieren, meint Omar. In ihrer Hauptstadt Asmara lande man schnell im Gefängnis, wenn man etwas Falsches sage. „Nein“, korrigiert Asim sarkastisch, „schon wenn man was Falsches denkt.“

Am Stadtrand schlüpfen Omar und Asim hinter ihren Lidl-Taschen durch ein Loch im Maschendraht: „Willkommen im Dschungel – so heißt unser Lager.“ Es geht durch dichtes Gebüsch, auf dem Kleider zum Trocknen ausgebreitet sind. „Hier erhalten wir meist Wasser“, sagt Omar, auf eine Getränkefirma auf der anderen Straßenseite zeigend. In einer improvisierten Küche reinigt eine junge Frau einen Kochtopf.

Ein Flüchtling aus Eritrea vor einer Unterkunft in Calais.  Foto: REUTERS

Das wilde Lager ist eigentlich ein Fußballfeld. An den Seitenlinien reihen sich blaue Zelte der Hilfsorganisation „Médecins du Monde“ auf. Humanitäre Helfer sind aber nicht zu sehen. Und zwischen den Toren spielt niemand. Spannung liegt in der Luft. „Vorher wurden hier Turniere organisiert“, erinnert sich Omar, der seit einem Monat in Calais festsitzt. „Im Sommer kam es aber zum Streit mit den Sudanesen.“ Die Zusammenstösse machten bis nach Paris Schlagzeilen, da etliche Flüchtlinge mit Messerstichen verletzt wurden. „Die Sudanesen kontrollierten die besten Standplätze, wo man auf die Laster aufspringen kann“, erklärt Asim. Am Nordende des Fussballfeldes klettert der junge Eriträer die Böschung hoch. Bewachsene Sanddünen erstrecken sich bis zum Meer, unterbrochen von der Nationalstrasse N 216, der Zufahrt zum Fährhafen. Bei den Verkehrskreiseln müssen die Laster bremsen. „Dort warten wir nächstens hinter den Büschen, um aufzuspringen.“

Asim hat es zweimal versucht. Erfolglos, leicht verletzt. Der schlaksige Bursche wirkt nicht wie ein Stuntman. Er sagt es nicht, aber aus ihm sprechen Zweifel. Die Chauffeure wappnen sich immer besser, denn sie zahlen eine saftige Strafe von mehr als tausend Pfund, wenn sie in Dover mit Migranten an Bord erwischt werden. Sie installieren Kameras hinter ihrem Gefährt, sie bewaffnen sich mit Schlagstöcken.

Früher schafften es jede Nacht etwa zwanzig Flüchtlinge ins gelobte England. Das entspricht etwa der Zahl der täglichen Ankünfte in Calais. Jetzt gelingt die Kanalüberquerung aber nach Polizeischätzungen nur noch einer Handvoll Migranten pro Tag; durch den hochgesicherten Eisenbahntunnel unter dem Meer versuchen sie es gar nicht mehr erst. So stauen sie sich in den wilden Lagern in der und um die Stadt. Calais, der wenig einladende Grenzort, wo Reisende kaum je halt machen, ist für sie zur Sackgasse geworden.

Die Briten stellen sich quer

Vor einer Woche entlud sich die Spannung auf eine neue Art. Mehrere hundert Migranten drangen erstmals en masse in die bewehrte Hafenzone ein. „Dort rannten sie durch“, sagt Asim und zeigt auf eine Einfahrt mit dem Schild: „Get your passport ready“ – „Halten Sie Ihr Reisedokument bereit“. Großbritannien ist schließlich kein Schengenland. Wer eine Reservierung hat, benutzt die linke Fahrbahn, die anderen die rechte. Die Migranten hatten weder Pass noch Reservierung, aber den Mut der Verzweiflung: Sie überrannten die Sperren und liefen direkt auf die Fähren zu.

Im letzten Moment konnte das Personal die Ladebrücken hochziehen. Die Migranten standen am Ende der Kais, wussten nicht mehr weiter und ließen sich von der Polizei abtransportieren. Die allermeisten kamen wieder frei: Wer nicht die Dummheit begeht, einen Pass vorzuzeigen, kann nicht in das EU-Ersteintrittsland wie Italien oder Griechenland zurückgeführt werden. Nachts kann er den Sprung über den Kanal erneut versuchen.

Die absurde Situation dieser Migranten im Herzen von Europa ruft nach einer Revision und einer Harmonisierung des europäischen Ayslrechts. Die Briten wollen aber nicht. Sie schenken Calais bloß die Umzäunungen des letzten Nato-Gipfels. Die konservative Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchard, eine ehemalige „Sarkozystin“, verweigerte den Migranten jahrelang jede Hilfe. Doch vor einer Woche setzte sie im fernen Paris durch, dass die Flüchtlinge wenigstens tagsüber ein Empfangsareal erhalten. Dort sollen sie zumindest essen und sich waschen können; außerdem wird die UN-Flüchtlingsagentur UNHCR ein Büro einrichten, das laut dem Delegierten William Spindler eine „korrekte Auskunft über die Realität in England“ vermitteln soll. Das heißt, es soll den Migranten klarmachen, dass man es als Migrant jenseits des Ärmelkanals nicht unbedingt leichter hat als im Rest Europas.

Bei Asim und Omar ist die Botschaft noch nicht angekommen. Sie interessieren sich nicht für das UNHCR, sondern den Wetterbericht. „Heute Nacht soll es bewölkt sein“, freut sich Asim. „Da sehen uns die Chauffeure nicht, wenn wir auf die Laster klettern.“

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